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Stellenabbau bei Osram: So ist es um den Industriestandort Berlin bestellt

Qualmende Schornsteine eines Blockheizkraftwerkes in der Nähe des Flughafens Berlin Brandenburg (BER) in Schönefeld.

Qualmende Schornsteine eines Blockheizkraftwerkes in der Nähe des Flughafens Berlin Brandenburg (BER) in Schönefeld.

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picture alliance / dpa

Auf dem Spandauer Nonnendamm wird es an diesem Montag gegen Mittag zu Verkehrsbeeinträchtigungen kommen. Nicht weil die Straße dort aufgerissen wird oder weil Leitungen verlegt werden. Nein, die kurzzeitige Sperrung hat einen anderen Grund: Die Mitarbeiter des Leuchtmittelherstellers Osram gehen auf die Straße – wieder einmal.

Wohl mehrere hundert Beschäftigte werden lautstark gegen den geplanten Stellenabbau und den Kurs des Unternehmens demonstrieren. Denn die Mitarbeiter fürchten eines: Dass der gesamte Berliner Standort von Osram auf der Kippe steht. Rund 300 Arbeitsplätze sollen abgebaut werden, von insgesamt 1290. Dabei sind nach Angaben der IG Metall in den vergangen fünf Jahren schon mehr als 1000 Stellen gestrichen worden.

Knapp 750 Industriebetriebe

Es ist nicht der erste Abwehrkampf, den Beschäftigte von Berliner Industrieunternehmen in diesem Jahr führen, auch in den vergangenen Jahren kam es zu Protestaktionen. Bei Redknee beispielsweise gab es harte Auseinandersetzungen. Das kanadische Unternehmen hatte 2013 Teile des früheren Netzwerkausrüsters Nokia Siemens Network übernommen. Doch statt um Expansion ging es plötzlich um die Streichung von jedem vierten Arbeitsplatz – für die Maximierung der Rendite. In Verhandlungen konnten die Beschäftigten nun wenigstens erreichen, dass die Sparpläne nicht so drastisch ausfallen.

Solche Verhandlungen und Kämpfe um den Erhalt von Arbeitsplätzen gehören zum alltäglichen Geschäft von Klaus Abel, dem Chef der Berliner IG Metall. Nicht immer gelingt es, Unternehmen vor dem Aus zu bewahren. So wie bei Krone, einem Traditionsbetrieb in Berlin-Zehlendorf. Er wird Ende September endgültig geschlossen, womit ein Stück Berliner Industriegeschichte endet. In den besten Zeiten waren bei dem Unternehmen mehr als tausend Mitarbeiter beschäftigt.

Sechs Prozent der Arbeitsplätze

Knapp 750 Industriebetriebe, darunter 320 mit mehr als 50 Beschäftigten, gibt es laut Senatsverwaltung in Berlin. Aktuell arbeiten bei diesen Firmen knapp 116.000 Menschen. Die Industrie stellt damit gut sechs Prozent der Arbeitsplätze in der Hauptstadt. Zu den zehn größten Industriefirmen gehört Osram.

Für den IG-Metall-Chef Abel steht trotz der aktuellen Ereignisse um den Leuchtmittelhersteller fest: „Die Abwehrkämpfe haben abgenommen“. Nach dem großen Aderlass in den 90-er Jahren und zu Beginn des neuen Jahrtausends im verarbeitenden Gewerbe habe die Branche neue Kraft gefunden und entwickle sich deutlich besser.

Abel zählt im Gespräch mit der Berliner Zeitung einige Beispiele für die positive Entwicklung in der Hauptstadt auf: So weitet der amerikanische Konzern General Electric seine Aktivitäten in Berlin kräftig aus. In Marienfelde wird derzeit für zehn Millionen Euro ein globales Trainingszentrum aufgebaut, in dem 120 neue Arbeitsplätze entstehen sollen. Ebenso haben laut Abel die Autokonzerne Daimler und BMW viel in ihre hiesigen Standort investiert – wobei es sich bei BMW in Spandau natürlich um Motorräder dreht. Jedes BMW-Motorrad, das auf dieser Welt unterwegs ist, stammt aus Berliner Produktion. Seit wenigen Monaten wird hier auch der Elektro-Roller hergestellt.

Aufschwung in der Industrie

Das Amt für Statistik stützt Abels positive Einschätzung: Die Auftragslage der großen Berliner Industrieunternehmen habe sich in den ersten sieben Monaten positiv entwickelt, das Auftragsvolumen habe um 2,3 Prozent zugenommen, der Umsatz läge mit 12,7 Milliarden Euro leicht über dem des Vorjahreszeitraums. Gewerkschafter Abel führt den Aufschwung in der Industrie, der allerdings aus einem tiefen Tal erfolgt, auf eine Neustrukturierung der Branche, auf bessere Technologien und Produkte, aber auch auf die Unterstützung durch die Politik zurück.

Er lobt den Steuerungskreis Industriepolitik, der im Frühjahr 2010 gegründet wurde und lange beim Regierenden Bürgermeister angesiedelt war. Politik, Verbände und Gewerkschafter taten sich hier zusammen, um den Industriestandort voranzubringen. Er hofft, dass auch unter einem neuen Regierenden Bürgermeister die Arbeit im Steuerungskreis fortgesetzt werde. Denn von einer starken Industrie profitiere die ganze Stadt, weil viele Aufträge für Dienstleister der verschiedensten Art erteilt würden – was Beschäftigung auch außerhalb der Industrie sichere.

„Wettbewerbsfähigkeit verbessert“

Allerdings spielte die Industrie lange nur eine untergeordnete Rolle bei manchen Politikern, Klaus Wowereit eingeschlossen. Eher waren solche Bereiche wie Mode, Kunst und Medien angesagt. „Das hat sich total geändert“, sagte der Chef der IHK Berlin, Eric Schweitzer, kürzlich der Berliner Zeitung. Es gebe inzwischen „parteiübergreifend das Verständnis, dass wir für den Wohlstand der Stadt auch eine starke Industrie brauchen“.

Seit 2005 ist die Industrie in Berlin wieder im Aufwind – so schätzt es die Investitionsbank Berlin (IBB) ein. „Die Wettbewerbsfähigkeit hat sich deutlich verbessert“, sagt IBB-Chefvolkswirt Hartmut Mertens. Das spiegele sich unter anderem im hohen Export-Anteil im verarbeitenden Gewerbe der Hauptstadt wider. Gemessen am Wert gehen mehr als 50 Prozent der hiesigen Produktion ins Ausland – deutlich mehr als im Bundesdurchschnitt.

Als Beispiele für herausragende Berliner Bereiche und Produkte nennt der IBB-Chefvolkswirt unter anderem die pharmazeutische Industrie, die mit Bayer (ehemals Schering) und Berlin-Chemie stark vertreten ist, den Anlagenbau und die Verkehrstechnik. Und der Technologiekonzern Siemens hat in Berlin immer noch den weltweit größten Produktionsstandort.