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Rente: Abzocke bei der Altersvorsorge

Auch Familien, die für das Alter vorsorgen wollen, werden von den Anbietern häufig über den Tisch gezogen.

Auch Familien, die für das Alter vorsorgen wollen, werden von den Anbietern häufig über den Tisch gezogen.

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dapd

Sachlich falsche und qualitativ schlechte Beratung über private Altersvorsorgeprodukte richten immense finanzielle Schäden an. Jedes Jahr gehen Verbrauchern, die eine Kapitallebensversicherung, einen Riester-Vertrag oder eine private Rentenversicherung abgeschlossen haben, bis zu 17 Milliarden Euro verloren, weil sie beim Abschluss nicht ausreichend über Risiken, Ertragsaussichten, Zinssätze und Gebühren informiert wurden. Dies geht aus einem Gutachten des Bamberger Finanzwissenschaftlers Andreas Oehler hervor, das von der Bundestagfraktion der Grünen in Auftrag gegeben wurde.

Hohe Provisionen

„Der deutsche Steuerzahler buttert jährlich Milliarden in die private Altersvorsorge. Das soll die Rentnerinnen und Rentner reich machen, nicht die Banken und Versicherungsmakler, kommentiert die verbraucherpolitische Sprecherin der Grünen, Nicole Maisch, die Studienergebnisse.

Danach entstehen den Verbrauchern allein im Bereich der Kapitallebens- und privaten Rentenversicherungen Kosten in Höhe von 16 Milliarden pro Jahr, weil sie ihre Verträge vorzeitig kündigen. Oehler führt den allergrößten Teil der Stornierungen auf eine irreführende oder unvollständige Verbraucherberatung bei Vertragsabschluss zurück.

Offenbar werde den Kunden nicht deutlich gemacht, dass Lebensversicherungen eine extrem unflexible und dauerhaft gebundene Form der Altersvorsorge seien. Zudem belasteten hohe Kosten für Vertrieb, Provision und Verwaltung die Rendite, worüber viele Kunden nur unzureichend unterrichtet würden. Dass auch die Stornogebühren mit zumeist vier bis sechs Prozent sehr hoch angesetzt sind, bleibe den Kunden ebenfalls in vielen Fällen verborgen. „Es bestehen zumindest grundlegende Zweifel, ob Verbraucherinnen und Verbraucher definitiv im Klartext und in Euro vor Vertragsschluss wissen, welche Verluste entstehen, wenn ein Vertrag vorzeitig endet“, schreibt Oehler. Anders die Versicherungsunternehmen: Diese kalkulierten vorzeitige Kündigungen fest ein: „Bereits mit dem Abschluss des Vertrages ist bei Kündigungsquoten von 55 bis 75 Prozent ein Verlust regelrecht absehbar“ – ein Verlust für die Kunden wohlgemerkt, nicht für die Versicherer.

Aus Sicht der Grünen ist dies ein Unding. „Die kalkulierten Schäden für die Sparer sind immens, weil Schwarz-Gelb weiter interessengeleitete Geschenke an die Finanzbranche verteilt und vor einer effizienten, verbraucherorientierten Regulierung aller Vertriebsformen und aller Produkte zurückschreckt“, kritisiert Maisch. Das von der Regierungskoalition eingebrachte Altersversicherungsverbesserungsgesetz sowie das geplante Gesetz zur Honorarberatung seien bei weitem nicht ausreichend, um eine sachgerechte, verständliche und vollständige Information der Verbraucher zu gewährleisten.

Mängel bei Riester-Verträgen

Denn auch und gerade bei Riester-Verträgen sind gravierende Mängel keine Seltenheit, wie auch Oehler in seinem Gutachten belegt. Ein großer Teil der 15,4 Millionen abgeschlossenen Riester-Verträge beinhalte viel zu hohe Abschlusskosten und Gebühren oder gehe an den individuellen Bedürfnissen der Kunden vorbei. Der Finanzwissenschaftler zitiert Stiftung Warentest, die in einer Bilanz nach zehn Jahren Riester-Rente 2011 „das komplizierte Zulagenverfahren, die vielen Vermittler, die Sparern unpassende Produkte verkaufen“ sowie die Verschleierung der tatsächlich anfallenden Kosten kritisierte.

Durch die Defizite der Riester-Produkte hinsichtlich Verständlichkeit, Leistungsvermögen und Transparenz entstehen laut Oehler Schäden von gut einer Milliarde Euro jährlich. Den Gesamtschaden, den deutsche Verbraucher jedes Jahr durch mangelhafte Beratung von Finanzdienstleistern erleiden, schätzt er gar auf mindestens 50 Milliarden Euro.

Solche Befunde sind geeignet, die Funktion der privaten Altersvorsorge zu untergraben. Wenn betriebliche und private Altersvorsorge tatsächlich das schwindende Niveau der gesetzlichen Renten ausgleichen sollen – wie es der Gesetzgeber bei Einführung der Riester-Rente 2001 formulierte – müssten „die angebotenen Produkte im Vergleich zum staatlichen System ähnlich transparent, verständlich, kostengünstig und leistungsstark“ sein, so Oehler. Da sie das aber oft nicht seien, benötigten Verbraucher für den Abschluss eines guten Vorsorgevertrages mehr Glück als Verstand. „In diesem Kontext sollte man nicht von Entscheidungen in einem wettbewerblichen Umfeld der sozialen Marktwirtschaft sprechen, sondern von einer Lotterie“, zitiert Oehler die Stiftung Warentest.


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