blz_logo12,9
Berliner Zeitung | Interview mit Spandauer BMW-Chef: „Elektrifizierte urbane Mobilität ist die Zukunft“
11. December 2014
http://www.berliner-zeitung.de/390756
©

Interview mit Spandauer BMW-Chef: „Elektrifizierte urbane Mobilität ist die Zukunft“

Werkleiter im „Blaumann“: Marc Sielemann, Chef des Spandauer BMW-Werks.

Werkleiter im „Blaumann“: Marc Sielemann, Chef des Spandauer BMW-Werks.

Foto:

BMW

Berlin -

Seit BMW im Jahr 2005 an Mercedes vorbeizog, ist der Münchner Konzern im sogenannten Premiumgeschäft der Fahrzeugproduktion weltweit die Nummer eins. Mittlerweile gehören auch die Marken Mini und Rolls-Royce zu BMW. Angefangen hatte das Fahrzeuggeschäft jedoch mit Motorrädern, die seit 45 Jahren in Berlin produziert werden. Marc Sielemann leitet das Werk in Spandau. Der 47-Jährige ist leidenschaftlicher Biker. Sein erstes eigenes Motorrad war allerdings eine 350er Suzuki.

Herr Sielemann, der BMW-Konzern wird das Jahr voraussichtlich mit einem ansehnlichen Verkaufsplus abschließen. Ihr Verdienst?

Nichts gegen Berliner Selbstbewusstsein, aber das wäre doch vermessen. Was die Zahl der Fahrzeuge angeht, fertigen wir hier in Berlin nur etwa fünf Prozent aller BMW-Fahrzeuge. Aber wir haben unseren Anteil an dem guten Ergebnis.

Das bedeutet konkret?

Dass das Berliner Motorradwerk das Jahr mit einem neuen Rekord abschließen wird, dem vierten in Folge. Bereits im September rollte das 100 000. Motorrad vom Band. Genau so viele Fahrzeuge haben wir noch 2010 im gesamten Jahr produziert.

Sie werben damit, in den Reifen der Motorräder Berliner Luft in alle Welt zu exportieren. Wie hoch ist der Exportanteil?

Deutschland ist weiterhin der größte Einzelmarkt für uns. Aber mehr als 80 Prozent der Motorräder werden exportiert.

Mit einer 15-Millionen-Euro-Investition wurden vor gut drei Jahren die Sechszylindermodelle ins Produktportfolio aufgenommen, um auf dem US-Markt zu wachsen. Ist die Rechnung aufgegangen?

Es ging vor allem darum, uns im Luxussegment des Zweirad-Geschäfts zu etablieren. Das ist gelungen. In die USA liefern wir mittlerweile etwa jede vierte Maschine der 1 600er-Baureihe. Das Modell passt und ist dort auf großes Interesse gestoßen. Unser Marktanteil ist damit gewachsen, aber auch noch ausbaufähig. In punkto Design und Komfort wollen wir noch mehr den speziellen Geschmack des amerikanischen Kunden berücksichtigen. Ich denke da auch an Modelle, die eher im sogenannten Cruiser-Segment angesiedelt sind.

Wie schwierig ist das Russland-Geschäft?

Schwierig, aber das Volumen fällt kaum ins Gewicht. Spanien, Frankreich und Italien bereiten uns größere Sorgen.

Das sind genau die Länder, in denen BMW drei Viertel der erst 2012 aufgenommenen Roller-Produktion verkaufen wollte.

Tatsächlich bekommen wir gerade dort die Eurokrise zu spüren. Zwar kommen wir in Deutschland im Segment der Maxi-Scooter auf einen stolzen Marktanteil von rund 30 Prozent, aber der Gesamtmarkt hat sich noch nicht wieder erholt und ist weiterhin rückläufig, allein im letzten Jahr um 21 Prozent.

2013 hatte BMW knapp 10 000 Roller produziert. Wo liegen Sie 2014?

Das kann ich abschließend noch nicht sagen, aber per Oktober hatten wir 5500 Scooter ausgeliefert. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Entscheidung für den Roller grundsätzlich richtig war. Die urbane Mobilität wird zunehmen, und dafür ist ein Roller genau richtig.

Aber dafür muss der Roller nicht unbedingt einen Motor mit 600 Kubikzentimetern haben. Denkt BMW auch über kleinere Motoren nach?

Nicht nur das. Wir werden zusammen mit dem indischen Hersteller TVS ein entsprechendes Modell mit weniger als 500 Kubik auf den Markt bringen. Heute ist BMW in einem Marktsegment unterwegs, das weltweit ein Volumen von 800 000 bis 900 000 Fahrzeugen hat. Der Gesamtmarkt für motorisierte Zweiräder umfasst allerdings rund 110 Millionen Fahrzeuge im Jahr. Das zeigt die Möglichkeiten sehr deutlich.

Werden die Fahrzeuge dann ebenfalls in Berlin produziert?

Nein, das wird in Indien geschehen. Die Fahrzeugkonzepte werden von BMW entwickelt. Von dieser gemeinsamen Basis werden dann sowohl für die Marke BMW wie auch für die Marke TVS eigenständige Modelle abgeleitet.

Ist das der Anfang eines Rückzugs aus Berlin?

Überhaupt nicht. Wir lassen ja schon jetzt Motorräder in Brasilien und Thailand montieren, wobei wir die Teile größtenteils aus Berlin liefern. BMW hat in den vergangenen zwölf Jahren 300 Millionen Euro in das Berliner Werk investiert. Wir produzieren hier seit 1969 Motorräder, und das bleibt auch so. Außerdem haben wir gerade erst ein 40 000 Quadratmeter großes Nachbargrundstück übernommen. Das haben wir nicht getan, um mit den Bodenpreisen zu spekulieren.

Was haben Sie vor?

Das ist noch nicht spruchreif, aber natürlich wollen wir, dass das Volumen hier im Berliner BMW Werk weiter wächst. Im Moment haben wir 23 Modelle im Programm. Bislang gab es jährlich vier bis fünf Modellanläufe, und wir wollen dieses Tempo nicht verlangsamen.

Mit rund 1 900 Arbeitsplätzen ist BMW einer der größten Industriearbeitgeber in der Stadt. Glauben Sie, dass Berlin noch das Potenzial für neue Industriearbeitsplätze hat.

Davon bin ich sogar überzeugt. Es ist doch unbestritten, dass Berlins Start-up-Szene international einen guten Ruf und Bedeutung hat. Da geht es ja nicht nur um Software, sondern auch um Chemie oder Gerätetechnik. Daraus kann sich viel entwickeln. Produktion ist das Rückgrat der deutschen Industrie. Ich glaube auch an die Elektromobilität. Wo, wenn nicht in Berlin?

Wie läuft denn der BMW-Elektroroller? Im Mai haben sie mit der Produktion begonnen. Die Startkapazität lag bei zehn Rollern am Tag.

Wir liegen aktuell bei 100 bis 120 Fahrzeugen im Monat. In den Wintermonaten produzieren wir naturgemäß weniger.

Das sind etwa fünf Roller am Tag.

So ist es. Aber Sie sehen mich völlig entspannt. Niemand hatte erwartet, dass der E-Scooter sofort an die Spitze der Bestsellerlisten rast. Wir sind aber im Rahmen unserer Erwartungen unterwegs und von dem Produkt absolut überzeugt. Elektrifizierte urbane Mobilität ist auf lange Sicht die Zukunft.

Ist der E-Roller mit 15 000 Euro vielleicht zu teurer?

Nein. Er ist teurer als ein vergleichbarer Roller mit Verbrennungsmotor, aber er ist dafür auch ein technisch einzigartiges Produkt. Es gibt nichts Vergleichbares. Und der Strom für 100 Kilometer kostet nur zwei Euro.

Die Motorradstaffel der Berliner Polizei fährt bekanntermaßen vorzugsweise Motorräder von BMW. Wann steigt die Polizei eigentlich auf den E-Roller um?

Das frage ich mich auch.

Das Gespräch führte Jochen Knoblach.


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?