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Rekord-Investition: China investiert Milliarden in Afrika und schafft so neue Probleme

Ein Mitarbeiter der chinesischen Great Wall Drilling Company weist einen kenianischen Arbeiter in die Nutzung eines Bohrers ein.

Ein Mitarbeiter der chinesischen Great Wall Drilling Company weist einen kenianischen Arbeiter in die Nutzung eines Bohrers ein.

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imago stock&people

Es ist Chinas bislang größte Auslandsinvestition. Das Reich der Mitte will im bevölkerungsreichsten Staat Afrikas eine nagelneue Eisenbahnlinie bauen: Sie wird über mehr als 1 400 Kilometer an der nigerianischen Atlantikküste entlang führen, von Lagos bis nach Calabar. Mit dem im vergangenen Monat bekannt gegebenen Großprojekt soll das erdölreiche Nigeria als Tor zum westafrikanischen Wirtschaftsraum erschlossen werden: Ein Vorhaben, das Peking immerhin 13 Milliarden Dollar Wert ist.

Es ist das jüngste und bislang ehrgeizigste Megaprojekt, mit dem China den Kontinent bedenkt – doch keineswegs das einzige. In Angola hat Peking alle drei im Bürgerkrieg zerstörten Eisenbahnlinien des südwestafrikanischen Landes saniert, und in Ostafrika will Peking mit einer ebenfalls neu verlegten Eisenbahnlinie Kenia, Uganda und den Südsudan verbinden. Auf dem gesamten Kontinent hat das Reich der Mitte unzählige Straßen gebaut, Satellitenstädte errichtet und Fußballstadien in die Höhe gezogen: 15 Jahre chinesisches Engagement in Afrika hinterließen bereits wesentlich deutlichere Spuren als ein halbes Jahrhundert westlicher Entwicklungshilfe.

Längst hat China die USA und die ehemaligen europäischen Kolonialnationen als Afrikas wichtigste Handelspartner überholt: Das Volumen des Güteraustausches hat sich seit Beginn des Jahrtausends von knapp zehn Milliarden Dollar auf über 200 Milliarden mehr als verzwanzigfacht. Auf dem afrikanischen Kontinent sind inzwischen rund 2 500 chinesische Firmen aktiv, weit über eine Million Chinesen bauen Eisenbahnlinien, betreiben Restaurants und stehen selbst in entlegensten Winkeln des Hinterlandes hinter ihren Ladentresen.

Sicherung von Rohstoffen

Auf den regelmäßig stattfindenden chinesisch-afrikanischen Gipfeltreffen oder während der immer häufiger stattfindenden Staatsbesuche chinesischer Parteichefs auf afrikanischem Boden wird Pekings Engagement als Beweis der Bruderschaft gefeiert, die die Opfer des westlichen Kolonialismus zusammenschweiße. Solche Fensterreden werden allerdings selbst von Afrikas Staatschefs nicht ganz ernst genommen: Zu offensichtlich, dass der fernöstliche Tiger seinen Schmusekurs lediglich zur Sicherung von Rohstoffen für seine weitere wirtschaftliche Expansion eingeschlagen hat.

Chinas Interesse gilt vor allem den Erdölstaaten des Kontinents – wie Nigeria, Angola oder den beiden Sudans – und jenen Nationen, die reich an anderen wichtigen Bodenschätzen sind – wie Südafrika (Platin und Kohle), der Kongo (Uran, Coltan und Zinn) sowie Sambia (Kupfer).

Selbstverständlich sind Afrikas Staatschef beglückt von Chinas gesteigertem Interesse – nicht zuletzt, weil dies den Preis für Bodenschätze in die Höhe trieb. Außerdem gefällt den Präsidenten, dass das Reich der Mitte seine guten Beziehungen nicht wie der Westen von der Einhaltung eines gewissen Standards an Menschenrechten abhängig macht: Nach altem Stil hält Peking als Motto die „Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten“ der umworbenen Staaten hoch. Der Grundsatz, den die chinesischen Parteichefs beibehalten, um sich auch selbst vor Kritik zu schützen, mag zwar den afrikanischen Staatschefs gelegen kommen: Doch die Bevölkerung ihrer Staaten sieht das anders.

Intransparente Verhandlungen

Ihr größter Vorbehalt: Dass die Verträge zwischen Peking und den afrikanischen Regierungen meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit zustande kommen. Auf diese Weise ist weder klar, wie und in welchem Umfang sich afrikanische Staaten im Rahmen des chinesischen Engagements verschulden – oft werden langfristig vereinbarte Rohstofflieferungen als Gegenleistungen für Investitionen oder Tilgung von Krediten vereinbart. Ob die Konditionen der Verträge, etwa die Prognosen künftiger Preisentwicklungen, dabei afrikanischen Interessen entsprechen, weiß außer den Unterzeichnenden keiner und muss bezweifelt werden.

Hinzu kommt, dass derartige Vertragswerke aller Wahrscheinlichkeit nach von Schmiergeldzahlungen an führende Politiker begleitet sind: Nicht grundlos steht China auf dem Korruptions-Index von Transparency International an 100. Stelle – die Weltbank hat eine Handvoll chinesischer Unternehmen bereits auf den Index gesetzt.

150 Milliarden in acht Jahren

Nirgendwo anders investiert China Summen wie in Afrika. Zweifellos haben die 150 Milliarden Dollar, die China in den vergangenen achteinhalb Jahren nach Afrika pumpten, zu einer Verbesserung des Lebens der Bevölkerung beigetragen: Um welchen Preis, ist eine andere Frage. Experten fürchten, dass Afrikas Staaten in eine neue Schuldenfalle geraten könnten – allein das ostafrikanische Eisenbahnprojekt wird Kenias Auslandsschuldenlast um ein Drittel vergrößern.

„China hat den Kontinent mit Stadien, Flughäfen, Krankenhäusern, Autobahnen und Staudämmen gepfeffert“, schreibt Buchautor Howard French („Chinas zweiter Kontinent“): „Doch die Afrikaner wissen sehr wohl, dass diese Projekte viele Staaten hoch verschuldet und mit anderen Problemen zurücklassen – von Umweltkonflikten bis zu Arbeitskämpfen.

Schlimme Arbeitsbedingungen

Allein die Tatsache, dass die meisten chinesischen Unternehmen ihre Bauprojekte mit Arbeitskräften von Zuhause realisieren, verärgert viele Afrikaner. Auf diese Weise werde weder etwas gegen die weit verbreitete Arbeitslosigkeit noch für den Technologietransfer getan.

Und wo chinesische Unternehmer wie im Bergbau doch einheimisches Personal einstellen, sind die Arbeitsbedingungen oft katastrophal: In sambischen Kupferminen kam es bereits wiederholt zu tödlichen Zusammenstößen zwischen chinesischen Managern und afrikanischen Kumpels. Nicht nur Gerüchten zufolge sind Chinesen am illegalen Elfenbein- und Nashorn-Schmuggel beteiligt, überfischen die Gewässer vor Afrikas Küste und plündern die Regenwälder für Tropenholz aus – ganz abgesehen davon, dass sie mit oft minderwertiger Ware die Märkte überschwemmen und bereits weitgehend die afrikanische Textilindustrie zerstört haben. „China nimmt unsere Bodenschätze und verkauft uns fertige Produkte“, klagt der ehemalige nigerianische Zentralbankchef Lamido Sanusi: „Genau dasselbe haben einst die Kolonialisten getan.“

Beitrag zum wirtschaftlichen Aufstieg

Die Parallele ist gewiss übertrieben. Chinesische Aufseher hacken kongolesischen Arbeitern, die ihr Soll nicht verrichtet haben, nicht wie einst die Häscher des belgischen Königs Leopold die Hände ab, oder massakrieren ein halbes Volk wie die deutschen „Schutztruppen“ die Herreros in der namibischen Wüste. Vielmehr trug Peking tatsächlich maßgeblich zum wirtschaftlichen Aufstieg Afrika bei: Ohne die chinesische Maschine würde der Kontinent nicht schon seit mehr als zehn Jahren Wachstumsraten von durchschnittlich rund fünf Prozent produzieren.

Selbstverständlich handelt es sich beim Engagement des Reichs der Mitte nicht um bloße Entwicklungshilfe: China hat in erster Linie seine eigenen Interessen im Auge. Afrikanische Präsidenten, die nicht nur ihr eigenes Wohl im Auge haben, könnten mit den chinesischen Begierden produktiv umgehen: Sie könnten die besten Konditionen für ihr Land aushandeln, korrupten Avancen die kalte Schulter zeigen und ihre Bevölkerung vor den Übergriffen chinesischer Ausbeuter schützen. Doch eine gute Regierungsführung hervorzubringen, ist leider noch schwieriger, als Milliarden an Dollar anzulocken.