Deutschland glänzt. Während andernorts die Arbeitslosigkeit steigt, die Wirtschaftsleistung sinkt und die Schuldenlast wächst, besticht Deutschland durch eine starke Industrie, neue Exportrekorde und niedriges Staatsdefizit. Mit dieser ökonomischen Macht im Rücken dominiert die Bundeskanzlerin den europäischen Kontinent: „Angela Merkel entscheidet, Frankreich folgt“, klagt der französische Präsidentschaftskandidat Francois Hollande. Doch sollte die Kanzlerin den Moment genießen. Schon zweifeln die Ratingagenturen Deutschlands Kreditwürdigkeit an. Bald könnte es wieder auf den absteigenden Ast klettern.
Noch vor kurzem galt die deutsche Wirtschaft als der „kranke Mann Europas“, so das britische Magazin Economist. Das Wachstum war schwach, die Arbeitslosigkeit hoch. Bücher wie „Abstieg eines Superstars“ oder „Ist Deutschland noch zu retten?“ avancierten zu Bestsellern. Unternehmen kritisierten den „ausufernden Sozialstaat“ und hohe Arbeitskosten. „Unsere Nachbarn haben alle mehr Jobs“, klagte 2004 Wirtschaftsminister Wolfgang Clement. Die Ratingagenturen spielten mit dem Gedanken, Deutschlands Kreditwürdigkeit die Bestnote „AAA“ abzuerkennen.
Doch es kam anders. Schon 2005 war Deutschland zurück, der Export boomte, und der Economist setzte einen muskelstrotzenden Bundesadler auf die Titelseite. Die Krise 2009 zeigte jedoch, dass auch dies nicht ganz der Wahrheit entsprach. Ökonomen, Politiker und Journalisten laufen gern in eine klassische Prognosefalle: Extrapolation. Dabei wird der aktuelle Zustand in die Zukunft verlängert. Geblendet von der Gegenwart sehen die Prognostiker das Morgen als bloße Fortschreibung des Heute, leiten so Trends ab – und irren sich.
So wurde in den achtziger Jahren angesichts des japanischen Aufschwungs das „pazifische Zeitalter“ ausgerufen. Doch ab 1990 fiel Japan in eine Krise, aus der es sich bis heute nicht befreit hat. Umgekehrt wird regelmäßig der Niedergang der USA vorhergesagt. Doch noch immer ist Amerika die Weltmacht Nummer Eins und sein Dollar das Maß aller Dinge an den Devisenmärkten.
Auch in Deutschland kann man sich also nicht sicher sein, dass alles so gut bleibt, wie es ist. Im Kapitalismus geht es schnell auf und ab. Noch vor wenigen Monaten wurde Deutschland ein „goldenes Jahrzehnt“ vorhergesagt. Inzwischen ist dieses Jahrzehnt schon wieder vorüber: 2012 wird die Wirtschaftsleistung stagnieren. Das deutsche System hat Schwachstellen, die für künftige Krisen gut sind.
Schulden: Der deutsche Staat ist mit 82 Prozent der Wirtschaftsleistung verschuldet und liegt damit ungefähr auf dem Niveau Frankreichs – und steht weit schlechter da als Spanien.
Alterung: Die deutsche Gesellschaft altert rasant. Im Jahr 2060 wird es voraussichtlich weniger Deutsche als Franzosen geben, 44 Prozent der Bundesbürger werden über 65 Jahre alt sein, jenseits des Rheins nur 35 Prozent. „Bis 2060 wird die Zahl der Erwerbspersonen um gut zwölf bis 14 Millionen sinken“, so Bernhard Gräf von der Deutschen Bank. Dies werde das Wachstumspotenzial drücken.
Innovation: Hiesige Firmen scheinen nicht so innovativ zu sein, wie oft behauptet. So findet die Agentur Thomson Reuters unter den 100 weltweit innovativsten Unternehmen 2011 nur vier deutsche. 40 kommen aus den USA, 27 aus Japan und immerhin elf aus Frankreich. Maßstab der Reuters-Untersuchung sind Kriterien wie Anzahl oder globale Nutzung der Patente.
Das High-tech-Magazin Red Herring zählt unter den 100 innovativsten europäischen Unternehmen gerade mal sieben deutsche – aus der Schweiz kommen zehn und aus Frankreich 13 Firmen.
Exportlastigkeit: Die deutsche Konjunktur ist sehr abhängig vom Export und damit von der Konjunktur in anderen Ländern. In den vergangenen zehn Jahren trug der Außenhandelsüberschuss mehr als die Hälfte des Wirtschaftswachstums. Doch weltweit sind die Regierungen auf Sparkurs gegangen. Besonders verschlechtert haben sich die Geschäftsaussichten in den exportabhängigen Branchen: Maschinenbau, Chemie, Auto, Elektro.
Euro: Abhängig ist die deutsche Wirtschaft vor allem von der EU, die 60 Prozent aller deutschen Waren abnimmt. In den Euro-Raum gehen allein 40 Prozent. Asien kommt auf einen Anteil von nur 15 Prozent. Doch hat sich die Euro-Zone – auf deutschen Druck – auf einen strikten Sparkurs festgelegt, der nächstes Jahr in die Rezession führt. Zudem droht die Währungsunion auseinanderzubrechen, mit fatalen Folgen für Deutschland. „Die extremen Unsicherheiten bezüglich der weiteren Entwicklung der Staatsschuldenkrise und der Konjunktur im Euroraum dürften sich besonders negativ auf die Stimmung der deutschen Unternehmen auswirken“, so die Deutsche Bank.
Die Ratingagentur S&P warnt daher: Wegen der ungelösten Euro-Krise und der Gefahr einer Rezession könnte bald auch Deutschlands Kreditwürdigkeit herabgestuft werden. Es droht der Verlust des „AAA“. So wie 2004.

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