Viele Beschäftigte haben in diesem Jahr deutlich mehr verdient als im Vorjahr. Am stärksten sind die Reallöhne in der Industrie gestiegen. Ausgerechnet im Bildungssektor sind die Einkommen dagegen preisbereinigt gesunken, berichtet das Statistische Bundesamt.
Schaut man sich die durchschnittliche Entwicklung in der gesamten Wirtschaft an, bleibt ein klares Plus: Das reale Monatseinkommen eines vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmers war in den ersten drei Quartalen dieses Jahres durchschnittlich 1,5 Prozent höher als im Vorjahresvergleich. Das heißt: Die Gehälter sind 1,5 Prozentpunkte stärker gestiegen als die Verbraucherpreise. Besonders stark war der Anstieg im Frühjahr und Sommer, weil viele Beschäftigte Erfolgsboni und andere Sonderzahlungen erhalten haben. Zuletzt hat sich der reale Lohnanstieg abgeschwächt: Im dritten Quartal betrug er im Jahresvergleich noch 0,6 Prozent.
Üppiger Tarifanstieg
Klare Gewinner der diesjährigen Lohnrunde sind die Beschäftigten in der Industrie. Ihre Realeinkommen sind zuletzt um 1,8 Prozent gestiegen, im Jahresverlauf war das Plus noch höher. Arbeitnehmer in der Chemie- und Metallbranche profitierten von Tarifsteigerungen und Erfolgsbeteiligungen, die teilweise üppig ausfielen. Auch der Rückgang der Kurzarbeit spielte eine Rolle. Im Bergbau und der Baubranche stieg die Kaufkraft der Beschäftigten ebenfalls.
Anders sieht es in vielen Dienstleistungsbranchen aus: Am schlechtesten schneidet der Bildungssektor ab, in dem Lehrer und Erzieherinnen in Kitas tätig sind. Hier sind die preisbereinigten Gehälter zuletzt um 1,4 Prozent gesunken. Auch der öffentliche Dienst verzeichnet ein Minus – die Sparpolitik der schwarz-gelben Koalition lässt grüßen. Die Daten der Statistikbehörde basieren auf den Angaben für zehn Millionen Vollzeit-Beschäftigte – Teilzeitkräfte und Minijobber sind nicht berücksichtigt.
Hohe Gehälter in Energiewirtschaft
Am höchsten liegen der Gehälter der Vollzeitkräfte in der Energiewirtschaft. Im Schnitt verdient ein Beschäftigter in der Energiebranche fast 4.400 Euro im Monat, ohne Sonderzahlungen. Relativ hoch sind die Einkommen auch in Banken und Versicherungen sowie in der Kommunikationsbranche. Schlusslicht ist das Gastgewerbe. In Hotels und Kneipen kommen Vollzeitbeschäftigte nur auf ein Bruttoeinkommen von 1.944 Euro im Monat.
Sie liegen damit weit unter dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt. Laut Statistikbehörde erhält ein Arbeitnehmer mit Vollzeitjob im Schnitt 3.322 Euro brutto im Monat. Manche Beschäftigte dürften sich über den hohen Betrag wundern – tatsächlich ist die Verteilung der Einkommen höchst ungleich. Der Statistiker Ralf Droßard verweist dabei auf eine detaillierte Verdiensterhebung von 2006. Danach verdienen 63 Prozent der Vollzeit-Beschäftigten weniger als das Durchschnittseinkommen, nur 37 Prozent liegen darüber. Diese Besserverdienende haben so hohe Gehälter, dass der Durchschnitt nach oben geht.
Der Vorsitzende der IG Bau, Klaus Wiesehügel, macht das politische Klima in Deutschland zu einem Großteil verantwortlich dafür, dass die Löhne und Gehälter über die Jahre nur gering gestiegen sind. „Seit der Regierungszeit von Gerhard Schröder ist die Politik nur unterwegs, um Strategien zur Lohnsenkung zu entwickeln.“ Hierzulande gelte die These: „Wenn es den Unternehmern nur gut genug geht, geht es auch allen anderen gut. Deswegen könnten die Arbeitgeber auch nicht soviel an Lohn zahlen.“
Mehr Geld: Die realen Monatseinkommen von Vollzeit-Beschäftigten in Deutschland waren im dritten Quartal 2011 durchschnittlich 0,6 Prozent höher als im Vorjahresquartal. Dabei gibt es zwischen den Branchen große Unterschiede.
Verdienst: Beschäftigte mit Vollzeitjob verdienten zuletzt durchschnittlich 3322 Euro brutto im Monat.
Ausreichende Rente nötig
Diese Strategie bezeichnete Wiesehügel als verheerend. Denn man dürfe zum einen Unternehmern nicht gestatten, Löhne zu zahlen, von denen niemand leben kann, ohne dass der Staat aufstockt. Zum anderen seien die Lohnstückkosten in Deutschland wesentlich geringer gestiegen als in den anderen Euro-Ländern. „Damit haben wir zwar unseren Export beflügelt, aber zu Ungunsten der anderen Euro-Staaten. Dort haben wir damit das Wachstum gebremst und zur Schuldenanhäufung beigetragen.“ Deutschland habe sich in dem gemeinsamen Währungsraum als Dumping-Land erwiesen.
Um dem Lohndumping ein Ende zu setzen, komme man nicht mehr um einen branchenübergreifenden Mindestlohn herum. Die Tarifparteien könnten oberhalb dieser Marke für ihre Branche eigene, höhere Mindestlöhne vereinbaren. „Der unterste Mindestlohn sollte aber so hoch sein, dass man damit nach seinem Arbeitsleben eine eigene, zum Leben reichende Rente bekommt“, forderte Wiesehügel. Das sei bei einem Stundenlohn von 8,50 Euro schon schwierig genug.

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