Tablet-Angebote und E-Paper

Knapp ein Drittel in den roten Zahlen: Deutsche Krankenhäuser stecken in der Krise

149220003D55CCEA

Die deutschen Krankenhäuser stecken in der Krise. Knapp ein Drittel der Kliniken schreiben rote Zahlen.

Foto:

dpa

Das deutsche Krankenhaus steckt in der Krise. Knapp ein Drittel aller Kliniken schreiben nach Berechnungen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) rote Zahlen. Zwar stammen die Daten aus dem Jahr 2013, grundlegend verbessert hat sich sie Lage seither aber nicht. Zugleich sind die Kosten enorm. 2015 gab die gesetzliche Krankenversicherung  70,25 Milliarden Euro für Krankenhausbehandlungen aus – zehn Milliarden mehr als noch 2011. Was läuft da schief?

Sehr hohe Krankenhausdichte

Verantwortlich sind mehrere Entwicklungen: Erstens ist die Krankenhausdichte in Deutschland traditionell hoch.  In NRW zum Beispiel gibt es 401 Krankenhäuser, die eine Grundversorgung mit Abteilungen für Innere Medizin und allgemeine Chirurgie vorhalten. In den benachbarten Niederlanden mit ähnlicher Fläche und Bevölkerungszahl sind es nur 132 Kliniken.  Noch krasser fällt der Vergleich zwischen Niedersachen und Dänemark aus: Unsere nördlichen Nachbarn kommen mit 40 Krankenhäusern aus, zwischen Harz und Nordsee finden sich 170.

Die große Krankenhausdichte führt zu erheblichen Überkapazitäten. Rund ein Fünftel aller Krankenhausbetten in Deutschland steht leer. Während das Durchschnittsalter der deutschen Bevölkerung seit 1991 um zehn Prozent stieg, ging die Zahl der Belegungstage im Krankenhaus um 30 Prozent zurück. Denn zahlreiche Behandlungen werden mittlerweile ambulant vorgenommen und Menschen, die früher im Krankenhaus landeten, werden heute in Pflegeheimen versorgt. Seit 1999 stieg die Zahl belegter Pflegeheimplätze von unter 600.000 auf 800.000 an.

Folge: Viele Häuser sind wirtschaftlich nicht mehr tragfähig und müssten geschlossen werden. Mit der Krankenhausreform 2015 wurde dies grundsätzlich auch beschlossen. Offen - und strittig -  ist bisher allerdings, wo welche Häuser aufgegeben werden. Entsprechende Pläne treffen in den betroffenen Kommunen zuverlässig auf vehementen Widerstand. Man fürchtet um Arbeitsplätze, Renommee und vor allem um eine wohnortnahe Versorgung.

Simulation bestätigt: Keine Gefahr durch längere Wege

Diesen Ängsten tritt der Spitzenverband der Krankenkassen nun mit einem neuen Angebot entgegen:  Man hat die Republik in 82.000 Wohnbezirke unterteilt, die Standorte von 1138 Kliniken mit Grundversorgung auf einer Deutschlandkarte eingetragen und mithilfe von Navi-Software die durchschnittliche Dauer berechnet, in denen jede einzelne Klinik mit dem Auto erreichbar ist.

Unter www.gkv-kliniksimulator.de kann man aber nicht nur die Fahrdauer vom Wohnort zum nächsten Krankenhaus abrufen. Man kann auch simulieren, wie sich die Fahrzeit verändert, wenn eine bestimmte Klinik dicht gemacht würde. Ein Beispiel: Schlössen die Evangelischen Klinken Gelsenkirchen, bliebe für die Gelsenkirchener  bezüglich der Fahrzeit alles beim Alten, weil sich noch elf weitere Häuser in großer Nähe befinden. Anders verhielte es sich mit der Schließung der Ruppiner Kliniken in Neuruppin: Dann würden beträchtliche Teile der ansässigen Bevölkerung mehr als 30 Minuten benötigen, um mit dem Auto zum nächsten Krankenhaus zu gelangen. Die kritische Grenze einer halben Stunde Fahrtzeit wäre damit überschritten.

Auf Basis der Simulationsergebnisse geht der GKV davon aus, dass mehrere hundert Krankenhäuser in Deutschland geschlossen werden könnten, ohne dass die wohnortnahe Versorgung der Bevölkerung in Gefahr geriete. Auf der anderen Seite muss es laut GKV für 66 Kliniken einen unbedingten Bestandsschutz unabhängig von Wirtschaftlichkeitserwägungen geben, um die Versorgung in der Fläche zu gewährleisten.

Die Chancen, dass die Befunde des GKV-Simulators berücksichtigt werden, stehen nicht schlecht. Bis Dezember soll der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) Vorschläge zu Schließungen und Bestandsschutz für Kliniken vorlegen. Neben Vertretern der Ärzte, Krankenhäuser, Psychotherapeuten und Patienten sitzt im G-BA auch der GKV mit am Tisch.