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Lieferdienst Bonativo von Rocket Internet: Neues Berliner Start-up bietet Lieferdienst für regionale Lebensmittel

Bonativo-Chef Christian Eggert bringt den Wochenmarkt ins Netz.

Bonativo-Chef Christian Eggert bringt den Wochenmarkt ins Netz.

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Bonativo

Karotten und Kartoffeln aus der Region sind der nächste Markt, bei dem die Berliner Start-up-Fabrik Rocket Internet auf ein Milliardengeschäft hofft. Ab Dienstag bietet sie mit der Online-Plattform Bonativo zunächst in Berlin rund 400 Produkte von Erzeugern aus dem Region an, von Akazienhonig bis Wirsingkohl. „Wir bringen den Wochenmarkt ins Netz“, sagte Bonativo-Chef Christian Eggert der Berliner Zeitung. Der Online-Marktplatz werde dabei frischere Produkte anbieten als die meisten Supermärkte.

Tatsächlich stellt das Modell von Bonativo das Prinzip des Supermarktes auf den Kopf. Anstatt stationäre Läden mit Waren zu bestücken, die dann über einen längeren Zeitraum abverkauft werden, funktioniert Bonativo wie ein Lebensmittelladen, der einmal am Tag befüllt – und dann komplett ausverkauft wird. Nach der Bestellung der Kunden holt das Start-up die verschiedenen Produkte bei den regionalen Produzenten ab, sammelt sie in einem kleinen Lager in Kreuzberg und liefert sie dann im Stadtgebiet Berlin aus.

Fahrt nach Berlin lohnt nicht

Zu den regionalen Lieferanten gehört etwa der nördlich von Berlin angesiedelte Ökohof Kuhhorst. Kartoffeln, Säfte und Marmeladen gehören zu den Produkten, die der Hof auf der Plattform anbieten wird. Entscheidend sei, dass das Start-up das Logistikproblem für den Hof löse, sagt Betriebsleiter Hannes-Peter Dietrich. „Für uns würde sich das nicht lohnen, extra nach Berlin zu fahren.“

Die Landwirte legen dabei selbst die Preise fest, zu denen sie die Produkte an die Online-Plattform abgeben. Bonativo will den Profit wiederum aus dem Aufschlag für den Endverbraucherpreis ziehen. Da die Plattform sowohl Großhändler als auch stationäre Läden ersetze, werde man regionale Produkte dennoch zu Preisen unterhalb derer von Naturkostläden anbieten können, sagte Bonativo-Chef Eggert.

Mit Bonativo versucht auch die Start-up-Fabrik Rocket Internet der Brüder Marc, Alexander und Oliver Samwer von dem Trend zu profitieren, dass Verbraucher zunehmend darauf achten, ob die Produkte aus der Region kommen. Laut einer Emnid-Umfrage ist Regionalität das wichtigste Merkmal, auf das Kunden beim Lebensmitteleinkauf achten. Sechs von zehn Einkäufern achteten häufig oder sogar fast immer auf die regionale Herkunft – und es werden immer mehr. Der Unternehmensberatung AT Kearney zufolge ist die Anzahl der Kunden, die wöchentlich zu regionalen Produkten greifen, im letzten Jahr im Vergleich zum Vorjahr um 35 Prozent angestiegen. Inzwischen sind es mehr als 60 Prozent. „Der Trend zur Regionalität wird sich weiter verstärken“, sagt auch Agrarökonom Ulrich Hamm von der Universität Kassel. Die Sicherheit der Lebensmittel sei dabei für die meisten Kunden der entscheidende Aspekt. „Skandale wie um importierte chinesische Erdbeeren sind die Treiber für die Nachfrage nach Regionalität.“

Bonativo steht dabei für eine neue Entwicklung: Erstmals steigt mit der Plattform auch in Deutschland ein mit Risikokapitalgebern unterstütztes Start-up mit Expertise im Online-Bereich in den Markt ein. Derzeit ist das Online-Angebot regionaler Produkte hierzulande dagegen noch ein absoluter Nischenmarkt. „Der Umsatzanteil liegt weit unter einem Prozent, im Promille-Bereich,“ sagt Agrarökonom Hamm.

Das Online-Angebot besteht bislang vor allem aus regionalen Lieferdiensten größerer Bio-Betriebe, die teilweise mit Naturkosthändlern kooperieren, um auch Zitrusfrüchte oder Waschmittel anzubieten. In Berlin bietet etwa der Lindenhof im Brandenburgischen Termnitztal mit Landkorb.de einen Bio-Lieferdienst an, über den auch Produkte anderer Erzeuger der Region zu beziehen sind. Mit dem Ökokorb bietet das Ökodorf Brodowin, Deutschlands größter nach Demeter-Richtlinien zertifizierter Betrieb, ebenfalls einen Lieferdienst an, bei dem man auch Gemüsekörbe abonnieren kann.

Mit professionellen Lebensmittel-Lieferdiensten wie sie Online-Supermärkte oder die Bestelldienste von Ketten wie Rewe anbieten, können sie allerdings nicht mithalten. So bieten die meisten Lieferdienste für bestimmte Stadtgebiete die Belieferung nur an einem bestimmten Wochentag an. Bonativo will diese Lücke schließen. So können die Kunden gegen einen Aufpreis von 4,90 Euro bestimmte Zwei-Stunden-Zeitfenster für die Lieferung buchen – wie es auch bei der Lieferung von Supermarkt-Bringdiensten möglich ist. Ein einzelnes Glas Honig bringt der Dienst allerdings nicht. Mit 30 Euro müssen die Kunden einen üppigen Mindestbestellwert für die Online-Versorgung mit regionalen Produkten in Kauf nehmen.

Modell aus den USA importiert

Rocket Internet bringt immer nur Start-ups auf den Markt, deren Geschäftsmodell sich bereits bewährt hat. Auch die Idee für Bonativo haben die Berliner kopiert. Der Dienst ist eine Adaption des US-amerikanischen Start-ups Good Eggs, das im Februar 2013 in San Francisco an den Markt gegangen und seitdem rasant gewachsen ist. Innerhalb von weniger als zwei Jahren konnte das Start-up knapp 30 Millionen Dollar (rund 25 Millionen Euro) Risikokapital von bekannten Investmentfirmen wie Index Ventures und Sequoia Capital bekommen, einem frühen Investor in Google, Youtube und Paypal. In San Francisco gestartet, ist das Start-up in der Folge in hohem Tempo in zahlreiche andere US-amerikanische Städte expandiert, darunter Los Angeles, New Orleans und New York. 600 regionale Produzenten bieten dort inzwischen ihre Produkte an.

Es ist nicht die erste Lebensmittel-Plattform, die die Samwers aus den USA importieren. Mit Shopwings haben sie kürzlich einen Dienst nach dem Modell des US-amerikanischen Start-ups Instacart auf dem Markt gebracht, der fast das gesamte Sortiment aus Supermärkten wie Edeka oder Lidl innerhalb von nur zwei Stunden nach Bestellung nach Hause liefert. Das US-Original ist inzwischen zwei Milliarden Dollar wert. Mit der Verschickung und Logistik im Lebensmittelbereich hat die Berliner Internetfirma zudem bereits mit Hello Fresh Erfahrung gesammelt. Bei dem Dienst kann man auf Rezepte abgestimmte Lebensmittel-Boxen abonnieren. Seit der Gründung Ende 2011 ist er rasant gewachsen.

Dass sich die Berliner Start-up-Fabrik auf den Lebensmittelhandel stürzt, hat einen einfachen Grund: Es ist einer der wenigen Handelsbereiche, bei denen Online-Plattformen noch weitgehend unbedeutend sind. Die Start-up-Strategen um Oliver Samwer sind überzeugt, dass sich das mit der Zeit ändern wird – und sie mit ihrer Offensive zum Amazon des Lebensmittelhandels werden können.