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Lohnentwicklung Deutschland: Die Reallöhne sinken besonders im Westen

Niedrige Löhne: Seit 1993 lässt Audi seine Motoren im ungarischen Györ bauen.

Niedrige Löhne: Seit 1993 lässt Audi seine Motoren im ungarischen Györ bauen.

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Audi

Deutschland 1993: Audi lässt in Ungarn ein neues Motorenwerk errichten. Györ habe den Zuschlag wegen „erheblicher Kostenvorteile“ gegenüber ostdeutschen Standorten erhalten, teilt das Unternehmen mit. Auch andere Firmen ziehen gen Osten, nach Tschechien, Ungarn oder Polen, wo „billige Arbeitskräfte in Fülle vorhanden“ sind, wie Rolf Demuth, Eigentümer der Möbelfirma Schieder, seinen neuen polnischen Standort preist. Die Verlagerung der Produktion gefährde in Deutschland kurzfristig 800 000 Arbeitsplätze, warnt Industriepräsident Tyll Neckar, Unternehmensberater Roland Berger sieht gar 60 Prozent der deutschen Wirtschaft bedroht.

Ein Jahr später stellt Arbeitgeberpräsident Klaus Murmann sein Rezept gegen Jobverlagerung vor: Deutschland brauche einen „echter Niedriglohnbereich“, generell gehörten Urlaubs- und Weihnachtsgeld gekürzt, fordert er und prophezeit: „Wenn wir nicht umsteuern, werden wachsende Lohnzusatzkosten immer weitere Arbeitsplätze vernichten.“

Deutschland steuert um. Ab Mitte der 1990er-Jahre werden die Gehaltszuwächse immer geringer. Real, also nach Abzug des Preisanstiegs, sinken die Bruttostundenlöhne von Millionen Beschäftigten und zwar über viele Jahre. Das belegt eine Analyse, die das Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Uni Duisburg-Essen erstellt hat, die der Berliner Zeitung vorliegt.

Geringverdiener stark betroffen

In Westdeutschland sind demnach von 1995 bis 2012 die Reallöhne in allen Einkommensgruppen gesunken. Einen dramatischen Rückgang erlebten Geringverdiener: Ihre realen Stundenlöhne stürzten um 20 Prozent ab.

In Ostdeutschland gab es nach dem Mauerfall zunächst noch starke – viele Forscher meinen zu starke – Zuwächse. Innerhalb von zwei Jahren stieg der mittlere Stundenlohn von 54 auf fast 70 Prozent des Westniveaus, ergab die IAQ-Auswertung. Gewerkschaften setzten inmitten der Einheitseuphorie zweistellige Zuschläge durch. Dann kam die Wende: Geringverdiener in Ostdeutschland erlitten wie ihre Westkollegen Einbußen: Ihre Reallöhne sanken von 1995 bis 2012 um 6,3 Prozent.

Dass der Rückgang nicht so stark war wie im Westen, liege nur daran, dass das Ausgangsniveau im Osten ohnehin sehr niedrig war, erklärt IAQ-Direktor Gerhard Bosch. Deutliche Steigerungen verbuchten nur noch Beschäftigte, die gemessen am ostdeutschen Lohnniveau überdurchschnittlich verdienten. Die mittleren Einkommen blieben nahezu unverändert.

Die Lohnzurückhaltung sollte Jobs erhalten und schaffen. Doch die gesamtdeutsche Arbeitslosenquote blieb über viele Jahre hoch und lag bis 2006 meist über zehn Prozent. In den neuen Bundesländern stieg der Anteil der Jobsuchenden auf fast 19 Prozent – ein in der deutschen Nachkriegsgeschichte beispiellos hoher Wert.

Warum kam es zu dem Absturz der Einkommen? Der Fall des Eisernen Vorhangs hat der deutschen Industrie eine „einzigartige Gelegenheit“ eröffnet, die Produktion ins nahe Mittel- und Osteuropa zu verlagern, wo die Gehälter niedrig, die Ausbildung gut und das Investitionsklima stabil waren, schreibt ein Autorenteam um den Wirtschaftsprofessor Christian Dustmann vom University College London.

Einige Firmen verlagerten ihre Werke tatsächlich allein aus Kostengründen. Doch so viele waren es am Ende gar nicht. Wichtiger war, dass Manager mit Verlagerung drohen konnten. Diese Option habe die Machtverhältnisse zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern zugunsten der Unternehmen verschoben, so Dunstmann. Gewerkschaften und Betriebsräte seien gezwungen gewesen, Einschnitte hinzunehmen.

Die hohe Arbeitslosigkeit hat die Gewerkschaften wehrlos gegen solche Drohungen gemacht, betont der Forscher Bosch. Wenn Beschäftigte Angst um ihren Job haben und Millionen Arbeitslose händeringend eine Stelle suchen, sind die Menschen zu Zugeständnissen bereit. So konnten Siemens, VW und viele andere Firmen Einschnitte durchsetzen.

Drohung mit Abwanderung

In der alten Bundesrepublik waren Beschäftigte bis 1990 noch relativ gut vor Lohn-Verfall geschützt. Für die meisten Unternehmen war es selbstverständlich, dass sie einem Arbeitgeber-Verband angehören und ihre Belegschaft nach Tarif bezahlen, sagt Bosch. „Dieser Konsens ist zerbrochen.“ In Ostdeutschland war die Tarifbindung von Anfang an relativ niedrig, in beiden Teilen der Republik sank die Tarifbindung nach der Einheit kontinuierlich.

Gleichzeitig wurden die Flächentarifverträge selbst löchriger. Angesichts der prekären wirtschaftlichen Lage in Ostdeutschland akzeptierten Gewerkschaften zunächst dort Öffnungsklauseln in Tarifverträgen, die Firmen Lohnkürzungen ermöglichen. Dieses Modell wurde später im Westen übernommen. Mit Öffnungsklauseln von Tarifstandards abzuweichen, wurde normal.

Unternehmen setzten auch deshalb stärker auf Kostensenkungen, weil ihre Kapitalgeber eine höhere Rendite erwarteten. Bereiche wie Kantinen, Reinigung, Werkschutz, Logistik, IT wurden ausgelagert. Stammbeschäftigte durch Leiharbeiter ersetzt. Aus ordentlich bezahlter Arbeit wurden Billigjobs. Die Hartz-Reformen verstärkten den Druck auf Arbeitslose, fast jede Stelle anzunehmen.

Sinkende Gehälter durch Privatisierung

Die Deregulierung und Privatisierung in Sektoren wie Post, Verkehr und Telekommunikation führte zu sinkenden Preisen. Aber auch zu sinkenden Gehältern. „Die Gewerkschaften haben hier einen historischen Fehler gemacht“, betont Bosch: Sie haben nicht darauf gedrängt, dass mit der Liberalisierung allgemeinverbindliche Branchentarifverträge eingeführt werden, die einen Wettbewerb über Niedriglöhne begrenzt hätten.

Ob die Lohnzurückhaltung Jobs geschaffen hat, ist umstritten. Von 2000 bis 2011 ist jedenfalls die Zahl der Beschäftigten hierzulande langsamer gestiegen als in der Euro-Zone insgesamt. Darauf weist Gustav Horn, Direktor des gewerkschaftsnahen Wirtschaftsforschungsinstitut IMK, hin. Erst seit der jüngsten Wirtschaftskrise, die Deutschland mit Konjunkturpaketen und Arbeitszeit-Verkürzung exzellent gemeistert hat, entwickelt sich die Beschäftigung hierzulande viel besser als anderswo.

Mit Sicherheit hat die Lohnzurückhaltung zu einer Umverteilung des Wohlstands in Deutschland geführt. Die gesamten Arbeitnehmerentgelte sind seit 1995 nominal um 40 Prozent gestiegen. Die Unternehmens- und Vermögenseinkommen um 73 Prozent.

Seit drei Jahren steigen die Löhne wieder etwas stärker. Das begrüßt sogar die Bundesbank, die ebenso wie IAQ-Direktor Bosch für einen jährlichen Anstieg der nominalen Einkommen um rund drei Prozent plädiert. Dadurch könne die Binnennachfrage in Deutschland gestärkt werden.

Vom Mindestlohn von 8,50 Euro, der 2017 ausnahmslos gilt, werden insbesondere in Ostdeutschland viele Menschen profitieren. Die einheitliche Untergrenze wird die Ost-West-Angleichung unter Geringverdienern beschleunigen, betont Bosch. Damit auch Beschäftigte mit mittlerem Einkommen in Ost und West auf absehbare Zeit gleichviel verdienten, sollten sich Gewerkschaften für eine höhere Tarifbindung und einen verbindlichen Fahrplan für die Angleichung einsetzen. Die Gelegenheit ist günstig. Gerade in Ostdeutschland klagen Betriebe über Fachkräfte-Knappheit.


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