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Berliner Zeitung | Jobsharing bei Tandemploy in Berlin: Wenn sich zwei einen Job teilen - kann das gut gehen?
25. January 2016
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Jobsharing bei Tandemploy in Berlin: Wenn sich zwei einen Job teilen - kann das gut gehen?

Ellen Härtel teilt sich den Job im Online-Marketing von Tandemploy mit ihrer Kollegin Raya Kolchakova. Härtel arbeitet 32 Stunden/Woche, Kolchakova 25.

Ellen Härtel teilt sich den Job im Online-Marketing von Tandemploy mit ihrer Kollegin Raya Kolchakova. Härtel arbeitet 32 Stunden/Woche, Kolchakova 25.

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Christian Stumpp

Erst vor wenigen Tagen veröffentlichte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung mit Sitz in Berlin wieder Zahlen, die erschrecken: Der Frauenanteil in Führungspositionen in Deutschland ist 2015 nur so geringfügig gestiegen, dass es bei gleichem Tempo noch 86 Jahre dauern würde, bis genauso viele Frauen wie Männer in den Vorständen sitzen.

Eine ähnliche Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt den möglichen Grund für diese Zahlen: Nur 16 Prozent der befragten 16.000 Firmen geben an, Führungskräften das Arbeiten in Teilzeit zu ermöglichen. In der Praxis arbeiten sogar nur in jedem zehnten privatwirtschaftlichen Betrieb Spitzenkräfte reduziert. Die wenigen Teilzeit-Führungspositionen, die es gibt, sind zu drei Viertel von Frauen besetzt.

Die Lösung scheint also auf der Hand zu liegen: Wer mehr Frauen in Führungspositionen holen will, muss mehr flexible Teilzeitmodelle für klassische Vollzeitjobs anbieten, auch für Chefposten. Hier kommen die Berliner Gründerinnen Jana Tepe (29) und Anna Kaiser (32) ins Spiel. Ihre Jobplattform Tandemploy bringt Menschen zusammen, die sich eine Vollzeitstelle teilen möchten. Und vermittelt diese Tandems an Unternehmen, die für dieses neue Modell des Jobsharings offen sind.

Nicht nur für junge Mütter interessant

Tepe und Kaiser glauben, so eine Win-Win-Situation zu schaffen: Die Arbeitnehmer haben neben ihrer festen Teilzeitstelle Zeit für eigene Projekte oder die Familie. „Und die Arbeitgeber finden durch das Jobsharing-Modell die eierlegende Wollmilchsau, also wirklich einen Mitarbeiter, der fünf Sprachen spricht, der analytisch und kreativ ist und eigentlich alles das verkörpert, was man sich immer wünscht, was eine Person alleine aber nie erfüllen kann“, sagt Tepe.

Klassische Teilzeitstellen seien oft unattraktiv für Hochqualifizierte, weil sie meist keine verantwortungsvollen Tätigkeiten beinhalten würden, so Tepe. Andererseits erlebe sie, dass immer mehr Menschen in Teilzeit arbeiten wollen: „Natürlich ist Jobsharing interessant für junge Mütter, wir haben aber auch eine große Nachfrage von jungen Vätern und Menschen aller Altersgruppen, aus verschiedensten Gründen. Es sind Menschen bei uns angemeldet, die sich ehrenamtlich stark engagieren, oder welche, die sich nebenbei selbstständig machen.“

Ideal bei Führungspositionen

Als ihr vor drei Jahren – damals arbeiteten Kaiser und sie noch in einer Personalberatung – eine Bewerbung auf den Schreibtisch kam, mit der sich zwei Frauen um eine Führungsposition bewarben, war sie erstmal baff. Solch eine Bewerbung hatte sie noch nie gesehen. Nach einem Gespräch mit den beiden Kandidatinnen musste sie ihre Begeisterung teilen.

Und die erste Person, der sie davon erzählte, war zufällig Kaiser. Die Kolleginnen waren sich einig: Das Modell war super und musste gefördert werden. Sie schliefen eine Nacht darüber und kündigten beide zwei Tage später ihre Stelle. Die Idee von Tandemploy war geboren. Heute hat die Firma 11 Mitarbeiter und eigene Büroräume in Prenzlauer Berg.

Gefördert durch das Existenzgründerprogramm Exist vom Bundeswirtschaftsministerium entwickelten die beiden Gründerinnern zunächst den Fragebogen und den Algorithmus, der die Tandempartner auf der Plattform zusammenbringt. Mittlerweile haben sich dort etwa 4000 Jobsuchende registriert, die den ganzen Matching-Prozess durchlaufen haben, also Menschen, die eine Person suchen und gefunden haben, mit der sie sich zusammen auf Vollzeitstellen bewerben können.

Damit das auch funktioniert, muss natürlich neben beruflicher Qualifikation vor allem die Chemie stimmen. Deswegen fragt der Fragebogen, den die Nutzer ausfüllen müssen, vor allem so genannte Soft Skills wie Kommunikation ab.

Mehr als zehn erfolgreiche Vermittlungen

Für private Nutzer ist die Plattform kostenlos. Zahlen müssen Unternehmen, die sich dort anmelden, um Kandidaten anzuwerben. 50 Betriebe sind laut Tepe auf Tandemploy registriert. Sie reichen von großen Firmen wie Beiersdorf über Kreativagenturen wie Netoral bis hin zu kleinen Unternehmen mit fünf Mitarbeitern.

Die Motive der Betriebe sind dabei ganz verschieden, erläutert Tepe: „Bei den Agenturen ist es oft so, dass sie gute Leute verlieren, wenn diese in Elternzeit gehen, und danach nicht mehr Art Director sein können, weil das eine typische Vollzeitstelle ist. Dann haben wir aber auch Finanzdienstleister als Kunden, die sich verjüngen wollen und dafür generationsübergreifende Tandems bildet.“

Bisher hat Tandemploy nach eigenen Angaben etwa zehn bis 15 Tandems in Stellen vermittelt. Ganz genau sagen können sie das noch nicht, sie sind auf das Feedback der Vermittelten oder der Firmen angewiesen.

Mehr Lebensqualität und Selbstbestimmung

Mehrkosten in Form von Sozialabgaben entstehen für den Arbeitgeber nur in wenigen Fällen. Betragen die Bruttogehälter pro Teilzeitstelle weniger als rund 24.000 Euro, werden durch das Jobsharing keine zusätzlichen Lohnnebenkosten verursacht. Durch gesteigerte Produktivität und gesicherte Vertretung bei Urlauben und im Krankheitsfall sparen Arbeitgeber außerdem noch.

Tepe und Kaiser machen es selbst vor: Auch Chefposten kann man sich teilen. Das Geschäftsführerinnen-Gespann ist eins von drei Tandems in ihrer Firma. Und auch eine Studie aus Großbritannien, erhoben schon 2011 vom Job Share Research Project, zeigt: Fast 49 Prozent der befragten Jobsharer gaben an, als Manager, Berater oder Teamleiter zu arbeiten.

Ellen Härtel teilt sich bei Tandemploy das Online-Marketing mit ihrer Kollegin Raya Kolchakova. Für sie steht fest: Die finanziellen Abstriche werden durch ein Mehr an Zeit und Selbstbestimmung wettgemacht. „Das ist Lebensqualität“, sagt die junge Frau.

Teil der Generation Y

Kolchakova kommt immer morgens ins Büro und bleibt bis mittags, um dann ihren Sohn von der Kita zu holen. Vormittags überschneiden sich die beiden dann, was Zeit für Absprachen bietet. Ein fester Termin in der Woche ist ihr Tandemtreffen, bei dem sie sich gegenseitig updaten, Aufgaben verteilen und die nächste Woche planen.

„Es läuft nach wie vor super“, schwärmt Härtel. „Raya analysiert unsere Daten und bei mir liegt der Content. Wir merken ganz oft, dass wir viel mehr in kürzerer Zeit schaffen, als das eine Person tun würde, die sowohl am Content als auch an der Umsetzung sitzt.“

Mit ihren 31 Jahren gehört Härtel zur sogenannten Generation Y, den nach 1980 Geborenen, von denen es immer heißt, sie revolutionierten die Arbeitswelt. „Die Generation Y ist schon die, die diese Art zu arbeiten sehr offensiv fordert“, sagt auch Tepe. „ Wir haben aber im letzten Jahr das erste Mal gemerkt, dass es generell Klick gemacht hat bei den Leuten. Die Firmen rufen plötzlich bei uns an.“