blz_logo12,9

Kreative Autohersteller: Local Motors will von Berlin aus den Verkehr revolutionieren

Viel Glas, vier Räder und acht Plätz: Im Frühjahr soll der Prototyp des Edgar08 vorgestellt werden.

Viel Glas, vier Räder und acht Plätz: Im Frühjahr soll der Prototyp des Edgar08 vorgestellt werden.

Foto:

local motors/Edgar Sarmiento

Was die Fortbewegung in einer Großstadt wie Berlin angeht, so ist die Zukunft für Florian Feise ziemlich klar. „Wie mit dem Fahrstuhl“, sagt er. „Elektrisch, fahrerlos, für alle nutzbar.“ Feise sitzt im Rainmaking Loft in der Kreuzberger Charlottenstraße an einem von vielen Schreibtischen. Vor sich hat er ein Mac Book, auf dem das Logo des Computerherstellers mit dem der Firma Local Motors überklebt wurde. Auf dem Display ist ein Glaskasten mit Rädern zu sehen, der nur aus Waagerechten und Senkrechten besteht. Der Fahrstuhl.

Erstes Auto in 44 Stunden gebaut

Das Unternehmen Local Motors wurde 2007 in Phoenix, US-Staat Arizona, gegründet und baut seitdem Autos schneller als jeder sonst. Zu Jahresbeginn 2015 hatte die Firma während der Detroit Motor Show ihr Können in einem Glascontainer zelebriert. Darin ließ ein 3D-Drucker ein Auto wachsen, bis es nach 44 Stunden als E-Mobil aus der Halle gefahren werden konnte.

Als Local Motors seinerzeit sein Heimspiel genoss, war Damien Declercq bereits seit einem halben Jahr in Berlin. Von hier aus sollte der Enddreißiger das Europageschäft des US-Unternehmens aufbauen. Das Konzept von Local Motors: Autos nach Kundenwunsch entwickeln und in maßgeschneiderte Kleinserien dort bauen, wo die Fahrzeuge gebraucht und verlangt werden. Berlin sei ideal, sagte Declerc seinerzeit. Hier balle sich Kreativität und großer Enthusiasmus für neue Technologien. Man sei sehr offen.

Tatsächlich hat Local Motors mit einem herkömmlichen Automobilunternehmen so wenig gemein wie der Frontmann einer Punkband mit einem Tagesschau-Sprecher. Dabei unterscheiden sich nicht nur die Arbeitsmethoden, vor allem ist die Entwicklungsarbeit fundamental anders organisiert. Local Motors ist eine Art Wikipedia, in dem eine Community von Technikern und Designern nach Lösungen eines Problems sucht. Binnen 18 Monaten kann so ein komplett neues Auto entstehen, während etwa VW vier bis fünf Jahre braucht. Was gebaut wird, wird in Phoenix entschieden. Bezahlt werden die Entwickler nach ihrem Anteil am Produkt. Mittlerweile hat der kreative Schwarm von Local Motors über 51.000 Mitglieder.

In den USA ist das Unternehmen inzwischen auf 120 Mitarbeiter gewachsen. Dort betreibt Local Motors bereits vier sogenannte Microfactories, in denen Computeranimationen zu rollender Hardware wird. Und in Berlin? Im Rainmaking Loft ist Damien Declercq längst nicht mehr allein. Florian Feise ist einer von fünf Leuten, die dort für Local Motors tätig sind, und die Pläne sind sehr konkret.

Im Frühjahr 2015 hatte das Unternehmen einen Wettbewerb gestartet, um Lösungen zur urbanen Mobilität zu finden. Wie werden wir uns im Jahr 2030 fortbewegen, lautete die Frage, die mit 81 Ideen beantwortet wurde. Eine Jury, in der beispielsweise auch der S-Bahn-Chef, die Chefin des Verkehrsverbunds Berlin Brandenburg oder der Boss des Segway-Vermieters Yoove saßen, diskutierte dann über die Vorschläge. Schließlich war klar: der Fahrstuhl gewinnt.

Der heißt tatsächlich Edgar08. Es ist ein autonom fahrender Elektrobus für acht Personen, den der Kolumbianer Edgar Sarmiento für die Urban Mobility Challenge Berlin 2030 entworfen hat.

Traum von der gläsernen Manufaktur

Feise ist von dem Konzept begeistert. Wie er sagt, arbeite Local Motors längst an der Umsetzung, auch sei man dafür mit einigen großen und etablierten Industrie- und Forschungsunternehmen in engem Kontakt, wobei der LM-Mann nicht konkret werden will. Aber Automobilunternehmen gehörten nicht dazu, sagt er. „Die haben einen anderen Ansatz.“ Local Motors wolle Mobilitätsprobleme lösen, nicht in erster Linie Autos verkaufen.

Was dran ist an den Worten, wird sich in diesem Frühjahr zeigen. Dann soll der erste Prototyp von Edgar08 auf den Rädern stehen, und noch im Jahresverlauf soll die erste europäische Microfactory in Berlin eröffnen. Florian Feise ist sich sicher, dass dann auch schon 20 Leute eingestellt werden. Allerdings suchen die Berliner Local-Motors-Manager noch immer nach einem geeigneten Standort. 1000 Quadratmeter sollen es sein, Citylage. „Kreuzberg wäre ideal“, sagt Feise, der bereits von einer Art gläsernen Manufaktur träumt, von Industrie-Tourismus und einem Ort, der zum Mitmachen einlädt.

Die Düsentrieb-Community des US-Start-ups tüftelt derweil fleißig weiter. Etwa an dreirädrigen Lasten-Bikes, die Euro-Paletten samt 450-Kilo-Fracht über Fahrradwege transportieren können. Der Bedarf sei riesig, sagt Feise.