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Nachhaltige Textilproduktion in China: Im Reich der Schnitte

Made in China, für den gehobenen europäischen Bedarf allerdings: Bei T&S in Huizhou stanzt ein Arbeiter Leder für Taschenhenkel und -etiketten aus.

Made in China, für den gehobenen europäischen Bedarf allerdings: Bei T&S in Huizhou stanzt ein Arbeiter Leder für Taschenhenkel und -etiketten aus.

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Qwstion/Urs Bigler

Zhu Yong Hui ist zufrieden. Im rot-weiß karierten Kittelschürzenkleid mit Häschen-Stickerei bedient sie die mechanisch schnarrenden Webstühle, ungerührt von der schwülen Luft, durch die Baumwollfasern trudeln. Sechs Tage die Woche, acht Stunden am Tag arbeitet sie in dem Betrieb, eine Stunde von Schanghai entfernt, Überstunden findet sie ganz in Ordnung. Die Zwanzigjährige stammt aus einer der nördlichen Provinzen Chinas, es ist ihr erster Job, seit knapp einem Jahr.

„Besonders gut gefällt mir hier“, sagt sie, „dass mein Nachhauseweg kurz ist. Ich gehe einfach in den Schlafsaal nach nebenan. Für den zahle ich nur 100 Renminbi im Monat, so bleibt genug übrig, um zu sparen.“ 4 000 Renminbi verdient sie im Monat, umgerechnet 570 Euro.

Rund 2300 Kilometer weiter südlich sitzt Vin Lan Chau an der Nähmaschine. Auch sie würde eigentlich gerne Überstunden machen, nur ist das bei T & S nicht mehr möglich. Die Textilfabrik in Huizhou, in der südchinesischen Provinz Guandong, ist von der Business Social Compliance Initiative (BSCI) zertifiziert. Und das bedeutet: Es gibt streng geregelte Arbeitszeiten. Nun näht Vin Lan Chau von acht bis zwölf, bevor sie für anderthalb Stunden nach Hause geht, um zu essen und einen ausgiebigen Mittagsschlaf zu halten. Ab halb zwei fügt sie dann weiter Taschenteile zusammen, und um fünf ist Feierabend.

Kampf gegen die Überstunden

Die Arbeitszeit ist angenehm, nur kann die 47-jährige so kaum noch Geld zurücklegen, um, gemeinsam mit ihrem Mann, ihren zwei Kindern wie bisher den Unterhalt und das Studium zu finanzieren. Pro Kopf betragen die Lebenshaltungskosten monatlich 320 Euro, bei T & S verdient sie mit den aktuellen Arbeitszeiten zwischen 340 und 480 Euro im Monat.

Wincent Ou hält nichts von Überstunden. Der Hongkong-Chinese mit dem akkurat frisierten Kurzhaarschnitt bekämpft sie sogar. Er ist der China-Verantwortliche der in Holland ansässigen Fair Wear Organisation, einer gemeinnützigen Organisation, die sich international für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Textilarbeiter einsetzt. „In der Textilindustrie in China sind übermäßig viele Überstunden eines der zentralen Probleme“, sagt Wincent Ou. Zwar sind laut Artikel 36 des Arbeitsgesetzes der Volksrepublik China 44 Wochenarbeitsstunden und ein freier Tag vorgeschrieben – das Gesetz lässt aber Spielraum für Interpretationen.

Je nach Ort und Produktionssoll können Fabrikanten die Arbeitszeiten so erhöhen, dass der Ruhetag entfällt. Überstunden werden in den Managementabteilungen der Unternehmen gern als interne Angelegenheit betrachtet, nicht als gesetzlich verankertes Arbeitnehmerrecht. Ob eine Arbeiterin ihre geleisteten Überstunden tatsächlich bezahlt bekommt, hängt also vom Belieben des Arbeitgebers ab. Die Fair Wear Foundation bietet Schulungen an, „aber unser Job ist mühselig“, sagt Wincent Ou. „Wenn wir in die Betriebe gehen und die Arbeiterinnen über ihre Rechte informieren, nicken sie eifrig und sind ganz interessiert. Aber sobald wir aus der Tür sind, kehren sie zur Tagesordnung zurück. Sie tun sich sehr schwer damit, ihre Rechte einzufordern.“

Untragbare Verhältnisse

Überstunden kennt auch der Schweizer Christian Kaegi gut. Er macht sie fast täglich. Als Designer und Mitbegründer des Unternehmens Qwstion, das seit 2008 Taschen und Accessoires produziert, hat er oft mehr zu tun, als in einen regulären Acht-Stunden-Tag passt. Außerdem muss er das Geld verdienen, um seine zweijährige Tochter zumindest stundenweise in die Kita geben zu können, damit auch seine Frau wieder arbeiten kann. Allein dafür werden umgerechnet tausend Euro im Monat fällig.

Die Verhältnisse in Chinas Textilindustrie findet Kaegi untragbar, schließlich machten die Arbeiterinnen oft nicht aus freien Stücken Überstunden, sondern hätten keine andere Wahl. Ihn wurmt, dass die Weberin Zhu Yong Hui in einem Schlafsaal wohnt. „Die kurze Entfernung zwischen Wohnort und Arbeitsstätte macht es schwieriger zu kontrollieren, ob und in welchem Maße dort Überstunden geleistet werden müssen. Das ist nicht optimal.“

Es ist kein Zufall, dass das Unternehmen Qwstion heißt, das Christian Kaegi gemeinsam mit seinen Freunden Sebastian Kruit, Fabrice Aeberhard, Matthias Graf und Hannes Schoenegger gegründet hat. Dahinter steht der Claim „Question the norm“, denn die fünf wollen die Dinge infrage stellen, vor allem, was eine Tasche ausmacht, ihr Aussehen, ihre Funktionalität, ihre Konstruktion. Ihre Taschen – ob steingrauer Weekender, schwarzlederne Laptop-Tasche oder Leinenrucksack in gedecktem Weiß – sollen nicht modisch sein, sondern zeitlos, langlebig. Die Produktion soll nicht nur fair, sondern für den Kunden leicht nachvollziehbar sein.

Sie wollen keine konventionellen Materialien verwenden, Biobaumwolle, Leinen und Hanf sollen es sein, die ohne Schadstoffe imprägniert werden. Ausgedacht haben sie sich all das im beschaulichen Zürich. In die Tat setzen sie ihre Vision anderswo um.In China, ausgerechnet!

Erste China-Erfahrung war ein Flop

Es gibt kaum ein anderes Land, das in den vergangenen Jahrzehnten so sehr in Verruf geraten ist für seine sozialen und ökologischen Lebensumstände. Anfang Dezember blieben wegen des Smogs in Peking Schulen geschlossen, Fahrverbote wurden erlassen. Vor zwei Jahren mussten selbst die chinesischen Medien über die sogenannten „Krebsdörfer“ berichten – kleine Orte im Kreis Shaoxing in der Provinz Zhejiang, in denen die Abwässer der Färbereien zu einem deutlich erhöhten

Auftreten von Krebserkrankungen geführt hatten. Gleichzeitig ist die Textilindustrie eine der wichtigsten Industrien des Landes, China ist der weltweit größte Exporteur von Textilien und Bekleidung, die Möglichkeiten im Land sind groß, die Expertise breitgefächert.

Dass die Wahl von Qwstion auf China fällt, ist mehr Zufall als Plan. „Grundsätzlich wollten wir dort produzieren, wo das Know-how ist“, sagt Christian Kaegi, „und dies bei gutem Preis-Leistungsverhältnis.“ Doch ihre erste Erfahrung in China war ein Flop. „Wir waren auf einen Händler gestoßen, der Hanfstoff aus biologischem Anbau hatte“, sagt Kaegi. „Genau das, was wir wollten! Die ersten Stoffproben stimmten uns allerdings skeptisch, und wir ließen sie prüfen. Wie sich herausstellte, hatte er uns ein Polyester-Baumwollgemisch untergejubelt.“

Entmutigen ließen sich die Schweizer nicht und stießen schließlich auf Jiecco, ein kleines Unternehmen mit 45 Angestellten. Eine Stunde fährt man von Schanghai in die Stadt Jiaxing, über mehrspurige Schnellstraßen, auf denen die Mittelstreifen als zusätzliche Spur genutzt werden. Dass der Fahrer bei seinen waghalsigen Überholmanövern alle paar fünf Minuten an einem Fläschchen Riechsalz schnuppert und sich mit Taschentüchern der Marke Baby Soft den Schweiß von der Stirn tupft, ist nicht weiter verwunderlich.

Komplizierte Kooperation

Bei Jiecco geht es friedlicher zu. Und das, obwohl in jedem der knapp 20 Räume Angestellte an ganz unterschiedlichen Maschinen beschäftigt sind. Sie schneiden, nähen, stanzen, nieten, ketteln und bügeln. Bei Jiecco kaufen Ökomodemarken wie Lanius, Bleed, Kuyichi und Mandala ihre Garne und Stoffe ein, im Konferenzraum hängen an mehreren Rollständern Kollektionsmuster. Das Sortiment ist vielfältig – es gibt dicke Wollpullover mit Zopfmuster, Steppwesten, Strickmäntel, Baumwollhemden und zarte Blusen.

Das Unternehmen selbst ist zweifach zertifiziert: Die Stoffe, die eingekauft und produziert werden, sind mit dem Global Organic Textile Standard (GOTS) ausgezeichnet – Produkte mit diesem Zertifikat stammen aus sozial und ökologisch fairer, nachhaltiger Produktion. Zusätzlich sind sie von der Business Social Compliance Initiative zertifiziert. BSCI ist ein Schweizer Zertifikat, das insbesondere die sozialen Produktionsbedingungen in den Blick nimmt – beispielsweise die Sicherheit der Arbeiter am Arbeitsplatz, Brandschutz, die Zahlung existenzsichernder Löhne und die Regelung der Arbeitszeiten.

Anfangs hatte Jiecco, trotz seiner nachhaltigen Ausrichtung, kein allzu großes Interesse an der Zusammenarbeit mit den Schweizern, die doch ganz ähnliche Ziele verfolgen. „Die Arbeit mit ihnen ist furchtbar kompliziert“, sagt Guo Lin, auch Candy genannt, eine Hongkong-Chinesin, die für Qwstion seit 2011 die Auswahl und Produktion aller Stoffe betreut. „Normalerweise wollen unsere Kunden dünne, weiche Stoffe. Qwstion hingegen wollen dicke und starre Stoffe. Und sie sind ziemlich pingelig.“

Polyester bevorzugt

Auch bei T & S, der Textilfabrik in der Stadt Huizhou, in der die gesamte Produktion von Qwstion stattfindet – in der also alles, von der Laptop-Tasche über den Rucksack bis hin zum Shopper hergestellt, verpackt und verschickt wird –, stoße die Schweizer auf Unverständnis. „Ich mag ihre Taschen nicht“, sagt Man Chong Chu, ein Textilarbeiter, der seit zwölf Jahren bei T & S angestellt ist und inzwischen als Supervisor in der Nähstube arbeitet.

„Sie bestehen aus so vielen Elementen. An den dicken Baumwollstoffen bricht die Nadel öfter als bei anderen Stoffen. Ich muss den anderen Näherinnen dann immer helfen, ihre Nähmaschine neu einzurichten.“ Das langlebige Design, das die Schweizer so schätzen, interessiert ihn nicht: „Die Taschen gefallen mir nicht und sind viel zu schwer. Wenn ich verreise, nehme ich einen dünnen Nylonrucksack, der wiegt nichts!“

Die Angestellten bei T & S sind sich einig: Unter den Kunden gibt es keinen, der so sehr nervt wie Qwstion. Fischer beispielsweise, der größte Abnehmer, der 90 Prozent seiner Taschen für Skiausrüstungen bei T & S fertigen lässt, verwendet Polyesterstoffe, genauso wie der Sportartikelhersteller Head und die Marke Blaser aus Lindau, die Taschen für Jagdgewehre produzieren lässt. Auf Polyesterstoff schwören die Textilarbeiter alle miteinander, egal, ob sie in der Nähstube, im Sample Room, in dem Muster hergestellt werden, oder in der Stoffkontrolle sitzen.

Polyester ist in jeder Hinsicht einfacher zu verarbeiten als Baumwollstoffe. Das beginnt beim Färben und endet beim Nähen: Polyesterstoffe nehmen die Farbe gleichmäßig an, das Ergebnis ist ein homogen gefärbter Stoff, wie er den Angestellten bei T & S gefällt. Sie verstehen nicht, was schön sein soll an den schweren, uneben gewebten Stoffen aus Biobaumwolle.

Europäer lieben Beziehungspflege

Die unregelmäßige Färbung preist der Europäer Christian Kaegi als „individuelle Note“ – die Chinesen empfinden sie als Makel. Außerdem macht die Baumwolle mehr Ärger als alle anderen Stoffe. Tanny Wan, eine der Besitzerinnen von T & S, steht in der Kontrolle, wenn jeder Stoffballen einzeln überprüft wird.

Sie schüttelt den Kopf: „Die Baumwollstoffe, mit denen Qwstion arbeitet“, sagt sie, „haben die meisten Fehler und müssen am häufigsten reklamiert werden.“ Trotzdem scheint sich die mit Widerhaken gespickte Zusammenarbeit zu lohnen, schließlich halten alle Beteiligten seit Jahren an ihr fest. Das hat zwei Gründe: Die Europäer verstehen sich auf Beziehungspflege. Und sie zahlen für ihre aufwendige Produktion gutes Geld, mit dem sie Sicherheit schaffen.

„Du musst vor Ort sein, dir selbst ein Bild machen und ein Vertrauensverhältnis aufbauen“, sagt Marcel Geser. Der 36-Jährige, der seine halblangen Haare stets unter einem Trucker-Cap verbirgt und dessen Jeans eher tief sitzt, betreut seit über zehn Jahren Produktionen in China. Mit seiner eigenen Firma Development Never Stops entwickelt er Prototypen für Funktionskleidung.

Er weiß, dass sie T & S viel abverlangt haben. Nicht genug, dass die Auditierung durch BSCI einige Jahre dauerte und mit sich brachte, dass die Siebdruckerei umziehen und das Belüftungssystem überarbeitet werden musste. Anfangs lief auch die Zusammenarbeit zwischen Jiecco und T & S katastrophal. Bei T & S konnte man mit den dicken Stoffen nicht umgehen, bei Jiecco nicht mit den Beschwerden darüber. „Es herrschte richtig Chaos in der Hütte“, sagt Geser.

Es ging erst voran, als alle Beteiligten an einen Tisch geholt wurden. Als man den Stofffabrikanten die Fabrik zeigte und den Fabrikbesitzern den Stofflieferanten, und der eine nun vom anderen wusste, wie er was, warum und wie tut.
Die wichtigste Erkenntnis ist wohl, zu akzeptieren, dass alle Beteiligten Eigeninteressen haben, die himmelweit auseinanderliegen. Zhu Yong Hui beispielsweise, die junge Weberin, mag am liebsten die ganz einfachen, schmucklosen Stoffe. Schön und gut, wenn es auch komplizierte Muster gibt, aber „da reißt alle naselang der Faden und ich muss ihn neu auffädeln“.

Christian Kaegi wiederum interessiert nicht die Summe der Fehler, die ihm im Design- und Produktionsprozess unterlaufen, sondern eher, wie haltbar das Produkt ist, das am Ende entsteht. Für die Arbeiter schließlich, die Wincent Ou im Rahmen seiner Arbeit für die Fair Wear Foundation schult, zählt schlicht das Geld. Das gilt besonders für die Elterngeneration: „Sie stammen aus ländlichen Gegenden, sind nicht hochgebildet und müssen finanziell nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Eltern und ihre Kinder aufkommen“, sagt er. Ihnen liegt hauptsächlich an einer reibungslosen Produktion; aufbegehrende Kollegen wären da eher hinderlich.

Kunden aus dem Ausland anlocken

Zu schön, um wahr zu sein. So klingt für Wincent Ou die Geschichte von dem Schweizer Label, das in China fair und transparent produziert. Mit seiner Frau und seinem neu geborenen Sohn lebt und arbeitet er in Shenzhen, einer Sieben-Millionen-Stadt im Süden der Provinz Guandong, an der Grenze zur Sonderverwaltungszone Hongkong. Ou betreut alle Marken, die in China Mitglied der Fair Wear Foundation sind, dazu gehören Marken wie Acne Studios, Filippa K und Hemp Age. Er begleitet jährlich 80 bis 100 Firmenüberprüfungen, und als im November 2014 Entwicklungsminister Gerd Müller mit einer Delegation zu Besuch kam, um sich über die Produktionsbedingungen in China zu informieren, da ließen sie sich von ihm führen.

Wincent Ou will genau wissen, wie viele Mitarbeiter bei Jiecco und T & S beschäftigt sind und ob sie auch für andere Kunden arbeiten. Seine Skepsis ist begründet: „Es gibt Firmen in China, insbesondere große Firmen, die eine ‚Sample Factory‘ aufziehen“, sagt er. „Das ist dann eine Fabrik mit 50 Angestellten, in der für alles gesorgt ist. Die Löhne sind anständig, es gilt die 40-Stunden-Woche, alles läuft gesetzeskonform, sogar Gesundheitsleistungen gibt es.“ Aber diese Firmen, so erzählt er weiter, sind nur dazu da, Kunden aus dem Ausland anzulocken.

Wenn diese dann einen Auftrag erteilen, wird er anderswo ausgeführt. In ungleich größeren Fabriken, in denen viel mehr Arbeiter beschäftigt sind, zu schlechten sozialen Bedingungen. T & S aber, so stellt er fest, kann keine Fake-Firma sein. Schließlich arbeiten dort 150 Angestellte, ein Täuschungsmanöver in dieser Größe zu unterhalten, wäre schlichtweg zu teuer.

Was bedeuten Fabriken wie T&S und Jiecco, die in China nachhaltig und fair produzieren, ihre Mitarbeiter sicher beschäftigen und angemessen entlohnen und pfleglich mit der Umwelt umgehen? Sind sie ein Glücksgriff für Qwstion, aber ansonsten die Ausnahme, die die Regel der schlechten Produktionsbedingungen bestätigt?

Auswirkung von Chinas Ein-Kind-Politik

Die Ausnahme sind sie noch, aber die Textilwirtschaft in China befindet sich im Umbruch. Sie verliert ihren Wettbewerbsvorteil, günstige Löhne und preiswerte Massenfertigung kann sie nicht länger bieten. Denn die Kosten für Energie und Rohstoffe sind in den vergangenen Jahren rapide gestiegen. Laut dem Economist befindet sich China längst in der Entwicklung vom Produktions- zum Verbrauchermarkt, was nicht zuletzt auch in der Textilindustrie zu höheren Löhnen führt. Und das nicht etwa, weil die Arbeiter aufbegehrt hätten oder die Politik zu ihren Gunsten eingegriffen hätte.

Nein, es ist auch eine Auswirkung der Ein-Kind-Politik, die seit 1980 bis in dieses Jahr hinein durch die Regierung verfolgt wurde. „Die Kinder, die unter dieser Politik geboren wurden, werden von ihren Eltern behandelt, wie Könige“, sagt Wincent Ou, „ihnen wird alles möglich gemacht. Deswegen weigern sie sich, zu den schlechten Bedingungen zu arbeiten, die ihre Eltern für sich noch akzeptiert haben. Sie wollen eine Ausbildung, etwas von der Welt sehen und ein gutes Leben führen.“ Es gibt also nicht nur viel weniger Arbeitskräfte, – die, die es gibt, sind sich auch immer häufiger zu schade, sich in der Textilindustrie ausbeuten zu lassen.

Der Sohn und die Tochter der Näherin Vin Lan Chau, die in der BSCI-zertifizierten Fabrik in Huizhou so gerne Überstunden machen würde, gehören zu dieser Generation. Der 21-Jährige und seine drei Jahre ältere Schwester studieren und wollen es schon jetzt besser haben als ihre Eltern. So gesehen ist es ganz gut, dass Vin Lan Chau bei T & S selbst in Produktionshochzeiten nicht mehr als 50 Stunden in Woche arbeiten darf. Ihren ausgiebigen Mittagsschlaf hat sie sich also redlich verdient. Wenn sie allerdings unbedingt wollte, könnte sie noch mehr arbeiten. Sie müsste es dann machen wie einige ihrer Kollegen, die sich zu Hause in der Küche eine Nähmaschine aufgestellt haben. Wenn bei T & S Feierabend ist, nähen sie eben da weiter.