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Prekäre Arbeitsbedingungen: Berlinale-Glamour überdeckt Armut deutscher Schauspieler

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George und Amal Clooney bei der Berlinale am 11. Februar 2016.

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dpa

Die Berlinale sonnt sich dieser Tage im Glanz nationaler und internationaler Stars. George Clooney, Isabelle Huppert, Meryl Streep, Til Schweiger, Heike Makatsch und Senta Berger – der Glamourfaktor des größten Filmfests auf deutschem Boden ist enorm. Er überdeckt, dass die allermeisten Filmschaffenden im Lande ihren Beruf unter Bedingungen ausüben, die mit großem Kino nichts zu tun haben. Sondern eher mit prekärer Arbeit nahe an der Armutsgrenze.

Wie kann das sein? „So gut wie alle Serien, Filme, Dokumentationen, TV-Serien und Fernsehspiele, die in Deutschland über die Sender gehen, werden von freien Kulturschaffenden ohne feste Anstellung und ohne tragfähige soziale Absicherung produziert“, sagt Michael Neubauer, Geschäftsführer des Berufsverbands Kinematografie mit Sitz in München. Betroffen seien „praktisch alle, die im Abspann erscheinen“, erläutert Neubauer, der selbst viele Jahre lang als freier Kameramann gearbeitet hat.

Die Crews am Set werden von Produktionsfirmen befristet für die Dreharbeiten engagiert. Während dieser Zeit zahlen die Filmschaffenden als sozialversicherungspflichtig Beschäftigte Beiträge an die Arbeitslosen-, Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung. Ihr Anstellungsverhältnis ist meist nur von kurzer Dauer. „Ein Samstagskrimi wird in sechs Wochen abgedreht, für eine Serienstaffel im Vorabendprogramm braucht es vielleicht ein Vierteljahr. Aber danach steht man erstmal wieder ein paar Monate ohne Engagement da“, sagt Neubauer. In aller Regel seien die Filmschaffenden mehr als die Hälfte des Jahres ohne feste Anstellung.

Denn zum Bezug von Arbeitslosengeld müssten sie mindestens zwölf der vorangegangenen 24 Monate sozialversicherungspflichtig beschäftigt gewesen sein, was sie eben meist nicht sind. Eine 2009 von der Bundesregierung beschlossene Ausnahme gibt es für den Fall, dass man binnen zweier Jahre niemals eine feste Anstellung hatten, die länger als zehn Wochen dauerte.

Nahezu wirkungslos

Diese Regelung aber ist nahezu wirkungslos. Im Zeitraum April 2014 bis März 2015 wurden auf Grundlage besagter Ausnahmeregelung bundesweit 406 Anträge gestellt, von denen 295 positiv beschieden wurden. Demgegenüber schätzt Neubauer die Zahl der Filmschaffenden, die von dem Problem betroffen sind, auf bis zu 30.000. Die Regierung ging beim Inkrafttreten der Ausnahmeregelung sogar von 40.000 Anspruchsberechtigten aus.

Die Grünen hatten 2015 einen Antrag im Parlament eingebracht, der allen Personen mit unstetem Erwerbsverlauf zu Gute kommen soll. Das Prinzip lautet: Zwei zu Eins. Wer in den letzten beiden Jahren vier Monate sozialversicherungspflichtig beschäftigt war, erhält zwei Monate Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung, für sechs Monate Anstellung gibt es drei Monate Geld, für acht vier und so weiter.

Der Vorschlag wird vom Berufsverband der Kinematografen geradezu enthusiastisch begrüßt. Neubauer: „Er löst sicher nicht alle Probleme, insbesondere nicht das der drohenden Altersarmut, aber er verbessert die Situation von Menschen, die mit ihrer Arbeit ein Millionenpublikum erreichen“.