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Reichtums- und Gerechtigkeitsdebatte: Es gibt zu viel Geld auf der Welt

Ulrich Thielemann, Direktor der Denkfabrik für Wirtschaftsethik in Berlin.

Ulrich Thielemann, Direktor der Denkfabrik für Wirtschaftsethik in Berlin.

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AKUD/Lars Reimann

Berlin -

Viele Menschen wären gern reich. Allein im letzten Jahr wurden 710 Millionen Lottoscheine ausgefüllt. Könnte jeder Mensch reich sein? Was ist Reichtum überhaupt? Und warum wächst das Vermögen der Superreichen um mehrere Milliarden Dollar im Monat? Der Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann empfängt uns in seinem Arbeitszimmer im Berliner Stadtteil Steglitz. Die Regale sind randvoll mit Wirtschaftsbüchern, ganz oben stapeln sich Gitarren, die er noch nicht zu Geld gemacht hat, obwohl seine Zeit als Mitglied einer Rockband schon einige Zeit zurückliegt.

Herr Thielemann, Reichtum wird in Zahlen gemessen: 10.000 Euro, 100.000, eine Million, eine Milliarde. Welche Summe können Sie sich noch vorstellen?

Ich kann mir einen Hundert-Euro-Schein vorstellen, das ist leicht. Ich kann mir auch Geldbeträge in Konsumgüter übersetzen. Ein teures Fahrrad kostet 2000 Euro, eine sehr teure E-Gitarre 10.000 Euro. Aber bei einer Milliarde, da wird es schwierig.

Es gab mal einen Fernseh-Spot, in dem ein Mensch mit seinem Besitz prahlte: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot.“ Ist das Reichtum?

Ein Haus zu besitzen, ist eine normale Option einer Mittelklasse-Gesellschaft, das würde ich eher als Wohlstand bezeichnen.

Kommt auf das Haus an.

Luxusgüter können ein Statussymbol sein: Meine Villa ist größer als Deine. Sie sind aber ein eher unbedeutender Teil des Reichtums. Milliardäre haben mehr Geld als sie jemals ausgeben können. Der US-Milliardär Warren Buffett hat einmal gesagt, ihm reiche für den Rest seines Lebens eine knappe halbe Milliarde Dollar für seinen Konsum. Sein Vermögen beträgt aber mehr als 60 Milliarden Dollar, und laut Wirtschaftsdienst Bloomberg ist es zuletzt um eine knappe halbe Milliarde Dollar gewachsen – im Monat.

Dagobert Duck aus Entenhausen gibt sein Geld auch nicht aus, er schwimmt darin. Ab und zu nimmt er ein Bad in seinem Goldschatz. Hier liegt Reichtum konkret vor. Gibt es das in der wirklichen Welt?

Die Reichen dieser Welt bunkern ihr Geld nicht, höchstens ein paar Goldbarren liegen im Tresor. Sie besitzen keinen statischen Schatz, sondern etwas Dynamisches, dessen Wert tendenziell steigt.

Und das wäre?

Der ökonomische Reichtum besteht heute im Wesentlichen aus Finanzvermögen – aus Fonds, Aktien und Anleihen. Dieses Vermögen ist kein Haufen Metall, sondern es ist angelegt. Es repräsentiert einen Anspruch auf die zukünftige Wertschöpfung, auf zukünftige Arbeitsleistung. Anleihebesitzer haben Anspruch auf Zinsen. Aktionäre haben Anspruch auf einen Teil des Unternehmensgewinns. Dieses Vermögen bedeutet Macht.

Was vermögen die Reichen mit ihrem Reichtum?

Sie können bestimmen über das Wohl und Wehe der Wirtschaft – und letztlich auch der Gesellschaft. Sie haben das Recht, die Ausrichtung der Unternehmenspolitik zu bestimmen. Und sie nutzen dieses Recht in der Regel so, dass ihre Geldanlage möglichst hohe Erträge abwirft. Großaktionäre können sagen: Das ist mein Unternehmen, die Rendite ist nicht hoch genug, ihr müsst noch mehr auslagern, noch mehr Personal abbauen. Sie können auch sagen: Oh, in diesem Land gibt es eine höhere Rendite, weil die Steuern niedriger sind, da gehen wir hin. Damit setzen sie Staaten automatisch unter Druck.

Ist das verwerflich?

In der herrschenden Wissenschaft gilt das Streben nach Gewinnmaximierung als ethisch korrekt.

Das müssen Sie erklären.

In der Betriebswirtschaftslehre gelten die Aktionäre als die Prinzipale des Unternehmens. Das heißt, sie sind diejenigen, denen das letzte Entscheidungsrecht zusteht. Dabei wird unterstellt, dass Aktionäre keine Rendite kennen, die zu hoch ausfallen könnte. Gewinnmaximierung gilt als rationales Verhalten des Homo Oeconomicus – und damit als richtiges Verhalten.

Warum streben Reiche eine hohe Rendite an, wo sie doch schon mehr als genug Geld haben?

Mir scheint, die einzig plausible Erklärung besteht darin, dass es hier um Statuswettbewerb geht. Die Reichen wollen reich sein und reicher werden, um über anderen zu stehen. Schließlich öffnet Geld alle Türen, man kann sich jeden gefügig machen, man hat Macht über andere Menschen. Reiche, die von der protestantischen Ethik geprägt sind, leben relativ bescheiden, reinvestieren mehr – und werden gerade dadurch noch mächtiger.

Andererseits hat Microsoft-Gründer Bill Gates die Initiative „The Giving Pledge“ gestartet, in der Milliardäre versprechen, Geld für wohltätige Zwecke zu spenden. Er selbst hat angeblich 28 Milliarden Dollar in seine Stiftung gesteckt. Ist das nicht großzügig?

Ein höherer Status kann sich auch in solchen Spendenaktionen ausdrücken. Gates hat die Mittel, Milliarden in seine Stiftung zu stecken und als Wohltäter gefeiert zu werden. Und er hat die Macht zu entscheiden, wofür die Stiftung das Geld ausgibt. Trotz der vielen Milliarden, die Gates in seine Stiftung eingebracht hat, ist sein Vermögen im vorigen Jahr um 16 Milliarden Dollar gestiegen und beläuft sich heute auf über 80 Milliarden. Er ist nun wieder der reichste Mann der Welt.

Hat er das verdient?

Es ist ein Mythos, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Niemand produziert ein Einkommen allein. Andere haben mitgearbeitet, andere haben für das hergestellte Produkt gezahlt, andere haben Kapital bereitgestellt und gar nicht gearbeitet. Wiederum andere wurden im Wettbewerb verdrängt und sind nun arbeitslos.

Wollen Sie damit sagen, dass Gates gar nichts mehr leistet?

Er wird schon irgendetwas arbeiten. Seine Kapitaleinkommen allerdings fallen ihm leistungslos zu. Das gilt generell. Die Familie Quandt hat im letzten Jahr mehr als 700 Millionen Euro Dividende von BMW erhalten. Musste die Familie dafür etwas tun? Nein, sie musste einfach nur warten. Andere haben dafür gearbeitet, die Beschäftigten bei BMW und bei den Zulieferbetrieben. Es ist nie der Kapitalbesitzer selbst, der aus dem Geld mehr Geld macht.

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