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Techniker Krankenkassen-Chef Jens Baas: „Transparenz will in Wirklichkeit niemand“

Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse

Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse

Foto:

Pablo Castagnola

Auch die Techniker Krankenkasse wird ab Januar von ihren Mitgliedern Zusatzbeiträge verlangen. Daraus macht Vorstandschef Jens Baas keinen Hehl. Immerhin verspricht er einen unterdurchschnittlichen Aufschlag. Baas verdient mehr als die Bundeskanzlerin, was er aber in Ordnung findet.

Herr Baas, wer wissen will, wie viel Sie verdienen, muss nur in den Bundesanzeiger schauen. 2013 waren es exakt 288 847 Euro und 22 Cent. Damit sind sie der bestbezahlte Kassenchef und verdienen mehr als die Kanzlerin. Wie fühlt es sich an, wenn jeder weiß, was man verdient?

Ich kann damit leben, sonst hätte ich den Job bei der TK nicht übernommen. Aber es bleibt dennoch ein merkwürdiges Gefühl. Sicher, für viele Menschen ist das einfach unfassbar viel Geld. Aber es ist schon problematisch, wenn meine Tochter in der Schule auf das Gehalt ihres Vaters angesprochen wird oder ich im Internet in anonymen Foren als Schmarotzer beschimpft werde.

Und was sagen Ihre früheren Kollegen von der Unternehmensberatung Boston Consulting?

Die haben eine andere Perspektive. Sie glauben den Betrag einfach nicht, schließlich wird in der Wirtschaft auf derartigen Positionen üblicherweise mehr gezahlt. „Sag schon, was verdienst Du denn nun wirklich“, ist dann immer die Frage, übrigens auch von Ärzten. Ich kann aber immer nur sagen: Das ist es. Keine Boni, keine versteckten Sonderzahlungen.

Halten Sie Ihr Gehalt für angemessen?

Ich denke, ich werde adäquat bezahlt. Die TK ist so groß wie die 48 privaten Krankenversicherungen zusammen. Die durchschnittlichen Gehälter dieser mehr als 100 Vorstände dürften deutlich höher liegen.

Warum sind Sie von der freien Wirtschaft in die komplett durchregulierte gesetzliche Krankenversicherung gewechselt?

Weil ich glaube, dass gerade die Krankenversicherung mehr Unternehmertum und mehr Elemente der freien Wirtschaft braucht. Und ein zweiter Grund: Wir sind mit unseren 13.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 26 Milliarden Euro vergleichbar mit einem Dax-Unternehmen. Die Chance, so ein großes Unternehmen zu leiten, bietet sich nicht so oft im Leben. Mich reizt die Aufgabe. Ich bin wirklich kein Sozialromantiker, aber es macht schon einen Unterschied, ob es im Job um irgendein Konsumgut geht oder um etwas wirklich Relevantes wie Gesundheit.

Kann man eine gesetzliche Krankenkasse führen wie ein privates Unternehmen?

Das muss man sogar. Natürlich geht es nicht um Gewinne. Aber gerade bei einer Krankenkasse, die mit den Beiträgen der Mitglieder und deren Arbeitgebern arbeitet, muss es doch um höchste Effizienz gehen. Alle Überschüsse kommen am Ende schließlich den Kunden zu Gute.

Aber Ihr Handlungsspielraum ist begrenzt. Wer krank ist, muss zum Arzt. Das lässt sich nicht steuern wie die Nachfrage nach einem Fernseher.

Sie unterschätzen unsere Möglichkeiten. Wie funktioniert die Verwaltung, wie wird das Anliegen eines Kunden bearbeitet, wie wird er durch das Gesundheitssystem gelotst? Unsere guten Zahlen zeigen, dass wir das offenbar besser machen als andere.

Haben Sie sich schon mal geärgert, weil Sie früher Kassen beraten haben, die heute Konkurrenten sind?

Tja, das Schlimme ist, dass diese Wettbewerber heute sehr gut dastehen. Aber im Ernst: Das ist Berufsrisiko. Zu meinen Kunden gehörten auch Pharmafirmen und Kliniken. Die Tricks dieser Branchen zu kennen, ist als Kassenchef nicht ganz unwichtig.

Als Vorstand laden Sie seit einiger Zeit Ihre Mitarbeiter zum Pizza-Essen ein. Wie kam es dazu?

Ich will wissen, was an der Basis los ist. Jeder Mitarbeiter kann sich bei mir für das Pizzatreffen anmelden. Jeweils acht lade ich in mein Büro ein. Dann reden wir über die Problem, die die Leute bewegen. Das Interesse ist so groß, dass wir mittlerweile losen müssen.

Und warum Pizza?

Man trifft nicht jeden Tag den Vorstandschef. Da sind viele gehemmt und unsicher. Pizza aus Pappschachteln vom Lieferservice lockert das Ganze ungemein auf.

Was lernen Sie dabei?

Wir in der Chefetage haben uns gerade eine großartige Strategie ausgedacht, um den Service für die Kunden zu verbessern. Die Mitarbeiter glaubten aber, es gehe in Wirklichkeit um den Abbau von Personal. Das war mir vorher so nicht klar. Aber dann konnte ich meine Leute beruhigen.

Ganz abwegig sind die Sorgen ja nicht. Für die Kassen ist die Zeit der Überschüsse vorbei. Es geht vor allem um die Frage, wie hoch der Zusatzbeitrag ab Januar sein wird. Was wir die TK verlangen?

Das ist derzeit noch schwer abzuschätzen. Aber so viel ist sicher: Wir werden unter dem Durchschnitt liegen. Klar ist aber auch, dass er nicht Null sein wird. Wir werden nicht unsere Rücklagen aufbrauchen, nur um mit aller Macht neue Mitglieder zu gewinnen.

Wo hoch wird der Zusatzbeitrag im Schnitt sein?

Wegen der günstigen Konjunkturlage wird er voraussichtlich bei 0,8 Prozent liegen. Für die Mehrheit der Mitglieder wird es also günstiger als heute, denn unterm Strich würde der Beitragssatz damit leicht von 15,5 auf 15,4 Prozent sinken.

Die Kassen laufen Sturm gegen die Regelung, wonach eine Kasse, die einen Zusatzbeitrag über dem Durchschnitt erheben will, per Brief auf die günstigere Konkurrenz hinweisen muss. Das muss Sie also nicht interessieren, oder doch?

Das ist eine absurde und auch gefährliche Regelung. Jede Kasse wird nun bestrebt sein, möglichst unter dem Durchschnitt zu bleiben, auch wenn es sie sich gar nicht leisten kann. Ein ähnliches Problem hatten wir schon einmal. Damals ging es um die Frage, ob eine Kasse einen Zusatzbeitrag in Euro und Cent erhebt. Die Kassen, die das taten, wurden von den Versicherten scharenweise verlassen. Daher versuchte jede Kasse, einen Zusatzbeitrag zu verhindern. Die Folge war eine enorme Schieflage bei den Kassen.

Und das soll nun wieder passieren, wegen eines Hinweises in einem Brief? Pardon, das klingt wie Lobbygetöse.

Die Kassen werden wieder nur auf den Preis reduziert, statt die Leistungen in den Mittelpunkt zu rücken. Ich gehe davon aus, dass die Kassen freiwillige Leistungen wieder zurückfahren werden, um einen niedrigen Zusatzbeitrag anbieten zu können.

Die TK auch?

Das ist nicht geplant. Aber auch wir werden uns genau überlegen, wie wir zum Beispiel Bonus-Programme gestalten. Nur wer tatsächlich etwas für seine Gesundheit tut, soll etwas von uns dazu bekommen. Wohltaten verteilen ohne Gegenleistung, aus reinen Marketinggründen, das wollen wir nicht.

Derzeit wird viel über Qualität in der Medizin gesprochen, wobei die Kliniken im Mittelpunkt stehen. Welchen Reformbedarf sehen Sie?

Ich glaube, die Debatte wird falsch geführt. Unser Problem ist doch nicht, ob ein Eingriff gut gemacht wird. Wir haben bestens ausgestattete Krankenhäuser und hochqualifizierte Ärzte. Das Problem ist vielmehr, ob der Eingriff überhaupt die geeignete Behandlung für einen bestimmten Patienten ist. Wir müssen mehr Wert auf die Qualität der sogenannten Indikationsstellung legen.

Dass die Krankenhäuser mehr operieren wollen, klingt aus deren Sicht logisch.

Richtig, eine Klinik verdient viel, wenn sie viele Eingriffe macht. Daher wird sie bei der Indikation großzügiger sein. Hier müssen wir hier ansetzen, etwa durch das obligatorische Einholen einer zweiten Meinung. Und wir müssen viel stärker Statistiken des realen Behandlungsgeschehens analysieren, um Probleme zu entdecken.

Was kann man so herausfinden?

Ein Beispiel dazu: Bisher war der Einsatz einer neuen Herzklappe eine große Operation, weil der Brustkorb aufgesägt werden musste. Daher kam das bei schwerkranken Menschen nicht in Frage. Mittlerweile kann man das schonend durch einen Herzkatheter operieren. Die Methode wird nun verstärkt angewendet, auch bei nicht so schwer erkrankten Patienten. Was denen nicht gesagt wird: Für sie eignet sich das gar nicht, weil die so eingesetzten Klappen längst nicht so lange halten, wie wir inzwischen wissen. Künftig muss es viel stärker so sein, dass derartige Eingriffe nur bei den Patienten durchgeführt werden, die davon wirklich profitieren.

Die große Koalition hat die Einrichtung eines Qualitätsinstituts beschlossen, das diese Daten liefern soll. Das ist also auf guten Weg.

Abwarten. Für Qualität ist jeder. Doch dafür ist Transparenz nötig. Und die will in Wirklichkeit doch niemand. Die Gefahr, dass das Projekt torpediert wird, ist exorbitant hoch. Uns droht eine Hängepartie wie bei der elektronischen Gesundheitskarte.

Eine Hängepartie gibt es auch auf einem anderen Feld. Die große Koalition lässt die private Krankenversicherung unangetastet. Das muss Sie doch wurmen, schließlich sind es gerade ihre vielen gutverdienenden Versicherten, die wechseln können.

Die private Krankenversicherung ist langfristig nicht überlebensfähig. Deren Rücklagen reichen längst nicht aus, um die immer älter werdenden Versicherten zu versorgen. Spätestens in 20 Jahren ist Schluss. Doch dann wird die Politik die Menschen nicht einfach fallen lassen, sondern das Problem auf die gesetzliche Versicherung überwälzen. Damit es nicht dazu kommt, müssen wir jetzt handeln.

Was schlagen Sie vor?

Jeder Privatversicherte sollte dauerhaft das Recht bekommen, in eine gesetzliche Kasse zu wechseln. Aus den Rücklagen zahlt die Privatversicherung dann der Kasse als Ausgleich eine Art „Rente“ für den Rückkehrer. Damit wird hier niemand enteignet, was ja auch grundgesetzwidrig wäre. Wer privat versichert bleiben will, kann das tun. Die Beiträge werden allerdings schneller steigen als bisher schon.

Das Gespräch führte Timot Szent-Ivanyi.