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Preisrutsch: Der Fluch des billigen Öls

Rohöl: Von dem flüssigen Rohstoff ist die Welt abhängig. Doch die Erzeugerländer leiden derzeit unter seinem Preisverfall.

Rohöl: Von dem flüssigen Rohstoff ist die Welt abhängig. Doch die Erzeugerländer leiden derzeit unter seinem Preisverfall.

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dpa/George Esiri

Es ist nur eine Zahl. Derzeit hat sie vier Ziffern, zwei vor dem Komma, zwei dahinter: der Ölpreis. Er bestimmt nicht nur das Einkommen von Millionen Menschen. An ihm hängen auch das Schicksal von Regierungen und die politische Stabilität in Lateinamerika, Asien und Afrika. Der Preisrutsch bei Öl und anderen Rohstoffen lässt derzeit Politiker stürzen, heizt Proteste an und treibt Menschen zur Flucht ins Ausland. Folge der Rohstoff-Baisse sei „eine radikale Veränderung der politischen Ordnung des Globus“, saft Michael T. Klare, Professor am Hampshire College in den USA.

In Abnehmerländern wie Deutschland wirkt das billige Öl als Segen: Tank- und Heizrechnungen sinken, Verbraucher und Unternehmen sparen Milliarden Euro. Doch ihre Ersparnis ist der Verlust der Lieferländer, die zumeist abhängig sind vom Export von Öl, Gas, Kupfer oder Soja.

Wachsende Arbeitslosigkeit

Der Preisrutsch bei Öl und anderen Rohstoffen führt dort zur Krise: Selbst Giganten wie Russland und Brasilien sind in die Rezession gefallen, Venezuela meldet den ökonomischen Notstand. Auch die afrikanischen Schwergewichte Südafrika und Nigeria verzeichnen riesige Einbußen und ziehen den Rest des Kontinents nach unten. „Afrikas Boom ist vorbei“, bilanziert der Autor Rick Rowden in der Zeitschrift Foreign Policy.

Dem stimmt auch der Internationale Währungsfonds (IWF) zu. Der jahrzehntelange Rohstoffzyklus, der Afrikas Wachstum anfeuerte, „scheint zu einem Ende gekommen zu sein“, schreiben die Experten des Fonds. „Das stellt einen beeindruckenden Schock dar.“ Betroffen seien nicht nur die großen Öl-Produzenten wie Nigeria, Ghana und Angola, die zusammen mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung Afrikas ausmachen. Sondern auch Länder wie Sambia, dessen Ausfuhren zu 70 Prozent am Kupfer hängen, so der IWF.

Der Preisverfall bei Rohstoffen lässt die Exporteinnahmen einbrechen, was die Staaten zu Ausgabenkürzungen zwingt. Gleichzeitig steigen die Haushaltsdefizite, da die Regierungen mehr Schulden machen. Beides zusammen drückt den Wert der Landeswährung, was Importe teurer macht und die Inflation anheizt – in Russland fiel der Rubel diese Woche auf ein Rekordtief, die Inflationsrate betrug zuletzt 13 Prozent. Um den Rückgang ihrer Währungen aufzuhalten, setzen die Länder die Zinsen hoch, was den Rest der Wirtschaft zusätzlich belastet.

Diese fatale Entwicklung schürt Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Der Staat streicht seine Ausgaben zusammen, senkt Subventionen für Wohnraum und Lebensmittel, das Leben wird immer teurer. Wirtschaft und Staat bieten nicht länger genügend Jobs für die jungen Leute. „Das Wachstum ist zu gering, um die Schaffung von ausreichend Stellen oder eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung zu gewährleisten“, so der IWF über die Länder des „arabischen Frühlings“. Die Jugendarbeitslosigkeit in dieser Region schätzt er auf über 30 Prozent für das Jahr 2013 – neuere Schätzungen wagt er nicht.

Die Wirtschaftskrise untergräbt vielerorts die politische Ökonomie, auf der die relative politische Stabilität der Rohstoffländer beruht: Einen Teil der Einnahmen aus dem Rohstoff-Verkauf geben die Regierungen an die Bevölkerung weiter, um sich darüber Gefolgschaft zu kaufen. Sie gewähren Subventionen, verteilen Schmiergelder, Staatsaufträge und –posten. So sind in Algerien eine Million Menschen in staatlichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen ruhiggestellt. Nun hat die Regierung angekündigt, wegen des Ölpreisverfalls die Staatsausgaben um neun Prozent zu kürzen. „Wir müssen mutige Entscheidungen für 2016 treffen“, sagte Ministerpräsident Abdelmalek Sellal. Die Algerier werden zornig, jeder dritte Jugendliche will das Land verlassen.

Die Bevölkerung protestiert

Die enge Verbindung von Staat und Wirtschaft gebiert Vetternwirtschaft und Korruption, die in wirtschaftlich guten Zeiten von der Bevölkerung akzeptiert werden. In schlechten Zeiten geht sie auf die Straße. In Brasilien wird gegen Präsidentin Dilma Rousseff demonstriert, in Venezuela gegen Präsident Nicolas Maduro, auch in der Ukraine wackelt die Regierung. Im Öl-Land Nigeria verlor Präsident Goodluck Jonathan sein Amt wegen Korruptionsvorwürfen, beim Soja-Exporteur Argentinien war es Cristina Kirchner.

Die Regierung Saudi-Arabiens steht noch, „aber wie lange kann sich die Königsfamilie noch von der wachsenden Unzufriedenheit freikaufen?“, fragt US-Professor Klare. Gegen Südafrikas Präsident Jacob Zuma richtet sich der Volkszorn, ebenso wie gegen Ecuadors Staatschef Rafael Correa, dessen Land unter sinkenden Öl- und Bananenpreisen leidet.