22.02.2012

Öl-Krise: Warum der Benzinpreis weiter steigt

Von Frank-Thomas Wenzel
Derzeit der Horror jedes Autofahrers: Der Tank ist leer.
Derzeit der Horror jedes Autofahrers: Der Tank ist leer.
Foto: dpa

Längst kursiert die Angst, dass der Preis für Superbenzin demnächst die 1,70-Euro-Hürde nimmt. Die deutschen Autofahrer müssen den Preis für die geopolitische Unsicherheit bezahlen.

Die Pointe beim jüngsten Preisschub für Rohöl ist: Der Iran exportiert verschwindend geringe Mengen Rohöl nach Großbritannien und Frankreich. Dennoch hat die Ankündigung der Regierung in Teheran, die Ausfuhren in die beiden EU-Staaten zu stoppen, für viel Aufregung gesorgt.

Der Notierung für die Sorte Brent, die für den europäischen Markt maßgeblich ist, lag am Dienstagabend bei rund 122 Dollar je Barrel. Das ist der höchste Wert seit gut neun Monaten. Seit Dezember geht es mit der Brent-Notierung – von Verschnaufpausen abgesehen – bergauf. Im Schlepptau kletterten die Benzinpreise. Sie haben sich für Superkraftstoff jenseits der Marke von 1,60 Euro festgesetzt.

Dabei hat sich an den tatsächlichen Lieferströmen zuletzt nur wenig geändert hat. Das Angebot an Rohöl ist sogar eher gestiegen. In Libyen wird die Förderung wieder hochgefahren. Für Januar haben Händler ein Überangebot von täglich etwa einer Million Fass (159 Liter) festgestellt – insgesamt werden etwa 88 Millionen Fass pro Tag aus dem Erdboden geholt.

Wie Sie den Rekord-Spritpreisen trotzen
Gewohnheit durchbrechen

Nicht wie gewohnt tanken fahren, sondern sich zielgerichtet nach der billigsten Zapfsäule umschauen, rät der ADAC. Fast alle Autoclubs wie spezialisierte Ratgeber-Dienste im Internet helfen dabei mit täglich aktuellen Benzinpreisübersichten in der Region oder auch Preistipps entlang einer bestimmten Route.

Spekulation auf Verteuerung

Die Gründe für den Preisanstieg liegen woanders. „Wichtig ist ein psychologischer Faktor“, sagt Carsten Fritsch, Rohstoffexperte bei der Commerzbank. Alle Welt fragt sich, was plant Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad? Die Rhetorik sei in den vergangenen Tagen „deutlich schärfer“ geworden, betont auch Gabor Vogel von der DZ Bank. Ölhändler und Finanzinvestoren wetten auf eine Eskalation des politischen Streits um das Atomprogramm des Iran. Das Szenario: Der Boykott wird kurzfristig auf EU-Länder ausgedehnt, die tatsächlich vom iranischen Öl abhängig sind – vor allem Spanien, Italien und Griechenland.

Solche Planspiele haben zuletzt offenbar verstärkende Effekte an den Rohstoffbörsen erzeugt. Die Zahl der Terminkontrakte, die mit steigenden Preisen spekulieren, ist deutlich gestiegen. Die Unberechenbarkeit der iranischen Regierung spiele dabei eine wichtige Rolle, so Fritsch. Damit dürfte Ahmadinedschad sein wichtigstes Ziel erreicht haben.

Schwacher Euro

Der Westen, insbesondere Europa, wird mit hohen Treib- und Brennstoffpreisen bestraft. Dem Regime im Teheran kommt dabei ein Effekt zu pass, der eng mit der Schuldenkrise verknüpft wird. Der Euro ist derzeit viel schwächer als im Frühjahr 2011, als der Ölpreis sogar klar über der 120-Dollar-Marke lag. Rechnet man den Brentpreis auf Euro um, kommt ein Wert heraus, der nah am historischen Höchstwert vom Sommer 2008 liegt.

Präventivschlag

Drohung: Irans Militär droht im Streit um das Atomprogramm mit einem Präventivschlag. Sollte der Iran sich bedroht fühlen, werde er alle Maßnahmen ergreifen, um die nationalen Interessen zu verteidigen, sagte der Vize-Kommandeur der Streitkräfte, Mohammed Hedschasi.
Forderung: Bei Ölexporten nach Europa verlangt das Land künftig langfristige Verträge, garantierte Zahlung und ein Verbot einseitiger Vertragskündigungen von Käufern.

Da Öl in Dollar gehandelt und Benzin in Euro verkauft wird, haben sich die Einkaufspreise für die Raffinerien in Europa verteuert. Dies wird an die Kunden weitergegeben. Die dominierenden Tankstellenketten haben dabei leichtes Spiel, da sie wie ein Oligopol funktionieren. Aral läutet Preisrunden ein, die anderen ziehen nach. Auch Freie Tankstellen müssen sich an den Vorgaben des Quintetts orientieren, denn von deren Raffinerien beziehen sie den Sprit. So entsteht ein Mechanismus, mit dem getestet wird, welcher Preis bei den Kunden gerade noch durchsetzbar ist.

Wobei die Leidensfähigkeit vieler Autofahrer groß ist, viele können kurzfristig nicht auf den Wagen verzichten. Längst kursieren Befürchtungen, dass demnächst die Marke von 1,70 Euro für Super genommen wird. Dafür spricht, dass die Nervosität derzeit noch zusätzlich steigt, weil nach neuen Unruhen im Südsudan die dortige Ölförderung gefährdet ist.

„Geopolitische Prämie“

Vogel geht davon aus, dass am globalen Ölmarkt derzeit eine „geopolitische Prämie“ von 20 bis 25 Dollar pro Fass gezahlt wird. Er hält damit das Preispotenzial beim Rohöl aber schon für fast ausgeschöpft. Er rechnet bis zum Jahresende noch mit einer leichten Preissteigerung. Dabei wird als preistreibender Faktor die steigende Nachfrage aus China betrachtet. Genau dorthin könnte demnächst das Öl fließen, das der Iran nicht mehr in europäische Länder exportiert.

Insider vermuten sogar, dass der Rohstoff mit einem deutlichen Nachlass abgegeben werden muss. Die Financial Times berichtete Anfang der Woche, die Teheraner Regierung suche händeringend nach Abnehmern. Die Folge könnte sein, dass Öl, das eigentlich für China bestimmt war – etwa aus Saudi-Arabien – nach Europa umgeleitet wird. Zugleich könnte der Preisdruck beim Öl nachlassen, wegen geringerer Nachfrage in Europa. Der Grund: die hohen Spritpreise.

Anzeige
Neueste Bildergalerien Wirtschaft
Börsen
Berliner Zeitung präsentiert:
Sonderbeilagen & Prospekte
Sonderthema

Die 4. Ausgabe zeigt wieder Trends und Aktuelles aus der Autowelt. Unter anderem auch:

IM ÜBERBLICK: die neuen Modelle
IM TEST: der SLK mit Dieselmotor
IM GESPRÄCH: ein Beifahrer

Alles lesen...

Anzeige
Anzeige
Insolvenz

Der Insolvenzverwalter ist bestellt, jetzt beginnt die harte Zeit der Neuordnung von Schlecker. Wir erklären, wie es mit der Kette weitergeht.

Anzeige
Aktuelle Videos
Meistgeklickte Artikel
Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen
Webtipps
Altersvorsorge
Altersvorsorge24: Für die Altersvorsorge rechtzeitig planen
Stromvergleiche
Stromvergleiche auf Toptarif.de verschaffen einen guten Überblick über preiswerte Stromtarife.