09.01.2012

Masern auf dem Vormarsch: Kein Personal zum Impfen

Von Daniel Baumann
        

Pikser vom Amt: Leider sinkt die Impfrate.
Pikser vom Amt: Leider sinkt die Impfrate.
Foto: dpa/ Michael Reynolds

In den Gesundheitsämtern fehlen die Ärzte. Die Bezahlung ist schlechter als in Kliniken - und die Vorsorge für die Gesundheit von Kindern leidet darunter.

Den Gesundheitsämtern fällt es immer schwerer, die Bevölkerung vor Krankheiten zu schützen. Wie Amtsärzte und Gewerkschaften berichten, könnten manche Aufgaben gar nicht mehr oder nicht rechtzeitig erledigt werden. So seien mancherorts zum Beispiel die Masern wieder auf dem Vormarsch, weil die Gesundheitsämter die Impfung von Kindern aus sozial schwachen Familien nicht mehr sicherstellen könnten. Das Problem seien fehlende Ärzte in den Gesundheitsämtern.

Die Arbeitgeber räumen Probleme bei der Besetzung von Stellen im öffentlichen Gesundheitsdienst ein. „Wir haben teilweise Personalgewinnungsprobleme“, sagt der Geschäftsführer der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA), Hartmut Matiaske. Auch die Landkreise sehen aufgrund von Personalmangel Probleme, ihre Aufgaben vollständig zu erfüllen.

Hygiene-Kontrolle und Aufklärung

Aufgaben: In Deutschland gibt es über 400 Gesundheitsämter. Die öffentlichen Gesundheitseinrichtungen spielen eine bedeutende Rolle bei der Bekämpfung von übertragbaren Krankheiten. Sie kontrollieren die Hygiene in Schulen, Kosmetikstudios, Krankenhäusern und Wasserversorgungsanlagen.
Schule: Weitere Aufgaben sind die Durchführung von Untersuchungen für Verlängerungen einer Fahrerlaubnis ab 50 Jahren, die Schuleingangsuntersuchungen bei Kindern, Hilfen für psychisch kranke Menschen (sozialpsychiatrische Dienste), die Unterstützung von Suchtkranken und die gesundheitliche Information, Aufklärung und Beratung der Bevölkerung sowie die Unterstützung der gesundheitlichen Selbsthilfegruppen.
Grundlage: Gesetzliche Grundlage für die Arbeit von Gesundheitsämtern sind die in den meisten Ländern in den letzten Jahren neu verabschiedeten Landesgesundheitsgesetze bzw. rechtliche Vorschriften auf Bundesebene wie das Infektionsschutzgesetz und die Trinkwasserverordnung.

Die Gesundheitsämter kontrollieren unter anderem die Hygiene in Schulen, Kosmetikstudios, Krankenhäusern und Wasserversorgungsanlagen. Sie untersuchen die Gesundheit von Kindern bei deren Einschulung und helfen Aids-, Krebs- und Suchtkranken.

Etwa 3000 Ärzte werden nach Angaben der Arbeitgeber als Beamte und Angestellte in den Gesundheitsämtern beschäftigt. Bereits im Jahr 2009 konnten nach Angaben des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD) 150 Facharztstellen über sechs Monate oder länger nicht besetzt werden. „Die Situation hat sich seither eher noch verschlechtert“, sagt BVÖGD-Vorsitzende Ute Teichert-Barthel. Denn die Konkurrenz bei der Rekrutierung von Ärzten wird immer härter. Das Angebot deckt die Nachfrage nicht mehr.

Deutsche gehen oft zum Arzt

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„Es wird zunehmend schwieriger Mediziner für die Arbeit in den Gesundheitsämtern zu gewinnen und offene Stellen zu besetzen“, sagt auch der Vorsitzende der Gewerkschaft dbb tarifunion, Frank Stöhr. Die Folge sei, dass bereits heute viele wichtige Aufgaben, wie beispielsweise Einschulungsuntersuchungen, teilweise nicht mehr rechtzeitig abgeschlossen werden könnten. „Dieser Zustand ist unhaltbar, hier muss dringend etwas getan werden“, sagt Stöhr. Die Ärzte klagten, dass schon jetzt negative Auswirkungen zu spüren seien. Beispiel ist laut Teichert-Barthel, dass wegen Personalmangels Kinder aus sozial schwachen Familien nicht mehr aufgesucht werden könnten. Folge sei etwa eine sehr schlechte Impfrate und wieder vermehrt auftretende Masern.

Die Arbeitgeber sehen die Situation nicht so dramatisch. „Wir haben keine Hinweise darauf, dass die Funktionsfähigkeit der Gesundheitsämter durch fehlende Ärzte gefährdet ist“, sagte VKA-Geschäftsführer Matiaske. Für ihn ist der Personalmangel kein flächendeckendes Problem, sondern je nach Region sehr unterschiedlich. Wie viele Stellen nicht besetzt werden können, dazu machte er keine Angaben. Doch in Bezug auf die Schwierigkeiten, neue Ärzte zu rekrutieren, sagt auch er: „Wir müssen etwas tun.“

Bezahlung unter Ärzte-Tarif

Voran geht es aber nicht. Seit mehr als einem Jahr diskutieren Arbeitgeber und Gewerkschaften darüber, wie der Gesundheitsdienst für Mediziner attraktiver werden kann. Die Arbeitnehmervertreter pochen auf höhere Gehälter. Denn die Ärzte in den Gesundheitsämtern werden nach dem nicht mehr konkurrenzfähigen Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst bezahlt. Für fast alle Ärzte im restlichen Teil des Gesundheitssystems hat der Marburger Bund in den vergangenen sechs Jahren jedoch deutlich bessere Tarifverträge ausgehandelt.

„Die Einkommensschere zwischen den Ärzten im öffentlichen Gesundheitsdienst und denen in Kliniken klafft immer weiter auseinander“, sagt der Vorsitzende der dbb tarifunion, Frank Stöhr. Nach Angaben der Gewerkschaften beträgt die Gehaltsdifferenz zwischen einem Arzt im Krankenhaus und einem Arzt im öffentlichen Gesundheitsdienst mittlerweile 1000 Euro und mehr pro Monat. „Der öffentliche Gesundheitsdienst droht auszubluten“, sagt Teichert-Barthel.

Eine flächendeckende Anhebung der Bezahlung lehnen die Arbeitgeber allerdings ab. Sie setzen auf Gehaltszuschläge dort, wo es nicht gelinge, neue Ärzte zu finden. Das ist den Gewerkschaften nicht genug. Der Marburger Bund strebt eine Übernahme des Tarifvertrages für Ärzte in kommunalen Kliniken für den öffentlichen Gesundheitsdienst an.

„Wir sollten jetzt zu Lösungen kommen“, mahnt Matiaske. Dass es nicht vorangeht, dafür macht er auch die Gewerkschaften verantwortlich: „Die Konkurrenzsituation der Gewerkschaften untereinander macht das Verhandeln nicht leichter“, so Matiaske. Der VKA verhandelt parallel mit dem Marburger Bund und der dbb tarifunion/Verdi. Je länger es keine Einigung gibt, desto schwieriger wird die Lage der Gesundheitsämter im Kampf um die Ärzte. Die Landkreise erwägen derweil, mehr Ärzte zu verbeamten für die Gesundheit der Menschen.

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