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Lohnempfehlung der IG Metall : Deutsche Löhne holen auf

In der ostdeutschen Industrie sind die Gehälter viel niedriger als im Westen. Dort gibt es mehr kleine und nicht tarifgebundene Betriebe, so die IG Metall.

In der ostdeutschen Industrie sind die Gehälter viel niedriger als im Westen. Dort gibt es mehr kleine und nicht tarifgebundene Betriebe, so die IG Metall.

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dpa/Jan Woitas

An diesem Dienstag ist es so weit: Die IG Metall legt ihre Lohnempfehlung für die Metall- und Elektroindustrie vor und setzt damit ein Zeichen für die diesjährigen Tarifrunden. Es geht um die Einkommen von Millionen Menschen. Die Kontrahenten laufen sich schon mal warm: Die Metall-Gewerkschaft zielt angesichts der guten Geschäftslage und hoher Gewinn auf „eine Erhöhung der Realeinkommen“. Die Arbeitgeber hingegen beklagen einen „Scheinaufschwung“ der deutschen Wirtschaft, der Lohnerhöhungen wie 2015 nicht zulasse.

Im vorigen Jahr hatte die IG Metall 5,5 Prozent mehr Gehalt gefordert, bekommen hatte sie 3,4 Prozent. Dieses Jahr will sie ein weiteres Plus: Die mächtigen IG-Metall-Bezirke Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen haben vorgeschlagen, mit einer Lohnforderung von 4,5 bis fünf Prozent in die Verhandlungen zu gehen.

Warum die Wirtschaft wächst

Schützenhilfe bekommen die Gewerkschafter von der Politik: „Deutschland ist ein verdammt starkes Land“, sagt Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) und prognostiziert für dieses Jahr weitere Beschäftigungsrekorde und eine Steigerung der Bruttogehälter je Arbeitnehmer um 2,6 Prozent nach 2,9 Prozent im vorigen Jahr. Der Beschäftigungsaufbau sei zusammen mit Gehaltssteigerungen Grundlage der binnenwirtschaftlichen Dynamik. Auch in diesem Jahr, da sind sich Ökonomen einig, wird der private Konsum das Wirtschaftswachstum tragen.

Zwar sprechen Ökonomen der Deutschen Bank von einer „relativ moderaten Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Löhne“ im vorigen Jahr. Dennoch klagen Unternehmer-Vertreter über steigende Kosten und sehen die Wettbewerbsfähigkeit bedroht. Die expansive Lohnpolitik der vergangenen Jahre habe Deutschlands Kostenvorteil teilweise wieder aufgezehrt, mahnte das arbeitgebernahe Institut IW.

Tatsächlich ist Arbeit in Deutschland absolut gesehen nicht billig. So kostete die Arbeitnehmerstunde 2014 im Schnitt rund 32 Euro, damit lag Deutschland über dem Durchschnitt der Euro-Zone, der knapp 29 Euro betrug, allerdings deutlich hinter Dänemark, Belgien und Schweden, die über 40 Euro kommen. Seit 2008 legten die Arbeitskosten je Stunde in Deutschland um 2,1 Prozent zu und damit etwas stärker als im Durchschnitt der Währungsunion (2,0 Prozent) – und deutlich stärker als in Krisenländern wie Portugal oder Griechenland, wo die Kosten sanken.

"Stetig an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen“

Im verarbeitenden Gewerbe lagen die Arbeitskosten 2014 in Deutschland bereits bei 37 Euro je Stunde und damit an dritter Stelle in der EU. Im vergangenen Jahr ging es weiter bergauf. Dennoch hat die hiesige Wirtschaft noch immer einen starken Preisvorteil. Denn von der Euro-Einführung bis zur Finanzkrise 2008 stiegen die Löhne hier zu Lande so schwach wie in keinem anderen Land der Währungsunion.

Der entscheidende Indikator für die preisliche Wettbewerbsfähigkeit ist jedoch nicht die absolute Lohnhöhe, sondern die Lohnstückkosten, die den Zuwachs der Produktivität mit einberechnen – deutsche Arbeitnehmer verdienen mehr, sie produzieren aber auch mehr. Durchschnittlich sind Norwegen, die USA, Japan, Kanada und die wichtigsten EU-Länder zwölf Prozent weniger produktiv als die deutsche Industrie, errechnete das IW.

Auch bei den Lohnstückkosten zeigt sich der Vorsprung: Zwischen 2000 und 2008 gingen sie in Deutschland zurück, in der Industrie um neun Prozent, im Rest der EU legten sie zu. Deutschland „hat stetig an preislicher Wettbewerbsfähigkeit gewonnen“, so das gewerkschaftsnahe Institut IMK. Ergebnis waren riesige Exportüberschüsse Deutschlands im Handel mit anderen Euro-Ländern, die ihrerseits Außenhandelsdefizite und wachsende Verschuldung bilanzierten. Diese Ungleichgewichte haben massiv zum Ausbruch der Euro-Krise beigetragen.

Der Rat des Weisen

Deutschlands Lohnstückkosten-Vorsprung ist zwar abgeschmolzen, auch wegen Lohnsenkungen in Krisenländern. Aber er ist immer noch vorhanden. So sind die Lohnstückkosten hierzulande seit 2000 um 17 Prozent gestiegen, im Euroraum (ohne Deutschland) um 31 Prozent.

Ein Ausweis der starken Wettbewerbsfähigkeit sind die wachsenden Überschüsse im Außenhandel. Im vergangenen Jahr wuchsen die Ausfuhren um über sechs Prozent, der Exportüberschuss erreichte 236 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 erzielte Deutschland einen Außenhandelsüberschuss von nur knapp sechs Milliarden. Stärker steigende Löhne in Deutschland würden „helfen, wirtschaftliche Ungleichgewichte in Europa abzubauen“, so die Deutsche Bank.

Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger empfiehlt, dass sich die Lohnzuwächse in Deutschland an der Zielinflation der Europäischen Zentralbank (EZB) von knapp zwei Prozent und dem Produktivitätszuwachs von rund einem Prozent orientieren. In diesem Jahr könne das Plus sogar einen halben Prozentpunkt darüber liegen: „Die Löhne sollten im Durchschnitt um gut drei Prozent steigen und in der Industrie mindestens genauso stark“, sagte Bofinger der Berliner Zeitung. Ein solcher Gehaltszuwachs würde dazu beitragen, dass sich der derzeit sehr geringe Preisanstieg dem Inflationsziel der EZB annähert. Dies würde die gesamte Eurozone stabilisieren, und die Notenbank könnte ihre extreme Niedrigzinspolitik beenden.