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Berliner Zeitung | Kritik vom Deutschen Gewerkschaftsbund: Weiter Weg bis zur Ausbildungsgarantie
24. September 2014
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Kritik vom Deutschen Gewerkschaftsbund: Weiter Weg bis zur Ausbildungsgarantie

Rund 530.700 Jugendliche haben 2013 eine Ausbildung begonnen – so wenige wie nie seit der deutschen Vereinigung.

Rund 530.700 Jugendliche haben 2013 eine Ausbildung begonnen – so wenige wie nie seit der deutschen Vereinigung.

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imago/Sven Simon

Oberflächlich betrachtet ist die Lage für Lehrstellenbewerber mittlerweile recht komfortabel. Die Zeiten, in denen die Zahl der Bewerber jene der freien Stellen bei weitem überstieg, scheinen lange vorbei. Ende August suchten nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) noch 103 000 junge Leute einen Ausbildungsplatz. Ihnen standen demnach 117 000 noch unbesetzte Lehrstellen gegenüber. Eine ähnliche Tendenz wies die offizielle Statistik für das vergangene Jahr aus. Am Ende blieben 33 000 Lehrstellen frei, während lediglich 21 000 unversorgte Bewerber in der Statistik geführt wurden.

Allerdings bilden diese Zahlen nur einen Teil der Wirklichkeit ab, wie der DGB in einer Datenanalyse für das Jahr 2013 zeigt. Demnach warten sehr viel mehr junge Menschen auf einen Ausbildungsplatz als die amtlichen Statistiken Glauben machen. Mehr als 280 000 an einer Lehre interessierte Schulabgänger hätten im Lauf des Berichtsjahres 2013 keinen Ausbildungsplatz erhalten, heißt es in einem Hintergrundpapier des DGB-Ausbildungsexperten Matthias Anbuhl.

Die Situation für Bewerber habe sich in Wahrheit nicht verbessert, vielmehr sei das Gegenteil der Fall: Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt habe sich für die Jugendlichen in den letzten Jahren verschlechtert, sagte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack der Berliner Zeitung. „Die These, dass es zurzeit mehr Ausbildungsplätze als Bewerber gibt, ist schlicht falsch.“ Fast jeder dritte Jugendliche sei im vergangenen Jahr bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz leer ausgegangen. Die Bundesregierung müsse daher ihr Versprechen halten und eine Ausbildungsplatzgarantie einführen.

Die eklatanten Unterschiede zwischen den DGB-Angaben und den offiziellen Statistiken erklärt Anbuhl wie folgt: Im vergangenen Jahr hätten insgesamt 816 541 als ausbildungsreif deklarierte junge Leute ein ernsthaftes Interesse an einem Ausbildungsplatz gezeigt. Demgegenüber wurden aber nur 530 715 Lehrverträge abgeschlossen – so wenige wie nie seit der deutschen Vereinigung. Auch in Berlin ist die Zahl der Ausbildungsverträge mit weniger als 17 000 auf einen Tiefstand gefallen. Bundesweit fanden nur 65 Prozent der Anwärter einen Ausbildungsplatz. 2012 hatte diese Quote noch bei 68 Prozent gelegen.

Das große Versprechen

Was aber geschah mit den übrigen Bewerbern? 62 530 junge Leute wurden dem „ alternativen Verbleib mit Vermittlungsauftrag“ überantwortet. Die Bewerber wurden also in Praktika, berufsvorbereitenden Maßnahmen oder Einstiegsqualifizierungen untergebracht, wobei sie selbst der BA gegenüber der Vermittlung einer Lehrstelle oberste Priorität einräumten. 106 640 weitere Bewerber kamen in den gleichen Warteschleifen unter, allerdings „ohne Vermittlungsauftrag“ an die BA. Weitere 95 622 Interessenten verschwanden aus den offiziellen Statistiken, etwa weil sie ohne amtliche Hilfe eine Lehrstelle suchten, ein Studium begannen oder einen Job annahmen. Bei all diesen Bewerbern handelt es sich laut DGB um Jugendliche, denen die Bundesagentur Ausbildungsreife attestiert hatte.

Mithin sei nicht der vielzitierte Niedergang der schulischen Bildung und ein Defizit an Grundkenntnissen für die Situation verantwortlich, so Anbuhl. In erster Linie liege es an den Betrieben, dass zu wenig ausgebildet werde. Insbesondere Klein- und Mittelständler zögen sich vom Ausbildungsmarkt zurück. 2013 bildeten nur noch 21,3 Prozent der Unternehmen aus. Das ist – trotz guter Konjunktur - der tiefste Stand in diesem Jahrtausend.

Dabei haben Hauptschüler schlechte Karten: Nur noch sieben Prozent der Betriebe bilden Hauptschulabsolventen aus. Auf der anderen Seite hat ein Viertel der Azubis heute ein Abitur oder einen Fachhochschulabschluss. Die Zahl der Lehrlinge mit Studienberechtigung stieg zwischen 2008 und 2012 um 14 000 an. Von einem „Ausbluten“ der dualen Ausbildung zugunsten der Unis könne also nicht die Rede sein, heißt es in dem DGB-Papier.

Viele unversorgte Bewerber hätten schlechte Chancen, doch noch einen Berufsabschluss zu erhalten, und könnten „später kaum ihren eigenen Lebensunterhalt finanzieren“, warnt DGB-Vize Hannack.

Sie fordert die schwarz-rote Regierung auf, ihren Koalitionsvertrag umzusetzen. Dort heißt es: „Wir werden den Ausbildungspakt gemeinsam mit den Sozialpartnern und den Ländern zur Allianz für Aus- und Weiterbildung weiterentwickeln. Ziel der Allianz ist die Umsetzung der Ausbildungsgarantie für Deutschland.“

Um jedem jungen Menschen, der sich bei der BA um eine Lehrstelle bewirbt, ein Angebot unterbreiten zu können, schlägt der DGB den flächendeckenden Ausbau einer assistierenden Ausbildung vor, bei der kleinen und mittleren Betrieben ein professioneller Ausbildungsberater zur Seite gestellt wird. Hannack: „Dieser Dienstleister hilft Unternehmen bei der Auswahl der Azubis und bei der Gestaltung der Ausbildung. Er bereitet die Jugendlichen auf die Ausbildung vor und besorgt ihnen auch Nachhilfe, wenn es nötig ist.“