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Kaffee-Trends: Der Boom der Bohnen

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Mit 149 Litern pro Kopf ist Kaffee das meistgetrunkene Getränk in Deutschland. Doch die Zeiten von billigem Filterkaffee scheinen vorbei: Viele interessieren sich dafür, mit welchen Bohnen, welcher Röstung oder welcher Maschine sie den besten Kaffee zubereiten können.

Die Kaffeebohnen, die Hans Stier in seine Kaffeemaschine kippt, sind grün. Erst in der Maschine des Berliner Start-ups Kaffee Toto werden sie geröstet – Umdrehung für Umdrehung werden die Bohnen dunkler und plustern sich auf. Allmählich verbreitet sich der Geruch nach frisch geröstetem Kaffee. Die Gründer Hans Stier und Philipp Gaerte verkaufen eine neue Kaffeemaschine für zu Hause, die den Kaffee röstet, bevor sie ihn mahlt und aufbrüht.

Damit treffen sie einen Trend der Zeit: Viele Deutsche interessieren sich zunehmend dafür, mit welchen Bohnen, welcher Röstung oder welcher Maschine sie den besten Kaffee zubereiten können. Wo die einen eher auf Fertig-Lösungen wie Nespresso-Kapseln und Senseo-Pads setzen, kann es anderen Konsumenten offenbar nicht aufwendig genug sein.

Lieblingsgetränk der Deutschen

Kaffee ist das beliebteste Getränk der Deutschen. Rund 6,4 Kilo Rohkaffee verbraucht jeder Deutsche im Durchschnitt pro Jahr. Im europäischen Vergleich liegt das im oberen Mittelfeld. Während die Finnen mit 12,1 Kilo pro Kopf fast doppelt so viel verbrauchen, sind es in der Türkei gerade einmal ein halbes Kilo pro Kopf und Jahr. 1953 belief sich in Deutschland nur der Konsum auf etwa 1,5 Kilo pro Person. Filterkaffee ist nach Angaben des Deutschen Kaffeeverbands in Deutschland mit Abstand am beliebtesten: Außer Haus konsumiert gut die Hälfte der Kaffeetrinker (52,8 Prozent) traditionellen Kaffee. Jeweils rund 16 Prozent der Konsumenten bestellen unterwegs Espressospezialitäten wie Cappuccino oder Latte Macchiato.

Die beiden Gründer von Kaffee Toro wollen mit ihrer Idee von der Alleskönner-Maschine in den Kaffeemarkt einsteigen. Mit rund 149 Litern pro Kopf ist Kaffee das meistgetrunkene Getränk in Deutschland – noch vor Mineralwasser. Kaffee sei selbst in Krisenzeiten ein sicheres Geschäft, sagt Regina Schmidt, Expertin für Konsumgüter bei der Münchner Strategieberatung Roland Berger. „Kaffee ist für die Deutschen ein Luxusartikel, auf den man ungern verzichtet. Die Preise für Kaffee steigen, auch weil die Bohnen am Weltmarkt teurer werden. Trotzdem hat sich der Kaffeekonsum nicht verändert.“ Es gebe einen Trend zu teureren Produkten. Für gute Qualität oder eine bequeme Handhabung zahlten die Menschen gerne mehr, sagt Schmidt.

Etliche junge Firmen versuchen sich im Geschäft mit den Bohnen: Die Berliner von Mykona.de vertreiben auf ihrer Internetseite Kaffee aus kleinen Anbaugebieten, beispielsweise aus Sumatra oder Nepal. Dieser sortenreine Kaffee kostet zwischen 36 und 43 Euro pro Kilo. Die Passauer von Black Pirate Coffee Crew oder die Münsteraner von Sonntagmorgen.com gehen mit ähnlichen Konzepten an den Start.

Auch Moritz Waldstein, Gründer von Coffee Circle, wittert im Geschäft mit dem Kaffee seine Chance. Der Berliner gründete vor mehr als einem Jahr zusammen mit Robert Rudnick und Martin Elwert einen Onlineshop für fair gehandelten Bio-Spezialitätenkaffee. „Es gibt eine riesige Bewegung von Leuten, die keine Lust mehr auf Kapseln haben, weil sie so viel Müll produzieren und dieser Kaffee nicht besonders gut schmeckt“, sagt Waldstein. Er und seine Kollegen fahren jedes Jahr selbst nach Äthiopien und wählen dort die besten Kaffees der Saison für ihr Geschäft aus. Das sei wie mit dem Wein, sagt Waldstein. „Es schmecken ja auch nicht alle Bordeaux gleich.“ Die grünen Bohnen werden im Container über den Atlantik geschifft, direkt in der Speicherstadtrösterei in Hamburg geröstet, luftdicht verpackt und im Onlineshop verkauft.

Pro verkauftem Kilo spenden die Gründer einen Euro an soziale Projekte. Ob das Geld für den Bau einer Schule oder einer Solaranlage verwendet werden soll, kann der Kunde per Mausklick selbst auswählen. Bei Coffee Circle kostet ein Kilo Kaffee etwa 24 Euro. Waldstein weiß, dass er sich mit diesem Preisen gegen den Massenmarkt entscheidet. „Nicht jeder kann so viel Geld dafür ausgeben“, sagt er. Die Kundschaft für seinen Kaffee sei aber trotzdem vorhanden. „Es gibt Leute, die sich Gedanken um ihre CO2-Bilanz machen und die für eine Tasse Kaffee nicht einfach nur auf einen Knopf drücken wollen.“

Teure Gütesiegel

Anders als Coffee Circle will Kaffee Toro den Massenmarkt erobern – sie verkaufen jedes Kilo Kaffee für 14 Euro. Damit sei der Preis gegenüber Herstellern wie Dallmayr Prodomo oder Tchibo konkurrenzfähig. „Wir wollen in die Kaffeeküchen von Behörden und Firmen, dort wird viel Filterkaffee getrunken“, sagt Hans Stier. Das Start-up hat den Kaffeeimporteur Karlheinz Rieser als Gesellschafter gewinnen können. Rieser hat 20 Jahre als Einkäufer für Tchibo gearbeitet. Er kauft den Kaffee von den Farmen in Costa Rica, Indien, Brasilien oder Äthiopien. Der direkte Kontakt zu den Kaffeebauern soll garantieren, dass die Qualität stimmt. Auf ein Gütesiegel wie Fairtrade oder Bio haben die Gründer verzichtet: Denn dafür muss man der Organisation eine Gebühr zahlen. Bei Fairtrade wären das elf Cent für ein Pfund Kaffee. „Das war uns zu teuer“, sagt Stier, „wir wollen das Geld lieber den Kaffeebauern direkt geben“.

Ihre Maschine haben die Toro-Gründer in Südkorea entwickeln lassen. Sie röstet die Bohnen zwischen sieben und zehn Minuten bei 180 Grad. Der Konsument kann wählen, wie dunkel die Bohnen geröstet werden und wie fein der Kaffee gemahlen werden soll. Wer so eine Maschine zu Hause haben möchte, muss 150 Euro bezahlen, die Reparaturen sind inbegriffen.

Auch wenn Hersteller wie Kraft Foods, Tchibo oder Aldi seit Jahren am meisten Kaffee verkaufen, gebe es Platz für innovative Konzepte, sagt Regina Schmidt von Roland Berger. Auch mit kleinen Absatzmengen ließe sich mit hoher Qualität ein gutes Geschäft machen.

Coffee Circle zeigt in Videos auf ihrer Internetseite, wie der Kaffee in Äthiopien gemahlen wird oder mit welchen Tricks der Aufguss durch einen Filter noch besser schmeckt. Kaffee Toro will das Kaffeewissen auf Verköstigungen weitergeben. „Die Deutschen machen sich doch mehr Gedanken darüber, wie viele Lagen ihr Klopapier haben soll, statt darüber welchen Kaffee sie trinken“, sagt Stier. Das will er ändern. Er selbst kommt nicht ohne zwei Liter Kaffee pro Tag über die Runden.

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