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Merck-Chef Karl-Ludwig Kley: „Chlorsalat essen wir gern, Chlorhühnchen nicht“

Merck-Chef Karl-Ludwig Kley.

Merck-Chef Karl-Ludwig Kley.

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Imago/Sepp Spiegl

Den lästigen Problemen des Alltags entkommen auch die Vorstände großer Unternehmen nicht. Für 18 Uhr hat Karl-Ludwig Kley in die Konzernzentrale von Merck zum Interview eingeladen. Dort fahnden er und seine Sekretärin gerade nach seinem Koffer. Dem Chef des Darmstädter Chemiekonzerns ist das gute Stück auf seinem letzten Flug abhanden gekommen und seither unauffindbar. Während das Interview läuft, versucht die Sekretärin weiterhin den Koffer aufzutreiben. „Sonst muss ich Hemden kaufen gehen“, sagt Kley. Dass die Lufthansa sein alter Arbeitgeber ist, nützt in diesem Fall wenig. Mehr als um seinen Koffer sorgt sich der Chemie-Manager aber um die Zukunft der deutschen Chemieindustrie.

Herr Kley, Ihr Buch trägt den Titel „Deutschland braucht Chemie.“ Das ist alles andere als überraschend. Warum haben Sie es trotzdem für nötig gehalten, das zu betonen?

Die Chemie wird in Deutschland in der Wahrnehmung vieler Menschen mit etwas Schmuddeligem in Verbindung gebracht. Auf vielen Konsumgütern steht drauf: „Garantiert ohne Chemie“. Das ist blanker Unsinn. Es ist garantiert mit Chemie. Sie können als Mensch der Chemie gar nicht entkommen – alles was wir sind, und alles was uns umgibt, ist Chemie. Mir geht es zum einen darum, den Menschen zu sagen, dass sie sich mit der Realität beschäftigen sollen statt mit Etiketten. Und zum anderen braucht Deutschland natürlich die chemische Industrie. Ich gehe so weit zu sagen, sie ist die DNA der deutschen Volkswirtschaft.

Sie schreiben in Ihrem Buch, die Bürger würden die Chemie bisweilen als „unheimlich oder gefährlich“ empfinden. Jeder, der Chemieunterricht hatte, weiß, dass das so falsch nicht ist.

Unheimlich ist nur etwas, das ich nicht ergründen kann, gegen das es keine Mittel gibt, sich zu wehren. Gefährlich kann die Chemie sein, aber da gibt es sehr gute Schutzvorkehrungen. Ich glaube, es gibt keinen wirklich ernstzunehmenden Vertreter, der sagen würde, dass das, was wir hier auf dem Werksgelände machen, nicht geradezu beispielhaft dafür ist, wie man mit den immanenten Risiken umgeht.

Wir sehen immer wieder Chemieunfälle. Vergangenes Jahr gab es in den USA einen mit 35 Toten und 2001 kamen in Toulouse 31 Menschen ums Leben.

Ich beziehe mich in diesem Buch ja sehr bewusst auf die deutsche Chemieindustrie. Es gibt auch chemische Industrien, für die ich nicht mit der gleichen Verve sagen würde, sie haben ihre Aufgaben gemacht. Wenn Sie sich die Unfallziffern der deutschen Chemie ansehen, dann sehen Sie, dass wir unsere Aufgaben gemacht haben. Aber hundertprozentige Sicherheit gibt es nie im Leben. Und zu sagen, dass nie wieder etwas passieren kann, wäre gewagt und auch nicht anständig.

Die Menschen haben auch mit Chemieprodukten negative Erfahrungen gemacht, etwa mit Asbest. Ihre Skepsis ist verständlich.

Da muss man zwischen den sehr ernstzunehmenden Bedenken unterscheiden und der Hysterie. Nehmen Sie die Debatte über das Chlorhühnchen: Dass Tütensalat, den wir in Deutschland zunehmend essen, in aller Regel in Chlorwasser gewaschen ist, hat noch niemanden gestört. Chlorsalat essen wir gerne, Chlorhühnchen nicht. Das ist absurd. Einer sachlichen Auseinandersetzung darüber, wie man mit Risiken der Chemie umgeht, stellen wir uns als Industrie aber gerne und jederzeit.

Wenn es Misstrauen gibt, warum sollten die Deutschen trotzdem auf die chemische Industrie setzen?

Weil es faktisch kein haptisches Produkt gibt, das ohne die chemische Industrie hergestellt werden kann. Sie könnten kein Auto produzieren, kein Windrad aufstellen, kein Haus bauen. Sie ist für alle Produkte ein elementarer Bestandteil der Wertschöpfungsketten. Sie ist eine Leitindustrie, aus der heraus andere Industrien Stärken beziehen können. Wenn BMW sein Elektroauto i3 produziert, brauchen sie Werkstoffe wie Carbon, langlebige Batterien, Lacke, Klebstoffe und mehr. Dafür braucht es die Chemieunternehmen.

Sie empfinden nicht ausreichend Wertschätzung von Seiten der Politik, für das, was Sie tun und Ihre Bedeutung, die Sie für den Industriestandort haben.

Also, Jammern ist eigentlich nichts, was zu meinem Repertoire gehört. Und ich weiß nicht, ob Sie den Satz, dass ich mich nicht genug wertgeschätzt fühle, schon irgendwo gehört haben.

Ich kann Ihnen gerne kurz aus Ihrem Buch vorlesen. In Bezug auf die deutschen Chemieparks schreiben Sie dort: „Die Betreiber wissen, worauf es ankommt. Es wäre schön, wenn man dies auch von politischen Entscheidungsträgern sagen könnte.“ Das halte ich nun doch für relativ deutlich.

Ertappt, aber eigentlich nur teilweise. Denn primär bezieht sich die Aussage ja auf die fehlende Sachkenntnis der Akteure und nicht auf eine zu geringe Wertschätzung.

Woran liegt das?

Ich merke sehr oft einen Unterschied zwischen Einzelgesprächen und politischen Entscheidungen. In Einzelgesprächen ist die Zustimmungsrate höher als wenn es zu Gesetzesvorhaben kommt. Entweder wird mir etwas vorgegaukelt, oder es fehlt an Durchsetzungswillen oder Durchsetzungsfähigkeit in der Politik. Mit Chemie gewinnen Sie natürlich keine Wahlen. Aber wenn Sie im Wahlkampf eine Energiewende versprechen, brauchen Sie die Chemie.

Sie kritisieren, dass die Politik die Wettbewerbsfähigkeit der Chemieindustrie fast sorglos gefährde.

Meine These ist, dass Wohlstand der Gesellschaft und des Einzelnen in unserem Land Grundvoraussetzung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, den Sozialstaat und auch für die Demokratie ist. Deshalb muss es ein erhebliches Interesse der Politik geben, diesen wirtschaftlichen Wohlstand auf hohem Niveau zu halten. Und genau dafür muss die deutsche Industrie wettbewerbsfähig bleiben.

Wo drückt Sie der Schuh?

Wettbewerbsfähigkeit drückt sich über Produkte aus und über Preise. Preise hängen von Kosten ab. Und bei den Kosten geht es jetzt nicht um einzelne Posten, sondern um ihre Summe. Wir sind führend bei Arbeitskosten, ziemlich führend bei Steuern und Abgaben, wir müssen viele teure Regeln einhalten und vergleichsweise viel für die Energie bezahlen. Die Frage ist, welches ist der Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt?

Und?

Wann ein Unternehmen seine Wettbewerbsfähigkeit verliert, ist von Unternehmen zu Unternehmen völlig unterschiedlich. Wenn Sie in der energieintensiven Grundstoffchemie tätig sind, dann kann Sie ein hoher Energiepreis ruinieren. Wir bei Merck können damit leben und wir können den Energiepreisanstieg auf gewisse Zeit gut kompensieren. Für Merck ergibt sich keine Bedrohung. Für unsere Mittelständler, die nicht so breit aufgestellt sind, dagegen schon.

Was heißt das?

Die Frage ist bei unserer Industrie in der Regel nicht, ob wir verlagern. Wir produzieren keine T-Shirts. Wir wandern nicht durch die Welt und schauen, wo die Bedingungen gerade am angenehmsten für den Arbeitgeber sind. Wir treffen Investitionsentscheidungen für 30 Jahre, Anlagen die einmal gebaut sind, bleiben wo sie sind. Das Problem ist: Wenn eine Anlage im Ausland gebaut wird, bleibt die dort. Und darum halte ich es schon für ein Alarmzeichen, dass in letzter Zeit einige große Investitions- und Standortentscheidungen nicht für Europa gefallen sind. BASF, SGL Carbon, Clariant, Wacker oder Basi Schöberl haben zum Beispiel so entschieden. Das heißt, es wird hier immer weniger investiert und irgendwann gehen die alten Anlagen vom Netz. Das trifft uns nicht heute, aber künftige Generationen.

Inwieweit gefährden fehlende Investitionen in einem Bereich auch andere Bereiche?

Das kann Domino-Effekte haben. Wenn man die großen Chemieunternehmen anschaut, wird am Anfang energieintensiv und erdölnah gearbeitet. Daraus entstehen am Ende viele verschiedene Produkte. Wenn aber am Anfang die Produktionskette abgeschnitten wird, dann wird es auch die Endchemikalien nicht mehr geben. Alles was nicht an Investitionsentscheidungen vorne in der Produktionskette fällt, führt hinten zum Problem.

Wie zufrieden sind Sie mit der Reform der Energiewende?

Die Probleme bleiben. Für uns hat die Reform höhere Stromkosten zur Folge. Die müssen wir verkraften.

Können Sie nicht einfach Energie einsparen?

Wir haben sowohl den Rohstoffeinsatz als auch den Energieverbrauch je Produkteinheit in den vergangenen Jahren dramatisch gesenkt. Wir brauchen heute für die Herstellung des gleichen Produkts nur noch halb so viel Energie wie 1990. Das Einsparpotenzial ist damit aber weitgehend erschöpft. Darum ist diese etwas barock ausgestaltete Energiewende eben so gefährlich für die Wettbewerbsfähigkeit unsere Industrie. Die Energiewende ist zu verschnörkelt, etwas mehr Gotik würde ihr gut tun.

Was meinen Sie genau?

Der ganze Förderansatz ist falsch. Ich habe kein Problem damit, wenn man eine neue Technologie anschieben will, diese zu fördern. Womit ich ein Problem habe, ist, wenn man nicht die Investition fördert und das Produkt dann an den Markt heranführt, sondern stattdessen 20 Jahre lang längst veraltete Technologien subventioniert. Das finde ich abstrus. Wir koppeln uns durch dieses Modell von modernen Technologien ab. Das sehen wir auch an den deutschen Solarfirmen. Die haben sich zurückgelehnt und sind von der ausländischen Konkurrenz überholt worden. Wir finanzieren de facto ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für China.

Sie sprechen sich auch für Fracking aus. Die USA haben damit ihre Energiekosten massiv gesenkt. Die Bundesregierung hat dazu nun ein Gesetz vorgelegt.

Wenn wir Fracking nicht ausprobieren – mit den entsprechenden Kontrollen selbstverständlich – wissen wir auch nicht, ob es machbar ist. Das Gesetz bringt uns da nicht voran.

Braucht Europa wirklich Fracking?

Schiefergas ist zunächst einmal eine weitere Energiequelle. Fracking ist eine Chance, die geprüft werden sollte. Und neben der Aussicht auf eine alternative Energiequelle geht es mir ganz grundsätzlich darum, dass Deutschland neuen, innovativen Technologien eine Chance gibt und dass wir vor lauter Risikosehen nicht den Fortschritt in diesem Land abwürgen.

Das Gespräch führte Daniel Baumann.

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