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Thomas Piketty: Geld schafft Geld

Wer hat, dem wird mehr gegeben: Spekulieren lohnt sich mehr als arbeiten.

Wer hat, dem wird mehr gegeben: Spekulieren lohnt sich mehr als arbeiten.

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Reuters

Paris -

Europäische Bücher schaffen es selten in amerikanische Charts. Noch überraschender ist das, wenn es sich um einen fast 1000-seitigen Wälzer handelt, der sich nicht mit Sex oder Mord, sondern mit trockener Wirtschaftspolitik befasst und die simple These vertritt: Die Reichen werden noch reicher, während die große – die arbeitende – Masse nicht mehr mithält.

„Das Kapital im 21. Jahrhundert“ von Thomas Piketty, im letzten Herbst auf Französisch erschienen, auf Deutsch erst im Frühjahr 2015 erhältlich, führt seit Tagen die Verkauflisten von amazon.com an. Sogar die liberale Financial Times zieht den Hut vor dem „Rockstar der Ökonomen“, der in Paris eine Wirtschaftsschule gegründet hat und der Sozialistischen Partei nahesteht. Sein ungleich bekannterer Berufskollege und Nobelpreisträger Paul Krugmann nennt das Werk „das wichtigste Wirtschaftsbuch des Jahres, vielleicht des Jahrzehnts“.

Ein Nerv in den USA getroffen

Piketty ist erst gerade 43 geworden, aber er sammelt schon seit zwanzig Jahren Daten für seine Grundthese. Das beeindruckende empirische Zahlenmaterial belegt laut dem Autor „die Rückkehr des Kapitals“. Dieses dominiere heute wie im 19. Jahrhundert nach dem Gesetz „r > g“: Die Rendite ist größer als das Wachstum (englisch: growth). Zum Beispiel haben in den letzten drei Jahrzehnten die zehn Prozent der reichsten Amerikaner nahezu die Hälfte des nationalen Einkommens eingeheimst. Und je größer das Vermögen, desto stärker seine Vermehrung.

Auf der anderen Seite des Spektrums hat die Armut zwar überall abgenommen, aber nur in absoluten Zahlen: Unterhalb des mittleren Einkommens steigt die Zahl der Betroffenen seit 20 Jahren. Der Abstand zwischen Reichen und Armen vergrößert sich also. Das ist nicht neu; der französische Volksmund kennt für das Phänomen das Bonmot „l’argent appelle l’argent“ – Geld zieht Geld an. Piketty trifft damit aber einen Nerv in den USA, wo sich die Schere am meisten geöffnet hat.

Den Europäern zeigt Piketty empirisch gestützt eine historische Entwicklung seit der Belle Epoque auf. Die Vermögenskonzentration seit dem 19. Jahrhundert wurde, vereinfacht gesagt, nur durch die Weltkriege unterbrochen. Krisenbedingt stieg der Wert der Arbeit, während sich große Vermögen verflüchtigten. Auch nach 1945 krempelte man noch die Ärmel hoch, die Weltwirtschaft wuchs durch Arbeitsleistung. Seit den Siebzigerjahren bringt das Kapital aber wieder mehr ein; die Ungleichheit wächst. R ist erneut größer als G.

Trotz der Anspielung im Buchtitel: Der Ökonom Piketty ist nicht Marxist; er hält dem Autor des „Kapitals“ etwas überheblich das Fehlen empirischer Feldforschung vor. Der Franzose hegt sogar Sympathien für das System der Meritokratie, in der Status eines Menschen in der Gesellschaft allein durch seine Leistung bestimmt ist. Bloß rechnet er vor, dass die liberale Prämisse, wonach Einkommensunterschiede leistungsfördernd seien, durch den neuen Erbkapitalismus pervertiert würden: Mit Vermögensgewinnen um die sechs Prozent können Arbeitseinkommen nicht mehr mithalten.

Streit über hohe Steuern

Viele Konservative in den USA und Frankreich finden Haare in Pikettys Zahlensuppe. Der Investor Louis Woodhill meinte in der Zeitschrift Forbes, die von Piketty angeprangerten Riesenvermögen amerikanischer Topmanager könnten nicht als Thesenbeleg herhalten, da sie durch Arbeit zustande kämen. Forscher der Pariser Eliteschule Sciences Po rechnen ihrerseits vor, dass nicht so sehr die Mietzinseinnahmen auf Immobilien gestiegen sind, sondern die Immobilienpreise; insofern unterlege Piketty seiner Theorie der Vermögenskonzentration zum Teil falsche Ursachen.

Die Hauptkritik richtet sich allerdings gegen Pikettys Lösungsansatz einer starken progressiven Vermögensteuer bis hin zu einer 80-prozentigen Abgabequote. Auch Supereinkommen will er massiv belasten, wie es Frankreichs Präsident Hollande – auf seine Inspiration hin – mit der 75-Prozent-Steuer für Millionäre vorgemacht hat. In den USA gilt das allerdings als abwegig bis abstrus.

Es klingt utopisch

Die liberale OECD – Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung – gibt dem vergleichsweise gut lesbaren Sachbuch aus Paris in einem eigenen Bericht recht: Sie sieht die eklatanten Lohn- und Vermögensungleichheiten ebenfalls als gemeingefährlich an (siehe Kasten).

Abhilfe verspricht die OECD aber nicht durch Höchststeuern für Topvermögende, sondern eher durch Bildung und Chancengleichheit für alle. Piketty entgegnete in einem Interview, Bildung müsse auch finanziert werden, und nichts führe an einer planetaren Steuer vorbei.

Das klingt utopisch. Aber wenn man die Ungleichheit weiter wachsen lässt, sieht Piketty „schreckliche“ Konsequenzen voraus. Eine französische Revolution gegen den Geldadel?