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Millennium: Armut als Rechenaufgabe

Armut in Vanuatu. Anteil der armen Kinder nach vier Armutskonzepten.

Armut in Vanuatu. Anteil der armen Kinder nach vier Armutskonzepten.

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BLZ/Böttcher. Quellen Deeming/Gubhaju

Armut ist wie Krieg – jeder ist dagegen, jeder will sie verhindern oder vermindern. Das zumindest ist stets die regierungsoffizielle Position. Um die Armut zu bekämpfen, hat die UN im Jahr 2000 die Millenniumsziele ausgerufen. Das erste Ziel: Im Jahr 2015 soll die Zahl der extrem Armen weltweit halb so hoch liegen wie 1990. Dieses Ziel gilt als fast erreicht. Dabei könnte es sich jedoch um einen statistischen Trick handeln.

Armut hat keine feste Definition. Es lässt sich nicht objektiv bestimmen, wo sie anfängt und aufhört. Man braucht also eine Definition. Global maßgeblich ist die Definition der Weltbank: Extrem arm ist, wenn man pro Tag weniger als einen Dollar zur Verfügung hat, wobei der Dollar kaufkraftbereinigt ist. Jüngst wurde diese Grenze auf 1,25 Dollar angehoben. Diese Armutsdefinition liegt auch den Millenniumszielen zu Grunde. Und gemessen an ihr ist die Armut stark zurückgegangen.

An dieser Definition gibt es seit jeher Kritik. In die Diskussion schalten sich nun Christopher Deeming und Bina Guhaju von der Universität Bristol ein. Ihr Fazit: Die Armut weltweit ist wesentlich größer – wenn man die realen Lebensverhältnisse der Menschen betrachtet.

Die Soziologen untersuchten die Situation der Kinder im pazifischen Inselstaat Vanuatu. Dort leben 250.000 Menschen, allerdings erhält nur ein Fünftel der Beschäftigten überhaupt einen Lohn. Der Rest lebt im Wesentlichen von der Land- und Seewirtschaft. Misst man die Armut in Vanuatu nach dem Weltbank-Konzept – weniger als ein Dollar pro Tag, wobei landwirtschaftliche Eigenerträge in Geld umgerechnet werden – so sind 5,4 Prozent aller Kinder arm. Die britischen Forscher haben nun andere, ebenfalls international gängige Maßstäbe angelegt. So zum Beispiel, wie viele Menschen sich mit ausreichend Nahrungsmitteln versorgen und ihre Grundbedürfnisse an Kleidung oder Obdach befriedigen können. Gemessen am nationalen Durchschnitt gelten in dieser Betrachtungsweise 17 Prozent der Kinder als arm, gemessen an regionalen Durchschnitten sind es elf Prozent.

Ein weiterer Armutsmaß orientiert sich am mangelhaften Zugang zu wichtigen Leistungen. So können zwei Haushalte zwar ein ähnlich hohes Einkommen haben – aber einer von beiden hat vielleicht keinen Zugang zu Elektrizität, zu sauberem Wasser oder zu sanitären Anlagen. Ebenfalls spielt in der Berechnung der beiden Soziologen eine Rolle, wie viele Menschen sich dort einen Schlafraum teilen, welche Beschaffenheit das Dach der Behausung hat oder ob der Haushalt über ein Boot verfügt. So gemessen leben in Vanuatu 16 Prozent aller Kinder in absoluter Armut. Das bedeutet, sie sind von zwei oder mehr extremen Mängeln betroffen.

Und schließlich: Misst man Armut an der Anzahl der Menschen, die weniger als die Hälfte des mittleren Einkommens eines Landes zur Verfügung haben, so steigt die Zahl der armen Kinder auf fast 23 Prozent. Fazit der britischen Forscher: Die Weltbank-Definition von Armut ist willkürlich und „zeichnet tendenziell ein rosigeres Bild“. Zöge man als Maßstab nicht die 1,25 Dollar pro Tag heran, sondern die Befriedigung von Grundbedürfnissen, so könnte die globale Armut 30 Prozent höher liegen als von der Weltbank veranschlagt.