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Kommentar über Hans-Werner Sinn: Möge der Markt ihn richten

Weiß, was die Medien wollen: Hans-Werner Sinn.

Weiß, was die Medien wollen: Hans-Werner Sinn.

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dapd

Will man Ökonom sein? Reizvoll einerseits: Man kann ganz ungestraft Blödsinn reden. Andererseits sinkt das Sozialprestige gegen Null.

Raten Sie bitte, wer uns 2007 einen Boom prophezeit hat, der „bis Ende des Jahrzehnts dauern“ könnte? Wer dann, als alles furchtbar einbrach, im Januar 2009 vorhersagte, dass die Arbeitslosigkeit „bis zum Dezember um eine halbe Million steigen“ werde? (Info: Quatsch). Richtig! Es war „Deutschlands klügster Professor“ (Bild) Hans-Werner Sinn, ein kapitaler Ökonom, der stets auf der Lichtung röhrt, wenn große Volkswirte sich sammeln.

Viele dürre Jahre genoss die neoklassisch-„liberale“ Volkswirtschaft „Diskurshegemonie“ (sprich: walzte allen Widerspruch flach). Sie sieht den Menschen als ein stets dem eigenen Nutzen nachhechelndes Wirtschaftssubjekt, was schon mal recht eng und deprimierend ist. Überhaupt mag sie Menschen eigentlich nicht, allenfalls jene mover & shaker, mit denen man sich zeigen, die man mit seinen Modellen beglücken und um Drittmittel anhauen kann.

Das Volk hasst solche Volkswirte allemal. So gerne betrieben sie eine Naturwissenschaft, doch ist Wirtschaft leider keine Natur. Für eine Geisteswissenschaft gebricht es schon an der ersten Silbe. Gesellschaft ist ihnen zu komplex und eklig: Lauter lächerliche Leute, die womöglich nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit rufen. Pfui. Das ist nicht in ihrem Sinn.

Beliebte Krawallbotschaften

Was bleibt, ist Glaubenslehre, Heilsversprechen inklusive: Der Markt macht das schon. Sinns Credo: „Je niedriger der Lohn, desto mehr Arbeit ist da.“ So einfach. Auch Klimaschutz ist marktfeindlicher Unfug, wie eigentlich alle Politik. Mit dem Atomausstieg etwa wurde Deutschland „zum Geisterfahrer in der Welt“.

Viele Blätter drucken solche Krawallbotschaften gern. Bild etwa braucht Sinn, um Lesern zu erklären, warum ihre Arbeit billig sein muss, selbst Stütze noch zu dicke ist: „Hartz IV verhindert Jobs, weil es den Staat zum Konkurrenten der Wirtschaft auf dem Arbeitsmarkt macht.“ „Unschädlich“, verriet Sinn der FAZ, „wäre nur ein Mindestlohn unter zwei bis drei Euro“. Das Handelsblatt erfand gar ein „Ökonomen-Ranking“, auf dem Herr Sinn weit vorn firmiert. In der Wirtschaftswoche durfte er neulich schon mal die Wiedereinführung der Drachme durchspielen: „Das bisschen Bargeld, das die Griechen halten, ist wirklich nicht das Problem.“

Protest aus den eigenen Reihen

Doch jetzt, so scheint es, sind die rasanten Schmalspur-Ökonomen aus der Kurve geflogen. Seit Sinn mit wuchtiger Kritik an den letzten EU-Beschlüssen mittlerweile über 200 willige Kollegen um sich scharte, kommt Protest aus den eigenen Reihen: europafeindlich, realitätsfern, simpel, unsachlich, unklar, emotional, ideologisch, „sarrazinesk“. „Es würde zum Kollaps des Euro führen“, meint Dani Rodrik (Harvard), „wenn man dem Rat dieser Ökonomen folgen würde“. Selbst Michael Hüther, Chef des Industrie-Instituts der deutschen Wirtschaft rügte den „kruden Text“ und zeigte sich „ernsthaft über unseren Berufsstand besorgt.“ Verheerender noch: Sahra Wagenknecht gab Sinn Recht.

„Top-Ökonom“ ist heute ein Schimpfwort – für abgesicherte Professoren, die auf Staatskosten den Staat anspucken. Hier tut sich eine gute, ganz und gar marktwirtschaftliche Lösung auf: Man privatisiere ihre Menschenverachtung, streiche ihnen die Mittel. Möge der Markt sie richten.

Tom Schimmeck ist Publizist.