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Berliner Zeitung | Silicon-Valley-Kritiker Evgeny Morozov im Interview: „Privatheit wird zu einer Ware“
05. January 2015
http://www.berliner-zeitung.de/3349212
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Silicon-Valley-Kritiker Evgeny Morozov im Interview: „Privatheit wird zu einer Ware“

Sichere Rückzugsräume sind teuer.

Sichere Rückzugsräume sind teuer.

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Getty Images/iStockphoto

Der Fahrtenvermittler Uber ist inzwischen mehr als 40 Milliarden Dollar wert. Für nationale Gesetze interessiert er sich nicht besonders. Für den weißrussischen Publizisten Evgeny Morozov, der zu den profiliertesten Kritikern des Silicon Valley gehört, ist das kein Zufall. Nach seiner Einschätzung versuchen Uber und andere Firmen der sogenannten Sharing Economy wie Airbnb, ein neues wirtschaftliches Modell durchzusetzen, bei dem Marktkräfte die Gesetze ersetzen.

Herr Morozov, Unternehmen wie Uber und Airbnb kommen immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Woran liegt das?

Firmen wie Uber wollen das alte Regulierungsmodell überwinden, bei dem es Gesetzte gibt, die regeln, was Firmen dürfen und was nicht. Sie streben stattdessen ein Modell an, das allein auf das Feedback der Marktkräfte setzt.

Uber-Fahrer und -Passagiere sind dazu angehalten, sich unaufhörlich gegenseitig zu bewerten. Das gleiche gilt für Gäste und Gastgeber bei dem Apartment-Vermittler Airbnb.

Genau. Verhält sich ein Uber-Fahrer falsch, bekommt er eine schlechte Bewertung des Passagiers. Für Uber und Co sind andere Formen der präventiven staatlichen Regulierung unnötig, etwa bestimmte Lizenzen. Gesetze werden durch den Markt ersetzt. In diesem Sinne verkörpern Uber und andere Firmen perfekt die neoliberale Logik. Sie sind die Avantgarde, wenn es darum geht, die Konsumenten davon zu überzeugen, dass es vorteilhaft ist, den neoliberalen Ansatz komplett zu übernehmen. Dies soll beispielsweise billigere Fahrten als im Taxi ermöglichen. Das hat gravierende Auswirkungen nicht nur für die Uber-Fahrer, sondern auch für die Passagiere.

Angebliche Transparenz

Uber und andere Firmen argumentieren, dass die Bewertungsmechanismen sehr effektiv sind. Wo sehen Sie die Gefahren?

Einige Uber-Fahrer fahren 18 Stunden pro Tag, um halbwegs über die Runden zu kommen. Ich möchte nicht der Passagier von einem Fahrer sein, der bereits 17 Stunden gefahren ist. Ich weiß nicht, warum es für Passagiere vorteilhaft sein soll, wenn sie ihrem Fahrer einen Stern statt fünf geben können, wenn er übermüdet in eine Wand kracht. Übrigens zeigt Uber in der App nicht an, wie lange der Fahrer schon fährt. So viel zu der angeblichen Transparenz der Plattformen.

Soziale Netzwerke wie Facebook übernehmen für Plattformen wie Uber und Airbnb die Funktion, die Glaubwürdigkeit einer Person zu bestimmen. Wer bei Airbnb ein Zimmer einstellen will, ist angehalten, sein Facebook-Konto mit der Plattform zu verknüpfen.

Facebook und andere soziale Netzwerke sind ein essenzieller Stützpfeiler der Sharing Economy. Die Nutzer sollen immer mehr über sich preisgeben, um die Dienste nutzen zu können. Die Logik ist dieselbe wie bei der Beurteilung der Kreditwürdigkeit. Der Unterschied ist, dass im Falle des Banksystems zahlreiche Schutzvorrichtungen eingebaut wurden, um sicherzustellen, dass gewisse Domänen unseres Lebens dem Zugriffe der Banken und Kreditinstitute entzogen sind. Sie dürfen nicht bespitzeln, was ich unter der Dusche singe und dieses Wissen auch nicht für ihre Entscheidung nutzen, ob ich einen Kredit bekomme oder nicht. Bei der Sharing Economy sind dagegen die meisten dieser Sicherheiten verschwunden. Das liegt unter anderem daran, dass sie sich auf Mittelsmänner wie Facebook verlassen bei der Frage, wer wir sind. Und Facebook hat natürlich keine Grenzen, wenn es darum geht, welche Daten über uns in die Profilbildung einbezogen werden.

"Privatheit muss keineswegs sterben"

Es gab bereits Berichte über Personen, die nur wenige Facebook-Freunde hatten. Deswegen konnten sie zunächst kein Zimmer über Airbnb buchen. Indem die Plattformen auf Facebook und andere soziale Netzwerke wie Linkedin als Reputationsmechanismen setzen, wird es für Personen zunehmend schwierig, dort nichts über sich preiszugeben.

Ich denke, letztlich läuft es darauf hinaus, dass wir nicht nur unsere physischen Dinge teilen. Wir werden alles teilen, was über uns gespeichert wird – selbst kleinste Details unseres Verhaltens. Es wird jemanden geben, der sich dafür interessiert, welche Songs Sie unter der Dusche singen. Früher war es unmöglich, da es weder die Sensoren dafür gab noch die Vernetztheit, um alles aufzuzeichnen. Aber da es nun möglich ist, alles zu erfassen und zu katalogisieren, wird es vielleicht auch einen Shampoo-Hersteller geben, der in Echtzeit diese Informationen kaufen will. In diesem Sinne wird unser gesamtes Leben zu einem gigantischen Marktplatz. Die Marktbeziehungen greifen über auf unser alltägliches Leben. Es kommt zu einer kompletten Finanzialisierung des Alltags, da alles, was Sie nun machen, erfasst und profitabel verkauft werden kann. Die Kräfte des Marktes dringen in die intimsten Lebensbereiche ein.

Das klingt nach dem Ende der Privatheit.

Nicht unbedingt. Die Privatheit muss keineswegs sterben. Das Problem wird eher sein, dass sie zunehmend nur noch für wenige Personen zugänglich ist, die sie sich leisten können. Es werden nur reiche Leute sagen können: Ich kümmere mich nicht um Airbnb und wohne in einem hübschen Hotel und fahre mit einer Limousine herum. Die Privatheit wird zu einer Ware, für die man zahlen muss wie für alles andere auch. Wer reich ist, kann sich Suchmaschinenoptimierung kaufen, vollkommen verschlüsselte Telefone anschaffen oder sich einen Privatsphäre-Assistenten anstellen, dessen Aufgabe es ist, dafür zu sorgen, dass die Person unterhalb des Radars bleibt. Alle anderen werden permanent durchleuchtet werden.

Das Gespräch führte Jonas Rest.

Mehr zum Thema ist am Donnerstag in „Panorama“ mit dem Schwerpunkt Sharing Economy zu sehen. 8. Januar 2015, 21.45 Uhr in der ARD – Das Erste.


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