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Thyssen-Krupp: Der Neue ist der falsche Mann

Ulrich Lehner, Ex-Henkel-Chef

Ulrich Lehner, Ex-Henkel-Chef

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Getty/Juanmonino

Abgesehen auf den Posten als neuer Chefaufseher des taumelnden Stahlkonzerns Thyssen-Krupp hatte es Ulrich Lehner bestimmt nicht. Das lässt sich so sagen, weil bis vor wenigen Tagen außer Frage stand, dass der Posten überhaupt frei werden könnte. Zu sehr schien der bisherige Vorsitzende, Gerhard Cromme, an dem Amt zu kleben. Und außerdem hatte Lehner mit Kontrollieren, Überwachen und Analysieren schon bisher gut zu tun.

Der 66-jährige Ex-Vorstandschef des Waschmittelherstellers Henkel gehört zu den Managern, die Aufsichtsratsposten sammeln wie andere Briefmarken. Nun fügt er mit dem Aufsichtsratsvorsitz bei Thyssen-Krupp ein neues Mandat hinzu.

In dem Unternehmen geht es seit einiger Zeit drunter und drüber: Milliardenschwere Fehlinvestitionen, Korruptionsfälle – die Probleme sind inzwischen zu einer solchen Last geworden, dass sich selbst der hartgesottene Vorgänger Gerhard Cromme nicht mehr im Amt halten konnte. Nun folgt mit Lehner ein Manager mit hohem Ansehen nach. Unbelastet ist er allerdings nicht. Schließlich sitzt der Düsseldorfer schon seit 2008 als einfaches Mitglied bei Thyssen im Aufsichtsrat. Aktionärsschützer kritisieren deshalb, dass nun ausgerechnet Lehner den Konzern aufräumen soll.

Kein personeller Neuanfang

„Herr Lehner ist keine unproblematische Wahl“, sagte der Geschäftsführer des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre, Markus Dufner. „Thyssen-Krupp hätte sich besser mehr Zeit gelassen, um einen externen Kandidaten zu suchen.“ Lehner habe die Fehlentscheidungen der vergangenen Jahre mitzuverantworten und könne nicht für einen personellen Neuanfang stehen. Der Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Thomas Hechtfischer, schlug in die selbe Kerbe. „Wir hätten uns einen Aufsichtsratsvorsitzenden von außen gewünscht.“

Kritisch sehen die Aktionärsschützer auch die vielen Mandate Lehners. Der Ökonom und Professor sitzt in den Gremien vieler Unternehmen. Er ist Mitglied des Gesellschafterausschusses seines alten Arbeitgebers Henkel und sitzt in den Kontrollgremien der Deutschen Telekom, des Energiekonzerns Eon und der Porsche Automobil Holding. Außerdem gehört er dem Gesellschafterausschuss von Oetker und der Krombacher Brauerei an. Und bis August wird er auch noch den Verwaltungsratsvorsitz des Schweizer Pharmakonzerns Novartis führen. Einige Mandate wolle er aufgeben, wenn er Aufsichtsratschef von Thyssen-Krupp werde, erklärte Lehner nun.

In der Kritik

Ob auch das bei Novartis dabei sein wird? Als Novartis-Vizepräsident war der 66-Jährige in den vergangenen Wochen heftig in die Kritik geraten wegen einer Abfindung für den inzwischen abgetretenen Verwaltungsratspräsidenten Daniel Vasella. Lehner gilt als der Mann, der Vasella die 72 Millionen Franken zuschanzte, wenngleich dem Mega-Kontrakt der gesamte Verwaltungsrat zugestimmt hatte. Lehner hatte die Verhandlungen mit Vasella geführt und die Zahlung gegen Kritik verteidigt. Auch wenn Vasella nach Protesten auf das Geld verzichtete, so ermittelt inzwischen dennoch die Staatsanwaltschaft gegen die Verantwortlichen wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung.

Unbelastet geht Lehner also nicht an seine neue Aufgabe. Dabei wird er eine Menge Energie benötigen, um seinen Leitspruch von guter Unternehmensführung bei dem Stahlkonzern in die Realität umzusetzen. Gute Unternehmensführung, hatte er einmal erklärt, sei es, ein Unternehmen auf Dauer wettbewerbsfähig zu halten. Danach sieht es bei Thyssen-Krupp derzeit nicht aus.