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Rabattmarke bei Kaiser’s in Berlin: Jeder Kunde zahlt einen anderen Preis

Die Wege des Kunden sind nicht unergründlich. Mit den richtigen Techniken kann man sein Kaufverhalten sogar genau durchleuchten.

Die Wege des Kunden sind nicht unergründlich. Mit den richtigen Techniken kann man sein Kaufverhalten sogar genau durchleuchten.

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imago/Xinhua

Die Nachbarin erzählt, ihre beiden Kinder, sechs und acht Jahre alt, gingen neuerdings sehr gern mit ihr zum täglichen Einkauf. Denn bei Kaiser’s gebe es doch jetzt diese neuen Sparscheine, die man am Eingang aus einem Automaten ziehen könne. Dafür müsse man dort nur seine neue Kundenkarte unter den Scanner halten. Dann dürfe sich jedes ihrer Kinder eines der verbilligten Angebote aussuchen. Die Nachbarin sagt, es sei tatsächlich immer etwas für die Kinder dabei. Meist seien es Süßigkeiten, die die Kinder schon kennen würden.

Kein Wunder, denn die neue Extra-Kundenkarte der Supermarktkette Kaiser’s Tengelmann kennt die Vorlieben ihrer Kunden. Die Rabatt-Angebote werden individuell nach dem Einkaufverhalten der Kartenbesitzer ausgewählt. Der Mutter, die jeden Tag für die Familie einkauft, werden also jene Waren angeboten, die zu ihrem Einkaufskorb und Kaufverhalten passen und die auch in den Einkaufswagen anderer Familien liegen: Joghurt-Drinks, Nutella, Fanta, Paprika, Salat und Weichspüler. Wer hingegen jeden Tag mit Bier, Schnaps und Zigaretten an der Kasse steht, wird auf seinem persönlichen Schnäppchen-Schein wohl kaum Babynahrung und Windeln finden.

Dieses neue Coupon-System der Supermarktkette Kaiser’s errechnet persönliche Angebote für Kunden, ohne dass die ihre Identität preisgeben müssen. Während andere Rabattsysteme wie Payback die persönlichen Daten ihrer Kunden abfragen, also Namen, Wohnort, Telefon und Email-Adresse, verzichtet Kaiser’s bewusst auf all diese Daten. Der Käufer bleibe anonym, so das Versprechen. „Wir legen keinen Wert auf persönlich gebundene Daten“, sagt Tobias Tuchlenski, Regionsmanager von Kaiser’s für Berlin und das Umland, der Berliner Zeitung. „Und wir wissen auch nicht, wer der Inhaber der Extra-Karte ist.“

Testphase in 30 Filialen

Kaiser’s geht es um das Kaufverhalten seiner Kunden, nicht um die einzelne Person, die dazugehört. Seit fünf Monaten testet die Kette diesen neuen Typ von Kundenkarte bundesweit erstmals in Berlin. In 30?der insgesamt 150 Filialen in Berlin und Brandenburg können sich die Kunden an der Kasse eine Extra-Karte holen, sie beim Bezahlen einscannen lassen – und beim nächsten Einkauf bekommen sie ihr erstes Rabatt-Angebot. Die Software des Berliner Unternehmens So1 nutzt unter anderem die Daten des deutschlandweiten Haushaltspanels, den die Gesellschaft für Konsumforschung erhebt, und stellt den Kunden ein individuelles Angebot zusammen. Das Programm errechnet einen Rabatt für das jeweilige Produkt, der niedrig genug ist, um den Kunden zum Kauf zu motivieren. Gleichzeitig ist der Preis noch hoch genug, um das Produkt nicht unter Wert zu verkaufen.

Das „persönliche Angebot“ der Nachbarin, so steht es auf ihrem ausgedruckten Sparschein, bestand vor zwei Tagen aus Waren, die um 10 bis 30 Prozent reduziert waren. Der Weichspüler kostete 1,40 Euro statt 1,99 Euro, für ein Glas Nutella musste sie 2,25 Euro statt 2,49 Euro bezahlen.

Bisher hat Kaiser’s nach eigenen Angaben fast 100.000 solcher Karten vergeben. Das Unternehmen ist so zufrieden, dass es dieses Angebot im Januar 2015 auf alle Filialen in Berlin und Brandenburg ausweiten will, kündigt Regionalchef Tuchlenski an. Andere Supermarktketten in Berlin sehen den Vorstoß von Kaiser’s gelassen. Rewe etwa teilt auf Nachfrage mit, man habe das Payback-System erst Anfang des Jahres erfolgreich eingeführt und plane keine neue Form der Kundenkarte.

Datenschützer hatten das Bonusprogramm Payback schon zu Beginn seiner Einführung im Jahr 2000 heftig kritisiert und dem System den BigBrother Award 2000 verliehen, auch „Oscar für Datenkraken“ genannt. In der Begründung hieß es damals, Payback komme als Rabattkarte daher, diene aber einzig dazu, personalisierte Daten zum Kaufverhalten von Verbraucherinnen und Verbrauchern zu gewinnen und kommerziell zu nutzen, ohne dass diese darüber informiert würden. Heute verweist der Payback-Datenschutzbeauftragte und Fachanwalt für IT-Recht, Robert Selk, auf das TÜV-Siegel „Geprüfter Datenschutz“. Man handele nicht mit Adressen, alle personenbezogenen Daten verblieben bei Payback .

Zwei Kunden, zwei Preise

Mit der Extra-Karte von Kaiser’s haben sich die Datenschützer in Nordrhein-Westfalen beschäftigt. Der Konzern Kaiser’s Tengelmann hat seinen Sitz in Mühlheim an der Ruhr. Aus der Behörde heißt es, man sehe derzeit keine datenschutzrechtlichen Probleme und habe keinen Anlass, gegenüber dem Unternehmen zu intervenieren. „Das Unternehmen kann dem individuellen Käuferverhalten an keiner Stelle des Datenverarbeitungsprozesses eine genaue Person zuordnen“, heißt es in einer Stellungnahme. Zwar zahle nun jeder Kunde für dasselbe Produkt einen anderen Preis, das sei aber kein Datenschutzproblem, sondern ein marktwirtschaftliches Geschehen.

Engagierte Datenschutzaktivisten kritisieren die neue Kaiser’s-Karte dennoch. Schließlich könne man beim bargeldlosen Bezahlen mit der EC-Karte die darauf gespeicherten persönlichen Daten mit der dazugehörigen Extra-Kundenkarte verknüpfen – die eigentlich Anonymität verspricht.