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Studie zum Wohnungsmangel: Deutschland muss bauen, bauen, bauen

Berlin ^und viele andere Großstädte brauchen dringend bezahlbaren Wohnraum.

Berlin ^und viele andere Großstädte brauchen dringend bezahlbaren Wohnraum.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter

Bereits jetzt ist es in vielen deutschen Ballungsräumen und Uni-Städten ausgesprochen schwierig, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Doch angesichts der starken Zuwanderung und des Zustroms von Flüchtlingen wird sich die Lage in den kommenden Jahren nach Einschätzung von Fachleuten noch einmal dramatisch verschärfen.

Bundesweit fehlten inzwischen mindestens 770.000 Wohnungen, heißt es in einer Studie des auf Stadtentwicklung spezialisierten Pestel-Instituts, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Das tatsächliche Defizit dürfte sogar noch höher liegen, da in den vergangenen Jahren auch in Regionen ohne Wohnungsmangel neue Wohnungen entstanden sind.

Um den Bedarf zu decken, müssten bundesweit bis 2020 pro Jahr rund 400.000 Wohnungen neu gebaut werden, sagte Institutsleiter Matthias Günther. Tatsächlich würden derzeit aber weit weniger Einheiten fertiggestellt, in diesem Jahr dürfte sich die Zahl auf etwa 260.000 belaufen.

Die Zahl der Baugenehmigungen stagniere. „Offensichtlich ist das, was wirtschaftlich gebaut werden kann, bereits ausgereizt“, sagte Günther. Viele Investoren bauen teure Eigentums- oder Mietobjekte für wohlhabende Kunden. Der Bau von Wohnungen für Haushalte mit mittleren oder geringen Einkommen hingegen lohnt sich häufig nicht.

Starker Zuzug aus dem EU-Ausland

Eine Ursache für den steigenden Druck am Wohnungsmarkt ist der starke Zuzug von Arbeitnehmern aus dem europäischen Ausland. Die Flüchtlingszahlen verschärfen die Lage noch einmal deutlich: In ihrer Studie gehen die Fachleute für dieses Jahr von einer Netto-Zuwanderung von einer Million Menschen aus. Sie rechnen mit 300.000 Zuzüglern aus den andere EU-Staaten und 700.000 Asylbewerbern. Im Lichte der gegenwärtigen Entwicklungen scheint das allerdings eher eine konservative Annahme zu sein.

Die Studie des Pestel-Instituts entstand im Auftrag des Verbändebündnisses Sozialer Wohnungsbau. Ihm gehören diverse Verbände aus der Bauwirtschaft, die Gewerkschaft IG Bauen-Agrar-Umwelt und der Deutsche Mieterbund an.

Pestel-Chef Günther und die Bündnis-Teilnehmer forderten am Dienstag die Politik auf, aktiv gegen den Wohnungsnotstand anzukämpfen. Notwendig sei vor allem ein Neustart des geförderten Wohnungsbaus: Von den 400.000 Einheiten, die jedes Jahr entstehen müssten, sollten 80.000 preisgebundene Sozialwohnungen sein.

Mieterbund-Direktor Lukas Siebenkotten sagte, in der Vergangenheit habe es in Deutschland 3,5 Millionen Sozialwohnungen gegeben. Weil die Wohnungen aus der Mietpreisbindung herausfallen und keine neuen hinzukommen, sei die Zahl kontinuierlich auf nur noch rund 1,5 Millionen gesunken. „Da muss kräftig gegengesteuert werden“, verlangte Siebenkotten.

Befreiung von der Grunderwerbsteuer

Das Verbändebündnis sieht den Staat aber auch an anderer Stelle in der Pflicht: Um den Bau bezahlbarer Wohnungen anzukurbeln, müsse über Steueranreize und eine Lockerung der Bauvorschriften nachgedacht werden.

Im Gespräch sind die Befreiung geförderter Wohnungen von der Grunderwerbsteuer und eine Aussetzung der Grundsteuer über die Bindungsfrist von Sozialwohnungen. Doch Länder und Kommunen sind auf die Einnahmen angewiesen. Ein Aussetzen der Auflagen zur Energie-Effizienz wiederum steht im Widerspruch zum Ziel der Bundesregierung, den Kohlendioxid-Ausstoß zu drücken.

Seit geraumer Zeit fordern die Verbände bereits verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten für Neubauten: Pro Jahr sollen drei Prozent (bisher zwei) der Herstellungskosten steuerlich geltend gemacht werden können. Das Pestel-Institut schlägt vor, zusätzlich eine Sonder-Abschreibung von einem weiteren Prozentpunkt für den Bau bezahlbarer Wohnungen in Gegenden mit besonders angespanntem Wohnungsmarkt zu ermöglichen. Mit einem derartigen Instrument hatte der Staat nach der deutschen Einheit bereits die Wohnraumsanierung im Osten angekurbelt.