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Interview Telekom-Chef Van Damme: Die Telekom lernt aus ihren Fehlern

Der Deutschlandchef der Telekom, Niek Jan van Damme.

Der Deutschlandchef der Telekom, Niek Jan van Damme.

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dpa

Berlin -

Der Schauplatz für das Interview ist mit Bedacht gewählt. Es handelt sich um ein Backstein-Gebäude in Berlin-Schöneberg. Hier ist einer der Standorte der T-Labs, in denen an neuen Produkten und Technologien für die Deutsche Telekom gearbeitet wird. Das passt zu Niek Jan van Damme. Schließlich ist er nicht nur Deutschland-Chef des Konzerns, sondern auch für Innovation und Produktentwicklung zuständig ist. Zudem liegt dem Niederländer die Start-up-Atmosphäre. Lässig und unprätentiös geht er seinen Job an. In der Sache hingegen ist er entschieden – etwa wenn es um staatliche Hilfen für den Ausbau der Breitbandnetze geht.

Herr van Damme, die Bundesregierung will mit ihrer digitalen Agenda erreichen, dass 2018 überall im Land superschnelles Internet mit einer Übertragungsgeschwindigkeit von 50 Megabit pro Sekunde zur Verfügung steht. Kriegen wir das hin?

Die frühere schwarz-gelbe Regierung hat das seinerzeit selbst gesteckte Ausbauziel nicht erreicht. Für 2018 haben wir, hat die gesamte Branche bessere Chancen. Wir müssen aber definieren, was flächendeckend ist. Sind das wirklich 100 Prozent oder nur 98 Prozent? Es wird sehr schwer werden, die letzten zwei, drei Prozent zu schaffen, das wird vermutlich nur über den Mobilfunk zu realisieren sein. Wir halten den Mobilfunk für eine sehr gute Alternative. Mit der Funktechnik LTE können wir bis zu 150 Megabit anbieten. Bald können wir die Nutzer sogar mit bis zu 300 Megabit versorgen.

Und wenn die Politik doch darauf besteht, dass das Festnetz flächendeckend ausgebaut wird?

Dann wird es spannender. Ohne öffentliche Fördermittel wird das nicht funktionieren. Es gibt kein Geschäftsmodell dafür, wie entlegene kleine Dörfer mit 50 Megabit über das Festnetz erschlossen werden können. Hier muss einem klar sein, dass ein Kilometer Tiefbau zwischen 50 000 und 60 000 Euro kostet. Es dauert einfach viel zu lange, bis sich die Investitionen dafür auszahlen. Die Telekom wird bis Ende 2016 rund 65 Prozent der Haushalte mit dem schnellen VDSL erschlossen haben. Für alles, was darüber hinausgeht, brauchen wir Fördermittel. Die genaue Summe hängt von vielen Details ab. Man könnte zum Beispiel Breitbandkabel auch als Freileitungen an Masten verlegen statt unterirdisch, das würde die Kosten drücken.

Und sonst sind Sie wunschlos glücklich?

Das ist übertrieben. Wenn wir ausbauen sollen, dann brauchen wir Planungssicherheit. Da spielen Preise eine wichtige Rolle. So würde es einen Impuls für den Ausbau bringen, wenn es in bestimmten Städten Deregulierung gäbe, und zwar da, wo Konkurrenten große Marktanteile haben.

Das wird einen Aufschrei bei ihren Konkurrenten auslösen.

Bislang schaut die Bundesnetzagentur nur auf die bundesweite Situation, da haben wir mit unserem Marktanteil von etwa 43 Prozent im Breitband eine starke Position. Aber in Hamburg oder in Köln haben wir Marktanteile von weniger als 25 Prozent. Dort sind Kabelnetzbetreiber und Stadtnetzbetreiber sehr stark.

Deregulieren bedeutet doch, dass die Netzagentur Ihnen nicht mehr vorschreibt, wie viel Sie für die Miete des letzten Stücks Leitung zum Haus verlangen. Vom Mieten dieser letzten Meile sind viele ihrer Konkurrenten aber abhängig. Sie müssen also nur den Preis in eine überzogene Höhe schrauben, schon ist die Konkurrenz weg. Das darf doch die Netzagentur nicht zulassen?

Halt! So einfach ist das nicht. Marktmacht zu missbrauchen, würden die Aufsichtsbehörden in Deutschland nicht tolerieren.

50, 100 oder 300 Megabit – wie viel Bandbreite benötigen wir tatsächlich?

Der Bedarf wächst. In vier, fünf Jahren werden wir Anwendungen haben, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Wir versuchen, mit dem Ausbau der Netze immer dem Kapazitätsbedarf etwas voraus zu sein. Unser nächster Schritt wird der Hybrid-Router sein. Der Router kommt im Herbst und kombiniert Festnetz mit LTE-Mobilfunk. Der Kunde erhält dadurch eine spürbare Geschwindigkeitsverbesserung bis hin zur maximalen LTE-Geschwindigkeit von 150 Megabit die Sekunde. Das ist dann schon richtig schnell.

Brauchen wir langfristig überhaupt das Festnetz noch? Der nächste große technologische Schritt soll Mobilfunk der fünften Generation sein mit Bandbreiten von weit mehr als 1000 Megabit.

Ich glaube, wir werden immer das Festnetz brauchen. Schauen Sie sich das Thema vernetzte Autos an, am besten noch mit dreidimensionalem Fernsehen an Bord. Da brauchen Sie sehr verlässliche Festnetze, die auch die Daten von den Mobilfunksendestationen weiter transportieren. Das hat im Übrigen auch der Wettbewerb erkannt. Vodafone wollte vor einigen Jahren noch komplett aus dem Festnetz aussteigen, mit der Übernahme von Kabel Deutschland haben sie ihre Strategie jetzt komplett gedreht.

Sie werden es jedenfalls im Mobilfunk künftig mit einem Konkurrenten weniger zu tun haben. O2 und E-Plus schließen sich zusammen. Warum haben Sie die Fusion begrüßt? Weil Sie auf weniger Wettbewerb hoffen?

Nein. Wir werden weiter starken Wettbewerb haben. Wir haben künftig drei Mobilfunknetzbetreiber auf Augenhöhe. Keiner will die Nummer drei sein. Die Fusion war gut, weil wir noch mehr Konsolidierung in ganz Europa brauchen. Denn Europas Telekommunikationsbranche muss im internationalen Wettbewerb mithalten können.

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