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Leiter des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik: "Der Klingelbeutel reicht nicht mehr"

Dirk Messner, der Leiter des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE).

Dirk Messner, der Leiter des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE).

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berliner zeitung/Paulus Ponizak

Indische Wissenschaftler helfen Deutschland bei der Energiewende. Ein absurder Gedanke? Nein, sagt der Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE), Dirk Messner. Die klassische Entwicklungshilfe habe ausgedient, sagt er. Die Globalisierung und insbesondere der Klimawandel erforderten eine völlig neue Form der Zusammenarbeit aller Staaten.

Herr Messner, Bob Geldofs „Band-Aid“-Hilfsprojekt für die von Ebola betroffenen Länder hat in Afrika für massive Kritik gesorgt. Afrika werde einmal mehr als düsterer Horrorkontinent dargestellt, dem nur der Westen helfen könne. Das belebt eine alte Debatte: Hat all die Entwicklungshilfe der letzten 50 Jahre mehr geschadet als genützt?

Diese Frage ist nicht einfach mit Ja oder Nein zu beantworten. Mit den Milliardensummen aus dem Westen wurde viel Gutes erreicht. Bildungs- und Gesundheitssysteme wurden ausgebaut und verbessert. Noch nie wurden so viele Kinder eingeschult, noch nie wurden so viele geimpft. Überall steigt die Lebenserwartung. Aber gleichzeitig hat der Westen den Entwicklungsländern auch sehr geschadet.

Wie?

Im Kalten Krieg wurden viele autoritäre Herrscher unterstützt, weil das in der Auseinandersetzung der Systeme als sinnvoll erschien. Kein Ruhmesblatt war auch der radikal wirtschaftsliberale Kurs von Weltbank und Internationalem Währungsfonds in den 1980er/90er Jahren. Damals wurden den Entwicklungsländern schockartige Strukturprogramme aufgezwungen, die Liberalisierung, Deregulierung sowie die Privatisierung von Staatseigentum vorsahen. Die Bedeutung leistungsfähiger Institutionen und von aktiver Sozial- und Bildungspolitik wurde völlig vernachlässigt. Das hat die viele Länder überfordert, zur Ungleichheit beigetragen und wirtschaftliche Entwicklung gehemmt.

Wie ist es mit der westlichen Arroganz?

Das ist ein zentrales Problem. Der Westen gibt seit 50 Jahren das Geld. Er bestimmt daher welche Konzepte umgesetzt werden, was richtig oder falsch ist. Viele Akteure in Entwicklungsländern fühlen sich zu Bittstellern und Almosenempfängern degradiert. Wir brauchen also eine erneuerte Kooperationskultur. Die Proteste gegen das „Band-Aid“-Projekt, das wieder das klassische Bild der Helfer aus dem Norden und der hilflosen Afrikaner zeichnet, sind ja ein positives Zeichen. Viele Länder und Institutionen Afrikas – von Asien und Lateinamerika ganz zu schweigen – haben sich in den vergangenen Jahren positiv entwickelt.

Lassen Sie uns eine Bestandsaufnahme versuchen. Wie ist die Situation heute in den klassischen Entwicklungsländern?

Wir haben es mit mehreren Entwicklungen zu tun. In den letzten 30 Jahren ist der Anteil der absolut armen Menschen an der Weltbevölkerung – sie leben von weniger als 1,25 Dollar am Tag – halbiert worden. Die Zahl der ärmsten der armen Staaten, die sogenannten Least Developed Countries, hat sich in den vergangenen 20 Jahren ebenfalls halbiert, von gut 60 auf etwa 30. Die absolute Armut in der Weltgesellschaft steigt also nicht, sie sinkt.

Die Halbierung der Armutsrate ist ja gut und schön, aber in absoluten Zahlen sprechen wir immer noch von gut einer Milliarde Menschen. Wo leben sie?

Das ist höchst interessant: Anders als früher lebt die Mehrheit der Ärmsten nicht mehr in den ärmsten Staaten. Zwei Drittel von ihnen lebt vielmehr in den Schwellenländern wie China, Indien, Brasilien oder Peru. Das ist eine gute Nachricht. Denn die Chance, dass man in diesen dynamisch wachsenden Volkswirtschaften aus der Armut herausfindet, ist größer als im Tschad oder in Jemen.

Was ergibt sich aus dieser Situation für die künftige Entwicklungszusammenarbeit?

Man könnte auf die Idee kommen, die Entwicklungszusammenarbeit auf die ärmsten Staaten zu konzentrieren. Denn die Schwellenländer werden es aus eigener Kraft schaffen, die dort bestehende Armut zu bekämpfen. Sie brauchen dazu keine ausländische Hilfe mehr. Wer so argumentiert, übersieht aber einen wesentlichen Punkt.

Der da wäre?

Es geht gar nicht mehr allein um die Bekämpfung der Armut. Der Klimawandel wird zu einem herausragenden Thema. Die globale Erwärmung sorgt in einer steigenden Zahl von Ländern für zunehmende Wasser- und Nahrungsmittelknappheit, er führt zu extremen Wetterereignissen und zu mehr Krankheiten, etwa durch eine stärkere Ausbreitung von Malaria. Wenn es uns nicht gelingt, den Klimawandel und dessen Folgen zu begrenzen, dann werden wir es in den folgenden Dekaden mit einer Welle destabilisierter Staaten, einem drastischen Anstieg des Hungers und großen Flüchtlingsströmen und tun haben.

Was muss geschehen?

Wir hatten bisher in der Menschheitsgeschichte zwei große Revolutionen: Die Neolithische Revolution, also das Sesshaftwerden von Jägern und Sammlern, aus denen Bauern wurden, und die industrielle Revolution. Nun muss wegen des Klima- und Umweltwandels eine dritte folgen, die wir die große Transformation nennen. Denn wir sind an den Grenzen unseres Erdsystems angelangt. Bis 2070 müssen wir die Treibhausgas-Emissionen auf Null reduzieren, um das Zwei-Grad-Ziel einhalten, den Klimawandel und dessen Folgen noch halbwegs beherrschen zu können. Dazu müssen global die Grundlagen unseres Wirtschaftens komplett neu gelegt werden. Dekarbonisierung lautet das Stichwort.

Was bedeutet das konkret für die Entwicklungszusammenarbeit?

So abgedroschen das klingt, aber wir sitzen wirklich alle in einem Boot – es geht um die Stabilität des Erdsystems, der Lebensgrundlage menschlicher Zivilisation. Hierbei sind reiche, arme und aufsteigende Staaten aufeinander angewiesen. Das erfordert in unseren Gesellschaften ein Umdenken. Wir halten es doch für ganz selbstverständlich, uns über die Entwicklungszusammenarbeit in Gestaltungsprozesse anderer Länder einzumischen. Wir finden es aber völlig absurd, dass nun zum Beispiel die Schwellenländer immer stärker wollen, dass auch bei uns die Politik geändert wird.

Inwiefern?

In Indien finden es viele Akteure irritierend, wenn wir Europäer gönnerhaft einige Millionen in ihrem Land für Energieeffizienz investieren oder sie zu überzeugen versuchen, auf Kohleverbrennung zu verzichten. Dem Westen gehe es doch nur darum, dass er selbst seine CO2 -Emissionen länger hochhalten könne, wird oft argumentiert. Völlig zu Recht können die Inder zu uns kommen und sagen: Liebe Leute, Eurer ökologischer Fußabdruck ist eine Katastrophe, tut etwas dagegen!

Wir tun ja zum Beispiel mit der Energiewende etwas.

Das stimmt – auch wenn der Weg noch weit ist. Aber was mir indische Kollegen sagen ist: Warum machen wir keine wechselseitigen Kooperationen: Wir Inder versprechen Euch, unsere Energieeffizienz um den Faktor X zu erhöhen und ihr unterstützt und überprüft das. Ihr Deutschen steigt schneller aus der Kohle aus als geplant, wir Inder überprüfen das. Und deutsch-indische Ingenieurs- und Universitätspartnerschaften sorgen dafür, dass wir in beiden Ländern mit der klimaverträglichen Wirtschaft vorankommen. Also Zusammenarbeit auf Augenhöhe, wechselseitige Einmischung – nicht alte Nord-Süd-Hilfe.

Das klingt etwas weltfremd.

Warum? Inzwischen sind einige Schwellenländer im Bereich klimaverträglicher Innovationen schneller als wir im Westen. Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass Wissen nur bei uns im Westen produziert wird. Klar ist aber auch, dass bis 2070 nicht nur die Industrieländer ihre Emissionen auf Null drücken müssen, sondern eben auch die Schwellenländer wie Indien und China. Die Verantwortung einseitig auf den Norden abzuschieben, geht da nicht mehr.

Die neue Entwicklungszusammenarbeit muss also letztlich auch eine Hilfe zur Bewältigung des Klimawandels sein?

Ja, und Deutschland tut hier viel. Dabei gibt es aber wie gesagt ein Problem, weil der Klimaschutz in den Entwicklungs- und Schwellenländern oft als Versuch der Industrieländer gewertet wird, den wachsenden Wohlstand in diesen Regionen im eigenen Interesse abzubremsen.

Was kann man die Skeptiker überzeugen?

Hier sind wir wieder bei der klassischen Armutsbekämpfung, die weiterhin notwendig ist. Sie ist auch die Legitimation bei unserem Engagement in den ärmeren Staaten für den Klimaschutz. Ansonsten fehlt die Akzeptanz in der dortigen Bevölkerung.

Wie ist Deutschland angesichts dieser Aufgaben aufgestellt?

Deutschland ist der größte bilaterale Geber für Klimaschutzprojekte. Noch sind die Ansätze aber oft zu kleinteilig; der Umbau ganzer Wirtschaftssysteme und Sektoren in Richtung des Null-Emissionsziels 2070 verlangt grundlegende Weichenstellungen. Wichtigstes Handlungsfeld sind die Energiesysteme, die global für 70 Prozent des Treibhausgas-Ausstoßes verantwortlich sind. Wir müssen aber auch fragen, von wem der wachsende Energiehunger ausgeht: Es sind die Städte. Die dort lebende Bevölkerung wird sich bis 2050 gegenüber heute verdoppeln! Wir müssen uns also dringend mit der Urbanisierung beschäftigen.

Der Trend zu Megastädten wird sich nicht aufhalten lassen.

Eher nicht. Wir können die Städte aber klimaneutral gestalten, sei es durch moderne Nahverkehrssysteme oder durch den Bau von Häusern, die Energie liefern und nicht verbrauchen. Das dritte Element beim Emissionsabbau ist die Landwirtschaft und der Erhalt des Waldes. Auf all die Problemfelder müssen wir unsere Anstrengungen konsequent ausrichten, ansonsten ist die Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels nicht möglich.

Deutschland gibt derzeit weniger als 0,4 Prozent der Wirtschaftsleistung für die Entwicklungszusammenarbeit aus, international vereinbart sind 0,7 Prozent. Sind diese Quoten noch zeitgemäß?

Das 0,7-Ziel folgte dem Klingelbeutelprinzip: Wir geben ein bisschen von unserem Wohlstand ab, um anderen zu helfen – und können uns dabei besser fühlen. Künftig geht es um die Gestaltung globaler Entwicklungen, um die Vermeidung weltweiter Systemrisiken. Die Investitionen in internationale Kooperation werden steigen müssen. Das Klingelbeutelprinzip wird nicht mehr ausreichen.

Das Gespräch führte Timot Szent-Ivanyi.



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