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Schlechte Sozial-Leistungen: Deutsche Arbeitslose mit höchstem Armutsrisiko

Wer in Deutschland auf Hartz IV angewiesen ist, gilt nach EU-Definition bereits als armutsgefährdet.

Wer in Deutschland auf Hartz IV angewiesen ist, gilt nach EU-Definition bereits als armutsgefährdet.

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dpa

Berlin -

Sozialforscher haben die Bundesregierung aufgefordert, arbeitslose Menschen besser vor Armut zu schützen. In der Bundesrepublik seien 69 Prozent der Erwerbslosen armutsgefährdet, im EU-Durchschnitt liege der Anteil mit rund 47 Prozent deutlich niedriger, betont Gerhard Bäcker, Wissenschaftler am Institut Arbeit und Qualifikation der Uni Duisburg-Essen. Er bezieht sich auf aktuelle Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat für 2013.

Schnell auf Hartz-IV-Niveau

Den Hauptgrund für das hohe Armutsrisiko in Deutschland: Hierzulande sind mittlerweile die meisten Arbeitslosen auf Hartz IV angewiesen. Diese Leistungen sind so niedrig, dass die Menschen nach der EU-Definition armutsgefährdet sind. So erhalten alleinstehende Hartz-IV-Empfänger im Durchschnitt 690 Euro im Monat, erläutert Bäcker. Damit liegen sie deutlich unter der Armutsschwelle von rund 980 Euro. Dieser Betrag entspricht 60 Prozent des nationalen mittleren Einkommens, wer weniger zur Verfügung hat, ist laut EU armutsgefährdet.

Aber warum ist in allen anderen EU-Staaten das Armutsrisiko von Erwerbslosen geringer als in Deutschland? Forscher bieten dafür mehrere Erklärungen: Erstens erhalten Jobsuchende in anderen Ländern länger Arbeitslosengeld. Ein 40-Jähriger, der ununterbrochen beschäftigt war und dann seine Stelle verliert, erhält in Deutschland ein Jahr lang Arbeitslosengeld 1. In Ländern wie Spanien, Portugal, Dänemark oder Belgien sei die Bezugsdauer deutlich länger, erläutert Eric Seils von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, der seit Jahren die europäischen Sozialstaaten erforscht. Die längere Bezugsdauer sei oft verbunden mit der Förderung von Jobsuchenden, etwa durch Weiterbildung.

Zweitens: In Ländern wie Griechenland oder Italien leben viele jüngere Menschen noch bei den Eltern, oder ziehen wieder dorthin, wenn sie ihren Job verloren haben, erläutert Bäcker. Wenn die Eltern genug verdienen, gelten auch die Kinder nicht als arm, selbst wenn sie gar kein Geld erhalten. Denn in der EU-Statistik zur finanziellen Situation der Menschen wird das gesamte Haushaltseinkommen betrachtet.

Drittens: In Ländern wie Großbritannien gibt es relativ wenige Langzeitarbeitslose, die oft finanziell besonders schlecht dastehen. Auf der Insel ist ungefähr jeder dritte Erwerbslose länger als ein Jahr auf Stellensuche, im EU-Durchschnitt ist es jeder Zweite. Deutschland schneidet hier mäßig ab. Hierzulande ist der Anteil der Langzeitarbeitslosen unter den Jobsuchenden laut Eurostat etwas geringer als im EU-Durchschnitt.

Jobsuchende müssen stärker unterstützt werden

Den Gesellschaften gelingt es also mit unterschiedlichen Mitteln, die meisten Arbeitslosen vor dem finanziellen Absturz zu schützen. In Deutschland ist hingegen seit mehreren Jahren die Armutsquote unter Jobsuchenden mit Abstand am höchsten. Daran hat auch die relativ gute wirtschaftliche Entwicklung nichts geändert. Der Wissenschaftler Bäcker macht dafür insbesondere die Hartz-Reformen der rot-grünen Bundesregierung verantwortlich, mit denen die Leistungen für Arbeitslose vor rund zehn Jahren stark gekürzt wurden.

Künftig sollten Menschen, die ihren Job verloren haben, wieder stärker unterstützt werden, fordern die Sozialforscher Bäcker und Seils. Bäcker plädiert dafür, die Hürden für den Bezug von Arbeitslosengeld zu senken. Die erforderliche Beschäftigungsdauer sollte verringert werden, damit mehr junge Menschen die Versicherungsleistung erhalten. Seils schlägt vor, dass Arbeitslose mindestens 80 statt 52 Wochen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben.

Diese Regelung gelte beispielsweise in der Schweiz und sei nicht übermäßig generös. Die Gefahr, dass sich Menschen in der Arbeitslosigkeit einrichten, sei gering. In der Schweiz liegt die Arbeitslosenquote bei drei Prozent.