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Kritik von Experten: Deutschland und seine unrümliche Rolle beim Umweltschutz

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dpa

Berlin -

Die Gabe der Weissagung wurde für Kassandra zum Fluch. Niemand schenkte ihr Glaube, bis ihre unheilvollen Warnungen schließlich eintraten. Eine ähnliche Erfahrung hat Wolfgang Haber hinter sich. 1985 legte der habilitierte Landschaftsökologe als Vorsitzender des Sachverständigenrates für Umweltfragen (SRU) ein erstes Gutachten zu den gravierenden Auswirkungen der modernen Landwirtschaft auf Artenvielfalt und Ökosysteme, auf die Qualität der Böden und des Grundwassers, auf Belastungen für Lebensmittel, Seen und Flüsse vor. Kernbotschaft: Ohne tiefgreifende Veränderungen zerstöre der Agrarsektor – auch seinen eigenen - Lebensgrundlagen.

30 Jahre später kommen Haber, SRU und Umweltbundesamt (UBA) in einer 311 Seiten umfassenden Studie zu dem Ergebnis, dass die Kassandrarufe von einst weitgehend ungehört verhallt sind. Dem gestern präsentierten Gutachten zufolge hat es nur in manchen Punkten, etwa der Pestizidbelastung in Lebensmitteln und Gewässern, messbare Verbesserungen gegeben.

In ökologisch zentralen Bereichen wurde die Lage dagegen schlechter. „Anlass zum Feiern gibt es nicht, eine Erfolgsbilanz kann man das wirklich nicht nennen“, bedauert UBA-Präsidentin Maria Krautzberger. Wesentliche Verantwortung hierfür komme der Bundesrepublik zu, die sich in der EU stets gegen wirkungsvollere Umweltauflagen und Kontrollen im Agrarbereich eingesetzt habe, sagt SRU-Generalsekretär Christian Hey.

Drastische Reduzierung von Feldvögeln

Entgegen der einst gesteckten Ziele gehe die Artenvielfalt bis heute weiter zurück, kritisiert Krautzberger. Als Beispiel nennt das UBA Feldvögel. Mehr als 40 Prozent der Arten, die 1980 auf Deutschlands Äckern anzutreffen waren, sind laut UBA heute verschwunden.

Auch die absolute Zahl der Tiere habe sich annähernd halbiert. Ähnliches gelte für Insekten, Wildkräuter, wirbellose Bodenbewohner und Mikroorganismen. „Mit Blick auf die Biodiversität ist die Bilanz erschütternd“, so Hey.

Nicht viel besser stehe es um die Belastung des Grundwassers durch Nitrate, betont Alois Heißenhuber, emeritierter Agrarökonom der TU München. Ungeachtet manch regionalen Fortschritts habe die Gesamtbelastung zugenommen. Insbesondere in Bundesländern mit hohem Nutztierbestand hätten die Nitrateinträge ein nicht mehr tragfähiges Ausmaß erreicht.

Zu viel Stickstoff- und nitrathaltige Gülle

Denn einerseits produzierten die Massentierhaltungsbetriebe Stickstoff- und damit nitrathaltige Gülle in Mengen, die die Aufnahmekapazität ortsnaher Anbauflächen bei weitem übersteigen. Andererseits sei der Transport der Gülle zu entfernter gelegenen Äckern wegen des hohen Wassergehalts von 90 Prozent nicht rentabel. Und so werde das Material eben doch betriebsnah in viel zu hohen Mengen ausgebracht und verunreinige das Grundwasser weit über die zulässigen Grenzwerte hinaus.

„Wir brauchen Vorgaben, die die Betriebe zu einer ökologisch vertretbaren Verwendung des Gülle zwingen und wir brauchen wirksame Kontrollen der Vorschriften“, fordert Heißenhuber. Vorbilder seien etwa Niederlande und einige skandinavische Staaten, die die Belastungen durch strikte Vorschriften und finanzielle Sanktionen deutlich reduziert hätten. Die Novelle der deutschen Düngeverordnung, die 2016 verabschiedet werden soll, reiche hingegen nicht aus, um die Umweltbelastung ausreichend zu mindern.

Es wirft ein bezeichnendes Licht auf die unrühmliche Rolle der Bundesrepublik, dass selbst diese unzureichende Novelle ausschließlich auf Druck der EU-Kommission zustande kommt. Im Juli 2014 leitete die Kommission nach anhaltender und weiträumiger Überschreitung des EU-Grenzwerts von 50 Milligramm Nitrat pro Liter Grund- und Oberflächenwasser ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland ein. Mit der Novelle versucht Berlin nun, gleichsam in letzter Minute die drohende Klage vor dem Europäischen Gerichtshof abzuwenden.

EU zahlt Landwirten viel Geld

„Deutschland steht immer auf der Bremse, wenn es darum geht, die EU-Agrarpolitik stärker an den Interessen der Umwelt und der Verbraucher auszurichten“, kritisiert Hey. Noch immer zahle die EU jährlich 50 Milliarden Euro an die europäischen Landwirte, ohne daran Gegenleistungen in Form nachhaltigerer Wirtschaftsweise zu knüpfen.

Mit dem Gießkannenprinzip, nach dem die EU 300 Euro pro Hektar und Jahr an die Agrarbetriebe ausschütte, müsse Schluss sein. Hey: „Öffentliche Mittel dürfen nur noch für öffentliche Güter ausgegeben werden, nicht länger als voraussetzungslose Einkommenszuschüsse für die Landwirte.“ „Deutschland muss sich endlich seiner Verantwortung bewusst werden, um der Landwirtschaft, den Bäuerinnen und Bauern und auch dem Umwelt- und Naturschutz in ländlichen Raum gleichermaßen eine Zukunft zu geben ", fordert der grüne Bundestagsabgeordnete und Ökolandwirt Friedrich Ostendorff. Es bedürfe „einer grundlegenden Wende“ der Landwirtschaft, sagt UBA-Chefin Krautzberger.

Klingt vertraut. Kassandra ruft noch immer.


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