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O2-Deutschland-Chef Schuster: "Normale Handys werden in Deutschland verschwinden"

 René Schuster, der Deutschland-Chef von O2.
René Schuster, der Deutschland-Chef von O2.
Foto: Getty

Die Mobilfunkbranche steht vor einem der spannendsten Jahre ihrer Geschichte. O2-Deutschland-Chef René Schuster spricht über neue Smartphone-Generationen, das Ende normaler Handys und den neuen Mobilfunkstandard LTE.

Die Mobilfunkbranche steht vor einem der spannendsten Jahre ihrer Geschichte. Die Einführung des neuen Mobilfunkstandards LTE steht unmittelbar bevor. Daten können dann zehnmal schneller übertragen werden als mit der alten Technik. Während sich daraus für die Kunden völlig neue Anwendungen ergeben, wird für die deutschen Mobilfunkanbieter der harte Wettbewerb mit hohem Preisdruck weiter bestehen. Manager suchen daher nach neuen Einnahmequellen. So auch René Schuster. Der Deutschland-Chef von O2- will sein Unternehmen in der Versicherungsbranche etablieren.

Herr Schuster, welches Handy benutzen Sie?

Ich bin ganz offen und ehrlich: Ich habe ein Samsung Galaxy II. Telefonieren ist für mich das Wichtigste. Sprachqualität und Empfang sind toll. Ich kann SMS schnell tippen und schöne Fotos von meiner Familie machen.

Das sind ja eher simple Anwendungen. Dafür brauchen Sie kein Smartphone.

Mag sein, aber in den nächsten zwei, drei Jahren werden die normalen Handys in Deutschland verschwinden. In den vergangenen fünf Quartalen haben wir zu 90 Prozent Smartphones verkauft. Unsere Kernkundschaft sind junge Leute, die treiben das voran.

Die sind derzeit aber auch mächtig sauer. Tausende beklagen sich über Löcher in Ihrem Funknetz.

Wir verkaufen, wie gesagt, fast ausschließlich Smartphones, das führte zu Kapazitätsengpässen in Hotspots, wie in Bahnhöfen oder im Zentrum der Großstädte. Wir arbeiten seit August daran, diese Hotspots besser zu versorgen. Noch im Dezember ist das abgeschlossen.

Wenn die Funknetze funktionieren, was machen Ihre Kunden künftig mit ihren Handys?

Ein ganz großes Thema wird das Bezahlen mit dem Handy sein.

Einspruch. Vom Bezahlen per Handy wird seit Jahren gesprochen. Nichts hat sich getan.

Sie haben recht. Die Branche hat einen Fehler gemacht. Wir haben 2001 von Visionen gesprochen, die wir erst 2012 einlösen können. Doch jetzt liefern wir.

Aber mit EC-Karte und Kreditkarte ist das Bezahlen doch schon sehr bequem möglich. Wozu noch das Handy?

Wir gehen einen Schritt weiter: Sie brauchen kein Kleingeld mehr. Sie halten ihr Handy an ein Bezahlterminal, das ist alles. Niemand kann künftig ihr Portemonnaie stehlen. Wenn ihr Smartphone gestohlen wird, können sie alles mit einem Anruf sperren lassen. Auch Schlüssel brauchen wir keine mehr. Sie können Autos oder Haustüren viel einfacher mit dem Handy öffnen.

Aber wer hat die Kontrolle über all dies? Android – das Betriebssystem von Google, das auch in ihren Smartphones arbeitet – ist der klare Marktführer. Tendenz steigend. Entsteht hier ein neues gefährliches Monopol?

Der Markt ist wie ein Jumbo-Jet. Die First- und die Business-Class ist gleichbedeutend mit Apples iPhone. Es wird ein Premiumprodukt bleiben. Android wird den Massenmarkt bedienen, das ist die Economy-Class. Nokia und Microsoft können es mit Windows-Phone noch schaffen, Reihen in der Economy zu besetzen. Wir wünschen uns aber mehr Wettbewerb. Das ist gut für die Kunden und für die Mobilfunkunternehmen.

Also müssten Sie das neue Lumia von Nokia mit dem Windows-Phone-Betriebssystem mit aller Macht vermarkten. Doch einer ihrer Managerkollegen von Telefónica in Spanien hat sich beschwert, dass das Lumia mit einem Preis von 500 Euro zu teuer ist.

Jeder Hersteller will einen Preis erzielen wie Apple mit dem iPhone. Ich bin ein großer Fan von Nokia. Doch wenn man etwas spät dran ist mit seinem Gerät, dann ist das nicht so einfach.

Geschwindigkeit ist alles in Ihrer Branche. Was bringt die nächste technische Revolution, der neue Funkstandard LTE?

Wir hatten gedacht, dass die ersten LTE-Handys 2013 kommen. Jetzt gehe ich davon aus, dass das ein halbes Jahr früher passiert. Die Entwicklung wird von den USA getrieben. Dort geht der Ausbau der Netze schnell voran. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass es Ende 2012 ein LTE-Handy von Apple geben wird. Geräte von Samsung und HTC habe ich schon in der Hand gehalten, die haben mich beeindruckt. 2012 wird ein sehr aufregendes Jahr für die Branche.

Was bedeutet das für die Nutzer?

Ganz einfach, LTE-Handys sind zehnmal schneller als die jetzigen Smartphones. Sie können sich dann Filme und Fernsehsendungen in HD-Qualität anschauen. Es werden ganz neue Anwendungen entstehen, die wir heute noch nicht erahnen können.

Heißt das auch, dass Ende nächsten Jahres eine komplette Erneuerung des Bestandes an Mobilfunkgeräten eingeleitet wird?

So ist es. Neben den USA spielt dabei Deutschland eine entscheidende Rolle. Der deutsche Markt ist mit Abstand der Wichtigste in Europa, er ist beim Umsatz so groß wie der brasilianische und mexikanische zusammen.

Haben wir hier nicht einen beinahe idealen Markt? Es gibt zwar ein Oligopol mit vier Netzbetreibern, aber dahinter stehen mächtige Konzerne mit der Telekom, Vodafone, Telefonica und der E-Plus-Mutter KPN. Doch die vier bekämpfen sich heftig. Werden die Preise weiter sinken?

Meiner Meinung nach werden die Preise nicht weiter sinken, dafür wird aber die Leistung erhöht.

Zum Preisdruck in Deutschland kommt noch, dass die EU den Mobilfunkern das extrem lukrative Geschäft mit den sehr hohen Gebühren für Auslandsgespräche, dem Roaming, kaputtmachen und die Tarife weiter senken will. Wie gefällt Ihnen das?

Beim Roaming muss sich die Industrie an die eigene Nase fassen. Wir haben zu lange gewartet, und dann hat die Politik eingegriffen. In den nächsten zwei, drei Jahren werden die Roaming-Gebühren weiter sinken, allein aufgrund des starken Wettbewerbs. Ein Telefonat mit dem Handy von Deutschland nach Frankreich wird dann nicht viel teurer sein als ein Telefonat innerhalb Deutschlands.

Zeigen die überzogenen Roaming-Gebühren nicht, wie wichtig Regulierung in Ihrer Branche noch immer ist?

Manchmal ist Regulierung notwendig. Es hilft allerdings nicht, dass die Deutsche Telekom dank Regulierung drei Milliarden Euro pro Jahr von ihren Konkurrenten dafür erhält, dass diese die letzte Meile der Telefonleitung nutzen dürfen. Das bringt ihr Einnahmen für die Nutzung einer Infrastruktur, die schon längst abbezahlt ist.

Sie machen sich damit abermals für eine drastische Absenkung dieser Gebühren stark. Doch die Telekom wird dagegen Sturm laufen.

Die Firmen müssen künftig vernünftiger handeln. Dazu zählt auch, neue Kooperationsmodelle zu entwickeln.

Mit wem kooperiert denn O2?

Die Kabelnetzbetreiber haben ein starkes Festnetzgeschäft mit schnellen Internetleitungen. Die Kabler haben aber kein mobiles Datengeschäft. Deshalb kooperieren wir schon mit Kabel Deutschland und Kabel Baden-Württemberg. Als neuer Partner kommt Unitymedia hinzu. Kunden können auch in Hessen und Nordrhein-Westfalen Fernsehen, Festnetz-Telefonie, Internet und Mobilfunk in einem Paket kaufen.

Sie sind gezwungen, Ihre Kundenbasis zu verbreitern, weil der durchschnittliche Umsatz pro Kunde immer weiter sinkt?

Das stimmt, aber bei Smartphone-Kunden wächst der Umsatz. Die Erlöse mit Daten sind bei uns innerhalb eines Jahres um 53 Prozent gestiegen.

Aber das reicht auf Dauer nie und nimmer, zumal der Wettbewerb weiter hart bleiben wird.

Es werden von O2 und Telefónica viele neue Produkte kommen. Wir wollen aus unserem Feld ausbrechen und neue Wege gehen. Wir wollen beispielsweise so etwas wie Rechtsschutzversicherungen für Transaktionen im Internet anbieten, also etwa für ein Produkt, das sie bei Ebay gekauft haben.

Wie kommen Sie ausgerechnet auf Versicherungen?

Das ist ganz einfach: Der Abschluss für einen Mobilfunkvertrag ist ähnlich dem Prozess, eine Versicherung abzuschließen. Sie benötigen die gleichen Daten von unseren Kunden.

Planen Sie noch weitere Ausflüge in neues Terrain?

Entertainment ist für uns ganz wichtig. Wir betreiben ja große Konzerthallen, die O2-Worlds. Wir wollen Konzerte veranstalten, die O2-Kunden exklusiv besuchen oder sich über das Internet anschauen können.

Was ist aus Ihren Plänen geworden, in das Geschäft mit Bezahlfernsehen einzusteigen? Auch die Rechte für die Übertragungen der Fußballbundesliga wollten Sie schon einmal erwerben.

Beides prüfen wir. Interesse hätten wir an der Übertragung der Spiele über das Internet. Das wird nächstes Jahr akut. Das würden wir aber nur mit einem Partner gemeinsam machen.

Haben Sie denn dafür überhaupt das Geld? Der Telefónica-Konzern ist hoch verschuldet.

Telefonica hat 2010 einen Gewinn von neun Milliarden Dollar gemacht. Das weltweite Ergebnis von Facebook, Google, Amazon und Twitter zusammengerechnet ist niedriger – aber diese vier Firmen verändern die Welt. In unserer Branche steckt ein großes finanzielles Potenzial, und wir haben die Kunden. Aber wir müssen uns bewegen, und daran arbeiten wir.

Das Gespräch führte Frank-Thomas Wenzel.

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