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Streit um Sodastream: Scarlett zwischen Soda und Israelboykott

Szene des Werbespots von SodaStream: Scarlett Johansson preist den Sprudeldrink an.

Szene des Werbespots von SodaStream: Scarlett Johansson preist den Sprudeldrink an.

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AP/dpa

MISCHOR ADUMIM -

Werbeclips im Internet gelten gemeinhin als lästige Plage. Eine der erfolgreichsten Ausnahmen aller Zeiten dürfte der 33-Sekunden-Spot sein, in dem die blonde Scarlett Johansson mit ihrem Sex-Appeal für SodaStream wirbt, einen israelischen Trinkwassersprudler. Über zehn Millionen Mal wurde er bereits angeklickt. Das enorme Publikumsinteresse hat weniger damit zu tun, dass man die amerikanische Schauspielerin, die sich erst im Bademantel und dann im dekolletierten kleinfeinen „Schwarzen“ zeigt, so noch nie gesehen hätte.

Auf YouTube ist der Clip ein Hit, weil Scarlett Johansson darin beim Anpreisen des selbst gemischten Softdrinks auch jene dreieinhalb Wörter haucht, die in der Werbepause beim „Super Bowl“ vom US-Sender Fox aus Wettbewerbsgründen weggeschnitten wurden – „sorry, Coke and Pepsi“.

Boykott gefährde Jobs

Den ganzen Wirbel um Johanssons Werbevertrag mit SodaStream entfacht hat aber eine politische Kontroverse. Denn die Geräte, mit deren Hilfe man Leitungswasser daheim mit Kohlensäure versetzen und je nach Vorliebe mit Geschmackskapseln in Cola oder Fruchtbrause verwandeln kann, werden in Mischor Adumim produziert, einer Industriezone in den besetzten Teilen des Westjordanlandes, zwanzig Autominuten östlich von Jerusalem. Solche Siedlungsprodukte sind heiß umstritten.

Die palästinensische Autonomieführung, aber auch linke israelische Friedensgruppen und diverse internationale Nichtregierungsorganisationen rufen seit langem zu ihrem Boykott auf. Oxfam sah denn auch keine Basis mehr für eine Zusammenarbeit mit Johannson, die für das Hilfswerk acht Jahre als „globale Botschafterin“ tätig war. Der aus New York stammende Hollywood-Star hatte auf vielfache Proteste hin entgegnet, die Fabrik in Mischor Adumim sei doch „eine Friedensbrücke zwischen Israel und Palästinensern“. Oxfam hingegen blieb dabei, solche Unternehmen missachteten die Rechte von palästinensischen Gemeinden, „die wir unterstützen“. So hatte man sich zum gegenseitigen Bedauern vorige Woche getrennt.

Der Streit, welche Ansicht der Wahrheit näher kommt, geht indes weiter. Daniel Birnbaum, Generaldirektor von SodaStream, jedenfalls versucht recht clever, die Negativkampagne für eigene PR-Zwecke zu nutzen. Die Arbeiter spannt er dabei gerne mit ein. Unter den 1 300 Beschäftigten in den drei Fertigungshallen in Mischor Adumim seien immerhin rund 500 Palästinenser. „Wer zum Boykott aufruft “, so Birnbaum, „gefährdet ihren Job.“

Gute Bezahlung

Tatsächlich sind die Arbeitsplätze bei SodaStream begehrt. Bei einer Fünf-Tage-Woche mit Zwölf-Stunden-Schichten in der Montage kann ein Arbeiter um die 1 000 Euro monatlich nach Hause bringen. Der durchschnittliche Stundenlohn liegt sogar einen Schekel (etwa 20 Cent) über dem israelischen Mindestlohn. „Das ist gutes Geld“, meint Abu Salah-Edin, ein 30-jähriger Familienvater aus Hisma. „Wir müssen leben.“ Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas habe keine Jobs zu bieten. In den Autonomiegebieten komme man „allenfalls auf ein Drittel von dem, was wir hier verdienen“. Dennoch bekennen manche Kollegen offen, sie würden lieber auf palästinensischer Seite arbeiten, wenn es die Alternative gäbe. Politisch habe er nichts gegen den Boykott, sagt Jaber, der am Band Kapseln auf die Druckflaschen schraubt. „Wir Palästinenser hoffen doch auf einen eigenen Staat.“

Persönlich sei auch er für eine Zwei-Staaten-Lösung, betont Birnbaum. Nur sehe er „überhaupt kein Problem mit dem Standort von SodaStream“. Eine Produktionsstätte in China zu unterhalten, bedeute ja auch nicht, „dass wir China besetzen“. Ein Vergleich, der hinkt. Ausländische Investoren müssen sich an die Gesetze im Gastgeberland halten. Eine Fabrik in den sogenannten C-Zonen, die sechzig Prozent der Westbank ausmachen und ausschließlich von Israel kontrolliert werden, widerspricht zumindest internationalem Recht. Je unnachgiebiger Israels Regierung unter Benjamin Netanjahu auf den Siedlungsausbau setzt, umso mehr nimmt die Kampagne der Kritiker Fahrt auf.

Selbst ein Teilboykott seitens Europa könnte Israel 20 Milliarden Schekel (über vier Milliarden Euro) kosten, fürchtet Wirtschaftsminister Jair Lapid. Nicht nur reine Siedlererzeugnisse aus den siebzig Fabriken, die in mehreren Industriezonen im Westjordanland produzieren, wären betroffen. Im Exportgeschäft schlagen sie zwar nur minimal zu Buche. Aber die aggressive BDS-Kampagne – also boycott, divestment (Verkauf), sanctions – ) richtet sich auch gegen jene Vielzahl von Unternehmen im israelischen Kernland, die in der Westbank Ableger besitzen. So zog der holländische Rentenfonds Investitionen aus fünf israelischen Banken ab. Die dänische Danske-Bank wiederum setzte das israelische Geldinstitut Hapoalim und Africa Israel auf die schwarze Liste. Sollte der Friedensprozess scheitern, werde sich das noch intensivieren, hat US-Außenminister John Kerry gewarnt.

Ungeniert wird auch Scarlett Johannson in die ideologischen Grabenkämpfe hineingezogen. Nicht nur das rechtskonservative Israel Project setzte ihr Bild mit der Unterzeile „Danke Scarlett“ vor blau-weißem Hintergrund ins Internet. Auch BDS-Akteure bedienten sich ihrer als Postergirl, das lächelnd angesichts palästinensischen Elends an einer Sodaflasche nuckelt.



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