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Leiharbeit: Das zerlegte Gehirn

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In der Klemme: Die Verzögerungen bei der Auslieferung des Airbus A 380 sollen mit dem hohen Anteil an Fremdvergaben zu tun haben.
In der Klemme: Die Verzögerungen bei der Auslieferung des Airbus A 380 sollen mit dem hohen Anteil an Fremdvergaben zu tun haben.
Foto: ddp

Konzerne setzen auch bei hochqualifizierten Arbeitskräften wie Ingenieuren in Entwicklungszentren auf Leiharbeit und Werkverträge. Oft verdienen sie weniger Geld als ihre festangestellten Kollegen. Betriebsräten geht das zu weit.

Im Kölner Entwicklungszentrum von Ford arbeiten mehr als 3000 Ingenieure und Techniker. Sie tüfteln an neuen Karosserien, Klimaanlagen und Bremssystemen. Allerdings gehört nur ein Teil von ihnen zur Ford-Belegschaft. Rund 1400 Fachkräfte sind Externe, die bei 36 verschiedenen Arbeitgebern angestellt sind, sagt Betriebsrat Hans Lawitzke. In der Entwicklungsabteilung in der Stuttgarter Daimler-Zentrale ist die Lage noch unübersichtlicher: Hier kommen die Beschäftigten sogar von rund 250 unterschiedlichen Firmen.

Große Unternehmen beschränken sich längst nicht mehr darauf, einfache Arbeiten wie Torkontrollen oder die Büroreinigung auszulagern. Auch hoch qualifizierte Tätigkeiten werden outgesourct. Mittlerweile sei „der Einsatz von Werk- und Dienstverträgen im Bereich Forschung und Entwicklung dramatisch hoch“, befindet IG-Metall-Justiziar Thomas Klebe. Bei Autoherstellern werde bis zu 60 Prozent der Arbeitsleistung in den Entwicklungszentren fremdvergeben.

Betriebsräten geht das zu weit: Sie kritisieren nicht nur, dass externe Ingenieure oft viel weniger Gehalt bekommen als fest angestellte Kollegen. Sie bezweifeln auch, dass es sich für ihre Unternehmen lohnt, in diesem Ausmaß auf Fremdvergaben zu setzen.

Externe verdienen weniger Geld

Bei Ford gebe es – wie in vielen anderen Konzernen – eine klare Vorgabe: Die Zahl der Festangestellten solle reduziert werden, sagt der Betriebsrat und Informatiker Lawitzke. Die Folge: Das mittlere Management stelle keine neuen Leute ein, sondern kaufe stattdessen Dienstleistungen ein, etwa von Ingenieurbüros. Die Akademiker arbeiten dann zwar bei und für Ford, stehen aber nicht auf der Gehaltsliste des Autobauers. Andere börsennotierte Konzerne verfahren ähnlich. Warum? Weil Investoren auf möglichst niedrige Personalkosten drängen. Ein Vorteil: In Krisenzeiten fallen geringe Kosten für die Entlassung von Festangestellten an.

Billiger geht immer

Bezahlung: Unternehmen lagern viele Tätigkeiten über Werkverträge aus. Im Einzelhandel sind die externen Beschäftigten oft fürs Regale einräumen zuständig. Viele haben Gewerkschaften zufolge nur Anspruch auf sechs Euro pro Stunde. Sie erhielten damit weniger Geld als Leiharbeiter. Auch hoch qualifizierte Werkvertrag-Ingenieure sind oft schlechter bezahlt als Festangestellte. Bei Entwicklungsdienstleistungen liegt die Vergütung laut IG Metall im Schnitt ein Drittel unter dem Tarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie. Betriebsräte berichteten, dass derzeit Leiharbeit in Werkverträge ungewandelt werde, um neue tarifliche Branchenzuschläge für Leihkräfte zu umgehen. Dies geschehe auch bei Entwicklungsarbeiten.

Definition: Es gibt Werkverträge, die völlig unumstritten sind. Wenn etwa ein Handwerker ein Büro renoviert, geschieht das auf der Basis eines Werkvertrags: Er verpflichtet sich, eine Dienstleistung zu erbringen und stellt diese dem Auftraggeber in Rechnung. Oft funktionieren Werkverträge aber ähnlich wie Leiharbeit. Dies gilt etwa für Beschäftigte, die im Supermarkt Regale einräumen. Dies könnten auch Zeitkräfte tun. Juristisch gibt es einen wichtigen Unterschied: Bei Leiharbeit kann der Einsatzbetrieb bestimmen, wo und wann die Leute arbeiten. Bei Werkvertrag-Beschäftigten ist das Sache des direkten Arbeitgebers. Das Problem: In beiden Fällen können die Leute zu niedrigeren Gehältern beschäftigt werden als Festangestellte.

Das Ergebnis der Auslagerungsstrategie: Im Kölner Entwicklungszentrum von Ford arbeiten derzeit laut Betriebsrat rund 1900 Festangestellte. Hinzu kommen fast 670 Leiharbeiter, die meisten ebenfalls Techniker und Ingenieure. Zudem arbeiten rund 700 Fachkräfte auf Werkvertrag-Basis. Die externen Ingenieure würden deutlich schlechter bezahlt, so Lawitzke: Sie erhielten als Einstiegsgehalt meist zwischen 2 800 und 3000 Euro im Monat und müssten 40 Stunden in der Woche arbeiten. Festangestellte erhielten mehr Geld für weniger Arbeit: der Tarifvertrag sehe 3300 Euro für die 35-Stunden-Woche vor. Der Gehaltsunterschied wächst im Lauf der Berufsjahre.

So bekomme ein fest angestellter Ingenieur nach sechs bis sieben Jahren 5700 Euro, die Externen oft maximal 4000 Euro. Werkverträge sind nicht per se schlecht – da sind sich Betriebsräte und Arbeitgeber einig. „Es wäre Blödsinn, jede Schraube selbst zu entwickeln“, sagt Rainer Brodersen, Betriebsrat von Airbus in Hamburg und zuständig für den Konstruktionsbereich. Zudem gibt es auch hoch spezialisierte und hoch bezahlte externe Experten. Gerade spezialisierte Firmen seien eine Stärke der deutschen Industrie, so der Arbeitgeberverband Gesamtmetall. Schließlich können Firmen Auftragsschwankungen mit Zeitkräften ausgleichen.

Was Betriebsräte stört, ist das Ausmaß der Auslagerung. So sind laut Brodersen bei Airbus in Hamburg derzeit rund ein Viertel der Beschäftigten in der Konstruktion Leiharbeiter. Hinzu kommen Werkvertrag-Arbeitnehmer. Die Leiharbeiter bei Airbus erhielten zwar das gleiche Gehalt wie Festangestellte, ihre Jobs seien aber unsicher. Bei Ford liegt der Anteil der Externen laut Betriebsrat bei rund 40 Prozent.

Die Fluktuation der Externen ist hoch, das verringert die Effizienz“, sagt Lawitzke, einst Leiter des Ford-Rechenzentrums. Ständig müssten Neue eingearbeitet werden. Zudem ist es aufwendig, die Arbeiten der verschiedenen Firmen zu kontrollieren und darauf zu achten, dass alles zusammenpasst. Die Verzögerungen bei der Auslieferung des Airbus 380 seien auch in dem hohen Fremdvergabe-Anteil begründet, so ein Insider: Ein Großteil der Elektrik sei extern entwickelt worden. Der Flugzeugbauer Boeing habe ähnliche Probleme. Die Sicherheit der Flugzeuge sei aber nicht gefährdet, versichert Brodersen.

Verlust von Know-how

Die Auslagerungen könnten auch dazu führen, dass Unternehmen zu viel Know-how verlieren, warnt Jörg Spies, Betriebsratsvorsitzender der Daimler-Zentrale. Er halte es für falsch, Komponenten wie Batterie-Sensoren für Elektroautos extern entwickeln zu lassen. Derzeit arbeiteten in der Daimler-Zentrale 3200 fest angestellte Entwickler. Hinzu kämen schätzungsweise 550 bis 600 Beschäftigte auf Werkvertrags-Basis, die bei ungefähr 250 Firmen, insbesondere Ingenieurbüros, angestellt seien.

Eine Daimler-Sprecherin betont dagegen, der Autobauer vergebe Dienstleistungen, die nicht zur Kernkompetenz gehörten, wie Soundsysteme. Zur Anzahl externer Beschäftigter sagte sie nichts. Auch eine Ford-Sprecherin sagte, die Zahlen seien schwankend. Intern wird in Unternehmen längst über das Ausmaß der Auslagerungen gerungen. Bei Ford gibt es laut Betriebsrat eine Vereinbarung, wonach der Anteil der Fremdfirmen auf 23 Prozent sinken soll. Der Daimler-Betriebsrat strebt eine Regelung an, die angemessene Arbeitsbedingungen für Externe sicherstellt und regelt, wo ihr Einsatz sinnvoll ist und wo nicht. „Es geht darum, etwas wieder in Ordnung zu bringen, was aus dem Ruder gelaufen ist.“, sagt Spies.

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