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Nebenan.de und WirNachbarn.com: Berliner Start-ups wollen Nachbarn im Kiez vernetzen

Christian Vollmann kannte selbst keinen einzigen Nachbarn in seinem Kiez. Nun vernetzt er sie mit seinem Start-up Nebenan.de.

Christian Vollmann kannte selbst keinen einzigen Nachbarn in seinem Kiez. Nun vernetzt er sie mit seinem Start-up Nebenan.de.

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Benjamin Pritzkuleit

Es braucht ein digitales Netzwerk, um seine Nachbarn kennenzulernen. Davon ist Christian Vollmann überzeugt. „Es klingt absurd, aber die Realität ist doch, dass Nachbarschaft in vielen Gebieten kaum noch existiert“, sagt er. „Es wäre verrückt, nicht die neuen Technologien einsetzen, um das zu ändern.“

Nebenan.de heißt das Netzwerk, mit dem Christian Vollmann die Nachbarn wieder zusammenbringen will. Es ist eine Art Facebook nur für den Kiez. Der Nutzer sieht – ähnlich wie bei Facebook – einen Stream von Beiträgen seiner Nachbarn: etwa, wenn eine Person einen Hochdruckreiniger sucht, nach einer Empfehlung für einen Babysitter fragt oder ein Rentner die Reparatur von elektrischen Geräten anbietet, weil in seinem Haus „nicht genug kaputtgeht.“

Nur echte Nachbarn

Anders als bei Facebook ist der Zugang ist streng limitiert. Herein kommt nur, wer wirklich in der Nachbarschaft wohnt – vor Google und anderen Suchmaschinen sind die Inhalte abgeschirmt. „Bei Facebook vernetze ich mich mit Personen, die ich bereits kenne“, sagt Vollmann. „Bei der Nachbarschaftsplattform geht es gerade darum, dass Personen in Kontakt kommen, die sich noch nicht kennen.“ Der Effekt: „ Wir sind das soziale Netzwerk mit dem größten Nutzen in der realen Welt.“

Vollmann hat sich das Prinzip der digitalen Nachbarschaftsvernetzung nicht selbst ausgedacht. Im Februar 2013 bekam er erstmals etwas von solchen Plattformen aus den USA mit. Die Idee leuchtete ihm sofort ein, sagt er. „Ich war vor anderthalb Jahren ins Scheunenviertel gezogen – aber ich kannte niemanden, nicht einen einzigen Nachbarn. “ Also begann er einen Test. Er klingelte bei seinen Nachbarn, stellte sich vor und schlug den Nachbarn vor, sich digital zu vernetzen. Am Ende hatten ihm von 20 Nachbarn 19 ihre E-Mail-Adressen gegeben. Vollmann war klar, dass es ein Potenzial gibt. Er setzte ein kleines Netzwerk für seine Straße auf, zwei Jahre später beschloss er, mit Nebenan.de ein richtiges Unternehmen aufzubauen.

Christian Vollmann ist in Berlins Start-up-Szene bestens bekannt. Er hat lange für Rocket-Internet-Gründer Oliver Samwer Internetunternehmen aufgebaut. Samwer sei einst fast so etwas wie eine Vaterfigur für ihn gewesen, sagt Vollmann- Er war bereits bei Oliver Samwers erster Unternehmung dabei, der E-Bay-Kopie Alando, die E-Bay-Gründer Pierre Omidyiar nur sechs Monaten nach Gründung für 50 Millionen Dollar übernahm – der Grundstein für das Firmenimperium der Samwer-Brüder.

In den Folgejahren baute er für die Samwer-Brüder unter anderem das Datingportal eDarling auf und den Youtube-Klon MyVideo. Inzwischen investiert Vollmann selbst, unter anderem als einer der Ersten in Research Gate aus Berlin, ein Netzwerk für Wissenschaftler, in das später auch Bill Gates Geld steckte. Mit Till Behnke, der das Spendenportal Betterplace aufgebaut hat, gründete er dann Nebenan.de.

Die beiden sind nicht die Einzigen, die sich vorgenommen haben, die Nachbarschaft wiederzubeleben. Schon im August 2014 gründete Philipp Götting WirNachbarn.com – eine Plattform mit demselben Prinzip, die die größte ihrer Art deutschlandweit ist. In Berlin gibt es inzwischen 30 bis 40 aktive Nachbarschaften, sagt Göttung. „Einige Hundert befinden sich im Aufbau, bundesweit noch mal so viele.“ Götting, der vorher im Marketing arbeitete, weiß inzwischen, dass eine Stichsäge unter Nachbarn ein heiß begehrter Gegenstand ist.

Wie Vollmann ist auch Götting über einen US-Dienst auf das Prinzip der digitalen Nachbarschaftsvernetzung aufmerksam geworden. Nextdoor nennt sich das bereits 2011 gegründete Start-up aus San Francisco, an dessen Konzept sich beide Berliner Plattformen orientieren. Inzwischen hat die Plattform 88.000 Mikro-Communities aufgebaut. Investoren ist sie mehr als eine Milliarde US-Dollar wert.

Der Grund für das Interesse der Kapitalgeber: Die Vernetzung der Nachbarschaft ist potenziell äußerst lukrativ. Nebenan.de und WirNachbarn.com beabsichtigen beide, einmal daran zu verdienen, dass lokale Händler und Gewerbetreibende vom Blumenladen über das Restaurant bis zum Friseur auf der Plattform werben. Das Besondere: „Bei uns kann man ohne Streuverlust nur mit dem Einzugsgebiet in Kontakt treten“, sagt Vollmann.

Nachbarschaft wird zur Ware

Der Nebeneffekt: Das Allgemeingut Nachbarschaft wird de facto kommerzialisiert – zur Ware. „Wenn Nachbarschaft so gut funktionieren würde, bräuchte es uns ja gar nicht“, sagt Vollmann dazu. „Aber die Nachbarschaft funktioniert eben nicht mehr. Wenn wir mit der Plattform keinen Umsatz generieren können, dann können wir das nicht dauerhaft kostenlos anbieten – und dann existiert es letztlich gar nicht.“

Für Vollmann ist Nebenan.de ohnehin kein gewöhnliches Start-up. „Es geht uns vor allem um die soziale Wirkung,“ beteuert er. Die Nachbarschaftsvernetzung lindere die verheerenden Auswirkungen verschiedener Megatrends. „Es wirkt gegen die zunehmende Anonymisierung, gegen die Vereinsamung im Alter, aber auch gegen die Verschwendung von Ressourcen. Warum müssen in einer Straße mit 300 Haushalten 300 Bohrmaschinen existieren, wenn eine im Leben durchschnittlich nur 14 Minuten benutzt wird?“

Obwohl Vollmann später gestartet ist als Götting, hat seine Plattform einen Vorteil: Risikokapitalgeber haben Nebenan.de bereits finanziert. Im Kollwitzkiez werkeln im Souterrain eines Altbaus bereits zwölf Mitarbeiter an der Plattform. Philipp Götting und sein Mitgründer müssen dagegen alles aus der eigenen Tasche finanzieren. Angestellte können sie sich nicht leisten.

Dennoch hofft Götting, dass auch WirNachbarn rasch wachsen kann. Damit das funktioniert, brauche es Nachbarn, die ihre Nachbarschaft selbst vernetzen wollen, sagt er. „Das Wichtigste ist, zwei, drei Leute zu finden, denen die Nachbarschaft viel wert ist und die Flyer verteilen und andere einladen.“ „Es muss von unten wachsen“, sagt auch Vollmann.

Beide Netzwerke lassen die Grenzen der Kieze von den Nutzern selbst festlegen. Sie überprüfen nur im Nachhinein noch mal, ob die Festlegung plausibel ist. Die Größe der Nachbarschaften kann sich dadurch stark unterscheiden. „Wir versuchen, die Realität abzubilden, die gewachsenen Strukturen. Niemand würde auf die Idee kommen zu sagen, wir unterteilen jetzt noch mal den Kollwitzkiez“, sagt Vollmann. Der Plan: Ganz Deutschland in Zehntausende Nachbarschaften zu zerlegen.

Einfach wird das allerdings nicht. „Die Herausforderung ist, nicht ein einziges soziales Netzwerk in die Welt zu setzen, sondern 30.000 nur in Deutschland,“ sagt Vollmann. In jedem einzelnen müsse man eine kritische Masse erreichen, damit es funktioniert. Vollmann sagt: „Es bedeutet, das Henne-Ei-Problem gleich 30.000 Mal zu lösen.“