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Reportage: Das System Wiesenhof

Viele Fans sehen das kritisch: Wiesenhof ist seit dieser Saison neuer Hauptsponsor des SV Werder Bremen. Das niedersächsische Unternehmen und der Fußball-Bundesligist schlossen einen Vertrag von zwei Jahren Laufzeit.

Viele Fans sehen das kritisch: Wiesenhof ist seit dieser Saison neuer Hauptsponsor des SV Werder Bremen. Das niedersächsische Unternehmen und der Fußball-Bundesligist schlossen einen Vertrag von zwei Jahren Laufzeit.

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dapd

Großenkneten -

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Schön ist es im Landkreis Oldenburg. Viel Himmel, viel Gegend, viel Grün. „Das Grün ist trügerisch“, sagt Wilfried Papenhusen. Schlimmer noch: Geradezu heimtückisch sei es. „Eine arglistige Täuschung“, sagt Papenhusen. „Bauernland sieht anders aus.“
Er steuert seinen Geländewagen über die Landstraßen. Am Rand steht der Mais Spalier, in dichten, sattgrünen Reihen. Zwischendrin die Kunststoffdächer der Biogasanlagen, auch sie grün. Und um die Hähnchenmastställe herum, die hier an jedem Dorfrand stehen, wird ebenfalls begrünt. „Begrrrrünt“, sagt Papenhusen mit norddeutsch-kollerndem R. „Das ist Vorschrift. Kein Hähnchen-KZ ohne Grünstreifen drum herum.“ Er seufzt. „Früher, da standen hier um diese Jahreszeit Weizen, Gerste und Hafer. Es gab Weiden für die Rinder.“ Früher, das war, als die Bauern hier noch Bauern waren.

Papenhusen ist Gastwirt und Hotelier. „Ich lebe von der Gegend“, sagt er und biegt in eine Seitenstraße ab, dorthin, wo es keine Vergangenheit mehr gibt. Nur noch Gegenwart. Rechts steht eine Pappelallee, links ein Fabrikgelände. Drei riesige Stallbauten, fensterlos, in Kunststoff gekleidet, mit meterhohen Abluftschloten. Auf dem Parkplatz davor zwei Lastwagen.

„Deutsche Frühstücksqualität“ steht auf der Plane des Sattelschleppers. Es ist still auf dem Gelände, aus den Ställen dringt kein Laut, nur das satte Brummen der Abluftanlage ist zu hören. Das hier ist der Arbeitsplatz von 230.000 Legehennen. „In die Ställe kommt keiner rein“, sagt Papenhusen. „Ansteckungsgefahr.“ Das Federvieh ist empfindlich. Es verdränge den Menschen, sagt Papenburg.

Stammtisch des Widerstands

Knapp 128.000 Einwohner zählt der Landkreis Oldenburg, die Städte Oldenburg und Delmenhorst nicht mitgerechnet – und zehn Millionen Hühner und Puten. Seit einigen Jahren halte der Verdrängungsprozess nun schon an. „Er ist übergeschwappt aus dem Emsland und den Nachbarkreisen Cloppenburg und Vechta“, sagt Papenburg. „Da steht schon ein Hühnerstall neben dem anderen.“

In Cloppenburg und Vechta ist Deutschlands Massentierhaltung zu Hause. Im Landkreis Vechta produziert der größte Geflügelzüchter des Landes, die PHW-Gruppe. Die Firma ist besser bekannt unter dem Namen Wiesenhof. Ein Familienunternehmen, geführt vom Patriarchen Paul-Heinz Wesjohann. Ein paar Kilometer weiter hat sich sein größter Konkurrent eingerichtet: Franz-Josef Rothkötter, Chef von „Emsland Frischgeflügel“.

Die beiden Unternehmen sind umstritten. Tierschützer werfen ihnen Tierquälerei vor. „Emsland Frischgeflügel“ betreibt den größten Hähnchenschlachthof Deutschlands im niedersächsischen Wietze. 135 Millionen Hähnchen können dort pro Jahr geschlachtet werden. Die Proteste gegen den Bau gingen durch die Medien. Und der Konkurrent Wiesenhof war neulich in den Schlagzeilen, weil Fans des Bundesligisten Werder Bremen dagegen rebellierten, dass das Unternehmen der neue Trikotsponsor des Vereins wird.

„Zwischen Wesjohann und Rothkötter herrscht ein gnadenloser Konkurrenzkampf“, behauptet Uwe Behrens. „Hinter jedem neuen Hähnchen- oder Putenstall, der hier gebaut wird, steht eines der beiden Unternehmen.“ Behrens sitzt in der Gaststube von Gut Moorbeck. Ein alter niedersächsischer Gutshof, Eichenfachwerk, reetgedeckt. Wilfried Papenhusen betreibt hier sein Hotel inklusive Restaurant, mitten im Naturpark Wildeshauser Geest.

Er sitzt neben Behrens und ein paar anderen Männern. Sie sind eine verschworene Gemeinschaft, engagieren sich in der Bürgerinitiative Bündnis Mensch, Umwelt und Tier. Sie sind bei jeder öffentlichen Anhörung zugegen, verfolgen jedes Genehmigungsverfahren für neue Mastställe. Und die sind zahlreich in der Gegend.

Draußen regnet es. Auf den Tischen in der Gaststube liegen gestärkte Tischdecken, darauf Porzellanvasen, in denen gelbe Röschen stecken. Im Angebot heute: Holländischer Matjes, handfiletiert. In Papenhusens Restaurant gibt es kein Fleisch aus Massentierhaltung. Dies ist der Stammtisch der Widerständigen.

„Die Landwirtschaft lohnt nicht mehr“, sagt einer der Männer. Er heißt Ernst Steenken. Er muss es wissen. „Meine Familie sitzt in Kirchhatten seit 1426.“ Steenken ist Bauer. Einer, wie man ihn sich vorstellt. Rote Wangen, kräftige Statur, das Haar kurz geschoren. „Mein Vater hatte 30 Sauen, 20 Kühe und die Mastschweine dazu“, sagt Steenken. „Dann hieß es, dass alles größer werden muss. Kleine Höfe seien unrentabel.“

Als Steenken als Bauer anfing, standen auf dem Hof schon 154 Bullen, 80 Kühe und Kälber. Dazu 100 Hektar Land. „Das war vor zehn Jahren, und der Hektar kostete 800 Euro Pacht im Jahr“, rechnet Steenken vor. „Heute kostet der Hektar 1500 Euro Pacht.“ Woran liegt das?

„Mais, Mais, Mais“, sagt Steenken. „Wo man hinsieht: Mais.“ Wo früher Kühe geweidet hätten, werde jetzt das Land umgepflügt und Mais angebaut. Futter- und Silomais, mit dem die Viecher gefüttert werden und die Biogasanlagen. Das sei der Grund für die hohen Bodenpreise.

Aufgeben wollte er trotzdem nicht, sagt Steenken. Ein Bauer gibt nicht so schnell klein bei. Am Ende hat er es trotzdem getan. 50 Rinder sind ihm geblieben. „Das mache ich nicht mehr, um Geld zu verdienen.“ Die Familie lebt von den 30 Hektar, die sie verpachtet hat. Und von dem, was der verkleinerte Hof sonst noch abwirft.

„Ich hätte auch einen Hähnchenstall bauen können“, sagt Ernst Steenken, „oder zwei oder drei. So wie alle hier. Wer heute einen Stall für 40.000 Hähnchen bauen will, der sitzt erst mal bei der Landwirtschaftskammer. Die hat beste Kontakte zu den großen Mastgeflügelbetrieben und zu den Banken. Hier ist jeder mit jedem verwandt. Die Bank freut sich, weil jeder Kredit für einen Hähnchenstall mit angeschlossener Biogasanlage von den großen Firmen abgesichert wird. Ein todsicheres Geschäft.“

Die Küken, das Futter, die Abnahme des ausgewachsenen Schlachthähnchens, alles komme von und gehe an die großen Konzerne. Ein geschlossener Kreislauf, in die Landwirte mit Bonuszahlungen gelockt würden, sagt Steenken. Er ist ein kritischer Mann, hat eine Einkaufsgemeinschaft für gentechnikfreie Futtermittel gegründet. Für ihn ist der Kreislauf eine Falle. Wenn etwas schiefgehe, sagt er, wenn der Landwirt den Kredit nicht zurückzahlen könne, dann gehöre der Hof quasi den Konzernen.

Es klingt ein bisschen so, als spräche Steenken über Leibeigenschaft. Vielleicht liegt das daran, dass es das Schlimmste ist, was sich ein Bauer vorstellen kann. Vor allem einer, der so stolz ist wie die Bauern hier in der Gegend. Man kann den Stolz sehen, wenn man durch ihre Dörfer fährt.

Es gibt Eichenalleen, wie man sie andernorts nicht mehr kennt. Die Höfe sind stattlich, sie haben weit ausladende, reetgedeckte Dächer. Zwei-, dreihundert Jahre alte Bäume beschirmen Häuser, die mindestens ebenso alt sind. Man kann sich nicht vorstellen, dass die Bewohner dieser Häuser bereit sind, sich versklaven zu lassen.

Müssen sie auch nicht. Zumindest nicht, wenn man der PHW-Gruppe alias Wiesenhof glauben darf. Die Metamorphose des Landwirts zum Hähnchenzüchter sei zu seinem unternehmerischen Vorteil, erklärt Unternehmenssprecher Frank Schroedter. Derzeit zögen etwa 800 Vertragspartner Tiere für die PHW-Gruppe auf. „Die arbeiten in eigener Regie und Verantwortung.“

Die Investitionen müssten die Bauern aus eigenen Mitteln tätigen. Und gebürgt habe Wiesenhof noch für keinen Landwirt, sagt Schroedter. In der Vergangenheit habe die zur PHW-Gruppe zählende Brüterei „Weser Ems“ in Hochzinsphasen Zinszuschüsse mit den Vertragspartnern vereinbart. „Aber nur in absoluten Ausnahmefällen und für einen begrenzten Zeitraum.“ Boni für die Bauern würden auch nicht gezahlt, es sei denn ein Treuebonus an langjährige Vertragspartner. Die Firmen Rothkötter und Stolle wollen sich zum Thema nicht äußern.

Angeblich Einzelfälle

Wiesenhof weiß um die Gefahr, die von einem schlechten Image ausgehen kann. Die Verbraucher sind empfindlich. Vogelgrippe, Schweinepest, Rinderwahn, Tierquälerei. Bei jeder Krankheit, jedem Skandal geht der Fleischkonsum zurück. Auch die großen Hühnerzüchter sind immer wieder mit unappetitlichen Fällen konfrontiert. Mal finden Kontrolleure mit Keimen belastetes Hühnchenfleisch, mal geht es um Antibiotikamissbrauch in der Aufzucht.

Die Industrie tut die Vorkommnisse als Einzelfälle ab. Doch was ist, wenn der Verbraucher das irgendwann nicht mehr glaubt? Wenn nicht mehr nur gesundheitsbewusste Großstädter zu Vegetariern mutieren? Es geht darum, Vertrauen zu schaffen. Proteste ausgebeuteter Bauern sind das Letzte, was man da brauchen kann.

Und so erläutert Wiesenhof gerne das eigene Geschäftsmodell. Das Prinzip „Alles aus einer Hand“ sei der Garant für die Erzeugung von hochwertigem Geflügelfleisch, betont der Unternehmenssprecher. Eigene Elterntiere, eigene Brütereien und eigene Futtermühlen belieferten die Vertragslandwirte. Die zögen die Tiere „nach den strengen Wiesenhof-Richtlinien“ auf, bevor sie in eigenen Schlachtereien und eigenen Verarbeitungsbetrieben zum Hähnchenschnitzel würden. Nur so könne man ein Höchstmaß an Lebensmittelsicherheit und Hygiene garantieren.

In der Tat sind die Bauern im Landkreis mit dem Prinzip „Alles aus einer Hand“ mehrheitlich einverstanden. „Übereifrige Tierschützer und ahnungslose Medien rücken die moderne Landwirtschaft in ein völlig falsches Licht“ , klagte etwa die Delegiertenversammlung des Kreis-Landvolkverbandes in Oldenburg im März 2012. Und der Kreislandwirt und Verbandsvorsitzende Jürgen Seeger erklärte in der Lokalzeitung, dass viel Angst geschürt werde.

Die Debatte um antibiotikaresistente Hähnchen habe den Landwirten extrem geschadet – ebenso wie falsche Berichte über Massentierhaltung. Die Folgen, erläuterte Seeger, zeigten sich bei der jüngeren Generation. „Da gibt es Planungsunsicherheit in Bezug auf Stallbauten und Flächenbewirtschaftung.“ So könne es nicht weiter gehen.

„Ausufernde Bürokratie“

Ein anderer Grund für die Sorge der Landwirte ist, dass die Betreiber von Tiermastställen und Biogasanlagen im Landkreis Oldenburg seit zwei Jahren Brandschutzgutachten und Expertisen zur Gesundheitsbelastung für die Atemluft vorlegen müssen, bevor sie zur Tat schreiten und einen neuen Stall bauen können. Aus Sicht des Kreislandvolksverbandes Oldenburg sind die Vorschriften nichts als „ausufernde Bürokratie und Behinderung“.

Die Bauern haben gute Gründe für ihre Position. Die haben aber wohl weniger mit hehren Idealen wie Selbstständigkeit und Verbraucherschutz zu tun. Mit Stand vom März 2012 sind 31 neue Geflügelställe für 1,2 Millionen Masthähnchen, für 95 410 Mastputen und für 323.223 Legehennen beantragt. Viele Hähnchen bedeuten viele Arbeitsplätze, bedeuten viel Geld. Da bleibt kein Platz für jene, die die freundliche Position gegenüber der Industrie nicht teilen.

Doch kritisch darf man durchaus sein. Schließlich haben die zuständigen Behörden inzwischen selbst ein Problem mit den Genehmigungsverfahren. Niemand weiß zum Beispiel, wo die zulässige Obergrenze für Emissionen aus der Stallabluft liegt oder wie viel organischen Dreck aus den Gärresten der Biogasanlagen der Boden und das Grundwasser vertragen.

Dringender Klärungsbedarf

Es herrsche dringender Klärungsbedarf, sagt Landrat Frank Eger. Notfalls müsse man mit der Landwirtschaft im Landkreis ein Musterverfahren bis hin zum Bundesverwaltungsgericht führen. Beim Bau neuer Biogasanlagen etwa sei im Landkreis trotz 90 geplanter oder bereits arbeitender Anlagen noch immer kein Ende in Sicht, klagt Eger. „Das verträgt unser Landkreis nicht mehr.“

Für Ernst Steenken ist die Grenze längst überschritten. „Wir machen uns unser Land kaputt.“ Aber es helfe nichts, Bauern seien verbohrt. Der Sohn eines Bekannten sei so einer, sagt Steenken, der baue gerade zwei Ställe. „Ob er eigentlich für sein Leben gern Hähnchen füttere, habe ich ihn gefragt. Da guckt der mich an und sagt: Wie meinst du das? Und ich sage: Wenn du unbedingt den Rest deines Lebens Hähnchen füttern willst, dann bewirb dich doch gleich bei deinem Kükenlieferanten. Dann kriegst du noch ein Auto dazu und kannst zehn Hähnchenställe bauen. Und was antwortete der andere darauf? Du bist doch total durchgeknallt.“