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Krankenhausreport der AOK 2016: Ein Wildwuchs von Regelungen

Krankenhausreport der AOK 2016

Fachärzte gibt es im Krankenhaus und in der ambulanten Versorgung. Statt zu kooperieren, konkurrieren sie miteinander.

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dpa

Im deutschen Gesundheitswesen steht traditionell eine hohe Mauer. Auf der einen Seite gibt es die niedergelassenen Ärzte, auf der anderen die Krankenhäuser. Beide Systeme sind grundverschieden. Die Arzneimittelversorgung läuft anders, die Aufsicht, der Leistungskatalog, die Vergütung oder der Umgang mit neuen Behandlungsmethoden sind komplett unterschiedlich gestaltet.

Fachärzte gibt es sowohl im Krankenhaus, als auch in der ambulanten Versorgung. Statt zu kooperieren, konkurrieren sie miteinander. Experten sprechen von der „doppelten Facharztschiene“, die teuer von den Beitragsgeldern der Versicherten bezahlt werden muss. Patienten werden oft nicht dort behandelt, wo es medizinisch sinnvoll ist, sondern wo es sich finanziell mehr lohnt.

Macht und Einfluss

Immer wieder gab es Versuche, die Mauer einzureißen. Doch sie scheiterten regelmäßig, etwa an Kommunal- und Landespolitikern, die ihren Einfluss auf das regionale  Krankenhaus nicht verlieren wollten. Auch die Kassenärztlichen Vereinigungen, also die Zusammenschlüsse der niedergelassenen Kassenärzte, wollen sich ihre Macht durch eine Öffnung der Krankenhäuser für ambulante Leistungen nicht beschneiden lassen. 

Der Bundespolitik gelang es allenfalls, ein paar Löcher im Interesse der Patienten hineinzuhauen.  So betreiben Krankenhäuser die Hochschul- und Notfallambulanzen, es gibt psychiatrische Institutsambulanzen oder die Möglichkeit zur vor- und nachstationären Behandlung im Krankenhaus.

Patienten mit besonders schwerwiegenden Krankheiten können im Rahmen der sogenannten ambulanten spezialärztlichen Versorgung nach einheitlichen Regeln gemeinsam von ambulanten Ärzten und Kliniken betreut werden. Auf der anderen Seite wurde zum Beispiel das ambulante Operieren gefördert, so dass die Zusammenarbeit beider Sektoren keine Einbahnstraße ist.

Im neuen Krankenhausreport der AOK machen Experten nun aber darauf aufmerksam, dass durch die Vielzahl von unterschiedlichen Öffnungsvarianten geradezu ein Wildwuchs von Regelungen entstanden ist. Sie folgten nicht der Logik, sondern eher dem Zufall, kritisierte Gesundheitsökonom Jürgen Wasem.

„Organisierte Verantwortungslosigkeit“

Der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, Ferdinand Gerlach, beklagte ein ungesteuertes Nebeneinander beider Bereiche. Daraus resultiere eine „organisierte Verantwortungslosigkeit“: Niemand übernehme für umfassend erkrankte Patienten, die gleichzeitig von verschiedenen Ärzten und Kliniken behandelt werden, die Gesamtverantwortung und schütze sie vor falscher und zu viel Medizin.

Der neue Chef des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, weiß, in welches Wespennest da gestochen wird. Deshalb übernimmt er nicht einfach die sehr richtige Forderung von Gerlach: „Die Mauer muss weg“, sondern spricht verklausuliert von der „Neuausrichtung der fachärztlich- ambulanten Versorgung“  –  was letztlich aber dasselbe bedeutet, nämlich das längst überfällige Schleifen der Sektorengrenzen.  Die Macht des Faktischen wird die Verantwortlichen aber so oder so zum Einlenken zwingen: Weil kaum noch Ärzte zu finden sind, die aufs Land oder in strukturschwache Gebiete gehen, gibt es keine Alternative zu einer neuen Form der Patientenversorgung, die keine Abschottung mehr kennt.