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Berliner Zeitung | Schattenwirtschaft: Schwarzarbeit in Deutschland auf absteigendem Ast
02. February 2016
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Schattenwirtschaft: Schwarzarbeit in Deutschland auf absteigendem Ast

Die Schwarzarbeit in Deutschland geht zurück.

Die Schwarzarbeit in Deutschland geht zurück.

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dpa

Vom Niveau anderer Länder ist Deutschland weit entfernt. Im Vergleich der OECD, dem internationalen Club  überwiegend wohlhabender Nationen, rangiert es in der zweiten Klasse, während Griechenland und Italien deutlich vorne liegen. Und die Bundesrepublik muss in diesem Jahr mit einem weiteren Schrumpfprozess rechnen. Was hier Friedrich Schneider von der Universität Linz und das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung in Tübingen prognostizieren, muss aber keinen Wirtschaftspolitiker beunruhigen. Im Gegenteil ist dieses Minus ein Zeugnis von wirtschaftspolitischen Erfolgen. 

Konjunktur begünstigt Rückgang

Schneider und seine Kollegen sagen für 2016 einen Rückgang der Umsätze in der Schattenwirtschaft um drei Prozent auf 336 Milliarden Euro voraus. Dadurch sinkt der Anteil der Schattenwirtschaft an den offiziellen Tätigkeiten auf 10,8 Prozent und damit auf ein Rekordtief. Nur noch etwa jeden neunten Euro hierzulande erwirtschaften Schwarzarbeiter, illegal beschäftigte Leiharbeiter oder kriminelle Organisationen mit Diebesgut,  Drogen und verbotenen Glücksspielen. Als es der Bundesrepublik vor gut zehn Jahren deutlich schlechter ging und die Arbeitslosenzahl auf über fünf Millionen kletterte, erreichte die Schattenwirtschaft noch ganz andere Werte. Jeder sechste  Euro floss 2003 durch dunkle Kanäle.

Damit ist der wichtigste Akteur im Kampf gegen Schattenwirtschaft benannt: die Konjunktur. Wenn die Wirtschaft läuft, verdienen die Beschäftigten mehr. Ihr Stundenlohn steigt und Überstunden sind nicht nur möglich, sondern lohnen sich auch stärker. Und weniger Menschen sind arbeitslos und müssen auf Schwarzarbeit ausweichen, weil sie in der offiziellen Volkswirtschaft keine bezahlte Tätigkeit finden. Eine Rolle spielen auch die Hartz-Reformen, die bei Minijobs die Steuern- und Abgabenlast spürbar senkten.  Dennoch verzichten nach Schätzungen von Schneider noch immer 90 Prozent der Deutschen, die eine Putzfrau beschäftigen, auf eine Rechnung. Auch Handwerker, Landwirte und Gastronomen  lieben aus leicht erkennbaren Gründen Bares.

Schätzungen werden angezweifelt

Die Schätzungen von Schneider und den Tübinger Wissenschaftler sind umstritten. Regierungen, die OECD und andere internationale Organisationen zweifeln sie regelmäßig an. Es liegt in der Natur der Sache, dass  sich die Aktivitäten kaum exakt erfassen lassen, spielen sie sich doch im Dunklen und Verborgenen ab. Schneider und seine Mitstreiter leiten ihre Schätzungen indirekt ab, etwa vom Bargeldumlauf, von Umfragen oder auch der Steuerhöhe.  Sie berufen sich  darauf, dass ihre Methoden  dem internationalen Standard in der Wissenschaft entsprächen.  Belastbar dürfte vor allem die Aussage sein, dass die Tendenz in Deutschland in die richtige Richtung weist, also nach unten. Zwar steigen die Anreize zur Schwarzarbeit, weil gesetzlich Versicherte höhere Zusatzbeiträge abführen müssen. Doch das wird von der guten Wirtschaftslage mehr als kompensiert.

Auch vom Flüchtlingszustrom erwarten die Fachleute keine grundlegende Änderung. Zwar ist es besonders attraktiv, sich Geld schwarz zu verdienen, wenn man offiziell nicht arbeiten darf oder die mit gebrachten Qualifikationen hier wenig wert sind. Trotzdem rechnen Schneider und das Tübinger Institut mit einer zusätzlichen Schattenwirtschaft durch Flüchtlinge von nur knapp 1,5 Milliarden Euro in diesem Jahr. Dies ist weniger als der für 2016 insgesamt erwartete Rückgang.