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Private Zusatzversicherung: „Pflege-Bahr“ – ein Pflegefall

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Sascha Jaeck

Es gelingt nicht allzu vielen Ministern, sich in den Namen von Produkten verewigen zu können. Mehrere Generationen profitierten früher vom staatlich geförderten „Wuermeling“, mit dem kinderreiche Familien billiger Bahn fahren konnten – benannt nach dem damaligen Familienminister Franz-Josef Wuermeling. 2002 wurde die „Riester-Rente“ von Arbeitsminister Walter Riester eingeführt. Und im vergangenen Jahr startete der „Pflege-Bahr“ – die von Ex-Gesundheitsminister Daniel Bahr durchgesetzte staatlich geförderte Pflegezusatzversicherung. Ob sich diese allerdings durchsetzt, ist offen. Denn Verbraucherschützer sehen beim „Pflege-Bahr“ eine Reihe von Problemen und raten zur Vorsicht.

Dabei ist der Grundgedanke einer privaten Zusatzversicherung völlig richtig. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Deutschen trotz der 1995 eingeführten Pflegeversicherung immer mehr aus der eigenen Tasche zahlen müssen, wenn sie pflegebedürftig werden. Betrug der Eigenanteil für einen Heimplatz in der höchsten Pflegestufe III 1999 noch im Schnitt 1451 Euro, stieg er bis 2011 auf 1802 Euro. Denn ein Heimplatz mit Pflegestufe III kostet heute durchschnittlich 3312 Euro, die Versicherung zahlt aber nur 1510 Euro.

Eigenanteile steigen stetig

Die große Differenz hängt unter anderem damit zusammen, dass die Leistungen der Pflegeversicherung fast 15 Jahre lang nicht an die gestiegenen Kosten angepasst wurden. Inzwischen wurden die Pflegesätze zwar erhöht. Doch auch diese Schritte konnten die Preiserhöhungen nicht ausgleichen. Es ist absehbar, dass das auch in Zukunft nur unzureichend geschehen wird. Daher muss mit weiter steigenden Eigenanteilen gerechnet werden.

Auf welche Gesamtkosten sich das summiert, hat die Krankenkassen Barmer GEK ausgerechnet: Danach muss eine Frau im Schnitt rund 45.000 Euro privat für die Pflege aufwenden, bei Männern sind es wegen der geringeren Lebenserwartung rund 21.000 Euro. Dafür gilt es vorzusorgen, ansonsten werden die Kinder mit den Kosten belastet. Der „Pflege-Bahr“ ist als zusätzliche Absicherung nach Ansicht des renommierten Pflegeforschers Heinz Rothgang von der Universität Bremen aber nur ein „Tropfen auf den heißen Stein“.

Bei der mit fünf Euro im Monat geförderten Zusatzversicherung handelt es sich um eine sogenannte Pflegetagegeldversicherung. Sie zahlt im Pflegefall Geld zur freien Verfügung. Die Förderung gibt es nur, wenn in der Pflegestufe III mindestens 600 Euro monatlich ausgezahlt werden. Die Versicherungsbeiträge sind unabhängig vom Geschlecht; je höher das Einstiegsalter, desto höher die Prämie. Für die Mindestabsicherung müssen beispielsweise 40-Jährige bei der Axa-Versicherung monatlich etwa 18 Euro zahlen, abzüglich der Zulage sind also 13 Euro fällig.

In der Pflegestufe II gibt es dann 420 Euro und in der Stufe I 180 Euro. Das reicht längst nicht, um die Eigenanteile deutlich zu senken. Die Finanzlücke beim Heimplatz mit Pflegestufe III würde dann immer noch 1200 Euro betragen – das ist mehr, als viele Rentner bekommen. Wollte man die Finanzlücken bei allen Pflegestufen komplett schließen, dann würde der Beitrag bei der Axa bereits auf knapp 60 Euro im Monat klettern.

Zu beachten ist außerdem, dass die Versicherungen die Beiträge erhöhen können, wenn es mehr Pflegefälle gibt als ursprünglich kalkuliert. Dabei bleiben die Leistungen jedoch gleich. Denn eine Dynamisierung, also eine Anpassung an die steigenden Preise, ist beim „Pflege-Bahr“ nicht vorgegeben. Das ist einer der größten Schwachpunkte. Denn niemand weiß heute, wie sich die Pflegekosten überhaupt entwickeln: Was sind 600 Euro in der Pflege in 30 oder 40 Jahren wert, wie groß ist dann die Finanzierungslücke? Gerade für jüngere Menschen ist es unmöglich, den Finanzbedarf für den Pflegefall abzuschätzen. Die Stiftung Warentest kam daher zu folgendem Schluss: „Die Pflegetagegeldversicherung ist für Kunden unter 40 Jahren kaum geeignet.“

Nichts für junge Menschen

Der „Pflege-Bahr“ hat einen weiteren Nachteil. Es gibt anders als bei normalen Pflegetagegeldversicherungen keine Gesundheitsprüfung und daher auch keine Zuschläge bei Vorerkrankungen. Dieses Kostenrisiko wird damit auf alle Versicherten umgelegt. Das ist sozial gedacht, hat aber Folgen für die Prämienhöhe: Das Preis-Leistungs-Verhältnis der geförderten Policen ist in der Regel schlechter als das von ungeförderten Tarifen. So erhalten 40-Jährige etwa bei der HUK Coburg für 15 Euro im Monat eine Absicherung, die in allen Pflegestufen 600 Euro überweist. Zusätzlich müssen keine Beiträge mehr gezahlt werden, wenn der Pflegefall eintritt. Beim „Pflege-Bahr“ sind die Prämien dagegen auch beim Eintritt der Pflegebedürftigkeit weiter fällig, was die Leistung zusätzlich schmälert.

Der Nachteil für die einen ist allerdings der Vorteil für die anderen. Die fehlende Risikoprüfung ermöglicht es nämlich auch Menschen mit Vorerkrankungen und Behinderungen, eine zusätzliche Pflegeversicherung abschließen zu können. In ungeförderten Tarifen werden sie in der Regel abgelehnt oder müssen inakzeptabel hohe Zuschläge zahlen. Die Stiftung Warentest, die Verbraucherzentralen und der Bund der Versicherten halten den „Pflege-Bahr“ daher allenfalls für diese Menschen für sinnvoll.

Es gibt aber auch Gefahren: Wenn sich am Ende nur noch die sogenannten „schlechten Risiken“ für geförderte Verträge entscheiden, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass mehr Menschen als von den Versicherungen erwartet zum Pflegefall werden. Dann müssen die Prämien deutlich steigen, warnt Experte Rothgang.

Junge und gesunde Menschen sollten auf alle Fälle die Finger vom „Pflege-Bahr“ lassen. Wird dann eine ungeförderte Police gewählt, muss vor allem darauf geachtet werden, dass eine regelmäßige Dynamisierung der Leistungen ohne eine neue Gesundheitsprüfung vereinbart wird. Nur so lässt sich einigermaßen sicherstellen, dass eine heute ausgerechnete Finanzlücke bei Pflegebedürftigkeit auch in der Zukunft durch die Versicherungssumme geschlossen wird.