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Interview mit Uwe Laue: „Wir würden auch in Stromtrassen investieren“

„Wir würden auch
in Stromtrassen investieren“Der Chef des Verbandes der Privaten Krankenversicherungen, Uwe Laue, über Rücklagen in Milliardenhöhe Billigtarife, Beitragssteigerungen und Ministerwechsel in die Wirtschaft

„Wir würden auch

in Stromtrassen investieren“Der Chef des Verbandes der Privaten Krankenversicherungen, Uwe Laue, über Rücklagen in Milliardenhöhe Billigtarife, Beitragssteigerungen und Ministerwechsel in die Wirtschaft

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AKUD/Lars Reimann

Uwe Laue ist nicht nur Chef des Verbandes der Privaten Krankenversicherung (PKV), sondern im Hauptberuf auch Vorstandsvorsitzender der Debeka-Versicherung, die ihre Zentrale in Koblenz hat. Zum Interview sitzt Laue zwischen gepackten Kisten im Berliner Büro des Verbandes in der Friedrichstraße. Der Verband braucht mehr Platz und zieht deshalb gerade um.

Herr Laue, Glückwunsch!

Zum neuen Büro?

Nein. Eines Ihrer Mitgliedsunternehmen, die Krankenversicherung der Allianz, hat Ex-Gesundheitsminister Daniel Bahr eingestellt. Ein Mann mit vielen Kontakten und Kenner des Gesundheitswesens. Insofern haben Sie einen guten Fang gemacht.

Tatsächlich ist Herr Bahr lange in der Gesundheitspolitik aktiv und ein ausgewiesener Experte. Der Schuster bleibt also bei seinen Leisten. Jetzt muss er etwas daraus machen. Ich bin gespannt.

Es gab Kritik, schließlich war Bahr als Minister Förderer der PKV. Haben Sie keine Bedenken, dass der Wechsel ein schlechtes Licht auf Ihre Branche wirft?

An dem Wechsel ist nichts Anrüchiges. Herr Bahr ist als Politiker von Anfang an voller Überzeugung für mehr Wahlfreiheit der Bürger eingetreten, ob sie sich gesetzlich oder privat versichern wollen. Man kann ihm doch nicht unterstellen, dass er als Minister etwas für die PKV getan habe, um jetzt dort einen Job zu bekommen. Ich denke, er hat im Traum nicht daran gedacht, sich so schnell eine neue Beschäftigung suchen zu müssen oder jemals in der Versicherungsbranche zu arbeiten.

Sie selbst arbeiten schon seit der Ausbildung bei der Debeka, waren lange Jahre im Außendienst. Was war Ihre erste Versicherung, die Sie verkauft haben?

Eine Krankenversicherung. Als ich 1973 in das Unternehmen kam, gab es bei der Debeka nur Kranken- und Lebensversicherungen.

Mussten Sie lange Überzeugungsarbeit leisten?

Nein, das war ein lediger Beamter. Ehrlich gesagt war das nicht so schwer.

Welches Wissen aus der Zeit als Außendienstler können Sie heute in Ihren Führungsjobs nutzen?

Eine Krankenversicherung hat sehr viel mit Vertrauen und Zufriedenheit zu tun. Schließlich legen die Kunden quasi ihre Gesundheit in unsere Hände. Ich erinnere mich an einen Versicherten, der eine Zahnzusatzversicherung abschließen wollte und bei der üblichen Frage nach fehlenden Zähnen sein Gebiss herausnahm und sagte, ich solle doch einfach selbst nachzählen. So weit muss es nun auch nicht gehen, aber es zeigt doch, wie wichtig es für die Kunden ist, einer Versicherung Vertrauen schenken zu können.

Naja, genau daran hapert es aber mittlerweile gewaltig. Billigtarife, die Versicherte bei Krankheit im Regen stehen lassen, extreme Beitragssprünge im Alter – das hat dem Image schwer geschadet.

Nachdem der Gesetzgeber den Personenkreis derer, die sich privat versichern können, immer mehr eingeschränkt hat, haben die Unternehmen versucht, neue Kunden zu finden. Kleine Selbstständige waren beispielsweise eine neue Zielgruppe. Da wurden neue Produkte mit weniger Leistungen angeboten, um die Tarife billig zu machen. Wenn dann jemand tatsächlich krank wurde, kam die Enttäuschung, weil die PKV ja eigentlich für ein hohes Leistungsniveau bekannt ist. Da waren manche Unternehmen auf einem Irrweg, den sie durch die Festschreibung von Mindestleistungen verlassen haben.

Wirklich? Noch immer gibt es massenweise Werbemails, in denen Krankenversicherungen für 59 Euro im Monat angeboten werden.

Wir haben das überprüft. In keinem Fall ist es gelungen, über so eine Mail tatsächlich an ein Versicherungsangebot zu kommen. Hinter dieser irreführenden Werbung stecken meist Adresshändler. Die wollen nur Ihre Daten. Wir gehen dagegen mit rechtlichen Mitteln vor.

Wie sieht es mit den hohen Beitragssteigerungen in der PKV aus?

Neutrale Untersuchungen haben ergeben, dass die PKV in den letzten 15 Jahren im Schnitt 3,3 Prozent pro Jahr teurer geworden ist und die gesetzlichen Kassen um 3,1 Prozent. Es gibt also kaum einen Unterschied. Das schließt nicht aus, dass es bei uns Fälle von massiven Sprüngen gegeben hat. Auch hier waren aber vor allem die Billigtarife betroffen.

Es gibt allerdings viele Berichte über Fälle älterer Menschen, die ihre Versicherung nicht mehr bezahlen können.

Solche Einzelfälle gibt es. Was viele leider nicht wissen: Für derartige Fälle haben wir eigens einen Sozialtarif. Dieser Standardtarif bietet das Leistungsniveau der gesetzlichen Krankenversicherung und kostet im Schnitt deutlich unter 300 Euro, weil die erworbenen Alterungsrückstellungen dort angerechnet werden. Wer erst mit 50 oder 55 Jahren zu uns kommt, hat allerdings kaum Rückstellungen für das Alter gebildet und damit weniger Reserven, um anstehende Beitragserhöhungen auszugleichen. Für langjährig Privatversicherte gibt es diese Probleme nicht.

Wie stark werden die Beitragssteigerungen im kommenden Jahr sein?

Wir sprechen in meinem Unternehmen seit einiger Zeit von Beitragsanpassungen…

... pardon, aber wollen Sie Ihre Versicherten für dumm verkaufen?

Keineswegs. Wir hatten 2013 mehr Versicherte mit sinkenden als mit steigenden Beiträgen.

Wie das?

Der Anstieg der Gesundheitskosten war relativ gering, so dass wir ihn weitgehend aus den Überschüssen unserer Kapitalanlagen zahlen konnten. Nach den gesetzlichen Regeln können die Beiträge ohnehin nur erhöht werden, wenn die Leistungsausgaben nachweislich mindestens fünf Prozent höher waren als kalkuliert. Und wenn die Ausgaben geringer waren, führt derselbe Effekt zur Beitragssenkung. Das alles wird von unabhängigen Treuhändern geprüft.

Und wie ist es mit den Beiträgen der Älteren?

Ab dem Alter 65 werden die Alterungsrückstellungen dafür verwendet, Beitragserhöhungen zu verhindern. Ab 85 muss die Rücklage dann komplett zugunsten der Versicherten aufgelöst werden, was deren Beiträge nochmals stark sinken lässt. Zudem hat der Gesetzgeber 2000 eine zusätzliche Vorsorge eingeführt, den sogenannten Zehn-Prozent-Zuschlag, der jetzt in immer stärkerem Maße wirkt und den Beitrag im Alter deutlich senkt.

Noch einmal die Frage: Was kommt 2015 auf die Versicherten zu?

Nach allen mir vorliegenden Informationen wird es kaum Ausschläge geben, weder nach oben noch nach unten. Die Ausgaben steigen sehr moderat. Wie schon 2014 wird es erneut ein Jahr mit hoher Beitragsstabilität geben.

Zum Imageverlust der PKV beigetragen hat auch die mangelnde Transparenz. Wer seinen Tarif wechseln will, erhält oft keinerlei Information.

Beim Tarifwechsel gab es in der Tat Verbesserungsbedarf. Gerade haben wir uns auf Grundsätze geeinigt, wie die Wechselmöglichkeiten verbessert werden. Diesem Leitbild haben sich bereits 25 Unternehmen mit einem Marktanteil von rund 85 Prozent angeschlossen. Sie verpflichten sich unter anderem, Anfragen von Versicherten innerhalb von 15 Tagen zu bearbeiten und sehr transparent geeignete Tarifmöglichkeiten zu nennen. Bei Prämienerhöhungen werden die Versicherten ab dem 55. Lebensjahr automatisch über Alternativen informiert mit dem Ziel, die Beitragslast zu senken. Das ist fünf Jahre früher als nach den gesetzlichen Vorgaben.

Das ist aber lediglich eine freiwillige Selbstverpflichtung, die darüber hinaus erst ab 2016 gelten soll.

Die Regelungen sind verbindlich für alle teilnehmenden Unternehmen. Ich gehe davon aus, dass schon bald die gesamte Branche mitmacht. Eine Umsetzung ist erst 2016 möglich, weil für den Aufbau des Tarif-Auswahlsystems umfangreiche Umstellungen in den Computersystemen nötig sind. Das ist keine Kleinigkeit.

Hier geht es aber nur um den Tarifwechsel in der eigenen Versicherung. Ein Wechsel in ein anderes Unternehmen ist nach wie vor praktisch ausgeschlossen, weil die Rückstellungen für das Alter nicht mitgenommen werden können. Warum sperren Sie sich so dagegen?

Nur zur Klarstellung: Für alle neuen Versicherten ab 2009 gibt es diese Mitnahmemöglichkeit. In deren Tarife ist das einkalkuliert, nicht aber bei den übrigen Versicherten. Hier wäre die sogenannte Portabilität ein rechtswidriger, weil rückwirkender Eingriff in bestehende Verträge. Aller Erfahrung nach wechseln zudem die Gesunden, während die Kranken mit hohen Kosten in der gewohnten Versicherung bleiben. Für sie würde es dann deutlich teurer. Denn auch in der Privaten Krankenversicherung bildet ein Versichertenkollektiv eine Solidargemeinschaft der Gesunden mit den Kranken.

Sie werben stets damit, dass die PKV zukunftssicher sei, weil sie 190 Milliarden Euro auf der hohen Kante habe. Können Sie das Geld in der Niedrigzinsphase überhaupt noch gewinnbringend anlegen?

Für 2013 haben wir im Branchen-Durchschnitt noch eine Nettoverzinsung von knapp über vier Prozent. Der Wert sinkt jedoch stetig. Langsam gehen uns die Adressen für gute Anlagemöglichkeiten aus, denn wir haben ja hohe Anforderungen an die Sicherheit.

Da kommt Wirtschaftsminister Gabriel ja wie gerufen. Er will mehr privates Kapital für Erhalt und Ausbau der deutschen Infrastruktur mobilisieren. Ist Ihre Branche dabei?

Wir sehen das sehr positiv. Wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen stimmen und die Sicherheit der Anlagen gewährleistet ist, sind wir bereit zu investieren. Nicht nur in Straßenprojekte, sondern zum Beispiel auch in den Bau von Stromtrassen. Unsere Rückstellungen wachsen jedes Jahr immerhin um mehr als zehn Milliarden Euro. Damit lässt sich eine Menge bewegen.

Das Gespräch führte Timot Szent-Ivanyi.