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ThyssenKrupp: Der drohende Untergang eines Imperiums

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Der Aufsichtsratsvorsitzende der ThyssenKrupp AG, Gerhard Cromme, bei einer Hauptversammlung des Unternehmens.
Der Aufsichtsratsvorsitzende der ThyssenKrupp AG, Gerhard Cromme, bei einer Hauptversammlung des Unternehmens.
Foto: dapd
ESSEN –  

ThyssenKrupp macht einen Milliardenverlust. Das liegt auch an der Selbstherrlichkeit an der Konzernspitze. Für einen Abgesang aber ist es noch zu früh.

Wer Berthold Beitz, den Herrscher über Deutschlands größten Stahlkonzern ThyssenKrupp verstehen will, muss die Villa Hügel in Essen besuchen. Eine schnurgerade Straße führt zu dem Gebäude. Im Näherkommen wird die Monumentalität des Baus deutlich. Das Kruppsche Familienbild in der Eingangshalle hat die Abmessungen einer Wohnzimmerwand.

Einige Dutzend Schritte weiter der Hauptsaal: Ein prächtiger Raum, dessen gefühlte Dimension einer Drei-Felder-Turnhalle einspricht. Alles in dieser Villa ist auf die Einschüchterung des Besuchers hin kalkuliert. Hier hat sich eine Dynastie verewigt, die sich mit Königen misst und wie Könige baut. Mit ihren 269 Räumen ist der frühere Wohnsitz der Familie Krupp vor allem eine Demonstration der Macht.

Die anderen Symbole für ThyssenKrupp sind die Hochöfen, die über den Straßenzügen von Duisburg schweben – und die gewaltigen Arbeitersiedlungen von Krupp in Essen. Nirgendwo sonst in Deutschland sind Industrie und Bevölkerung so eng verwachsen wie im Ruhrgebiet. ThyssenKrupp steht für die deutsche Industrie wie kein andere Konzern.

Ein Rekord-Fehlbetrag

Unten im Pott schuften die stolzen (und meist gut bezahlten) Arbeiter und Angestellten. Oben auf dem Hügel lenkt Berthold Beitz. So einfach ist das Prinzip Krupp. Doch nun droht es unterzugehen. Weil der Konzern in eine tiefe Krise schliddert. Für das abgelaufene Geschäftsjahr musste der Konzern am Dienstag einen Verlust von fünf Milliarden Euro bekanntgeben. Das ist der mit Abstand höchste Fehlbetrag in der Firmengeschichte. Und nun droht Beitz auch noch der Nachfolger abhandenzukommen. Eigentlich soll ihn Gerhard Cromme beerben. Doch der ist zu eng mit dem Niedergang verbunden.

Der Patriarch und sein Erbe: Berthold Beitz, Vorsitzender der Krupp-Stiftung, bei einem Empfang in der Villa Hügel. Rechts hinter ihm steht der zum Nachfolger auserkorene Gerhard Cromme, daneben Heinrich Hiesinger. (Archivbild) Foto: dpa/Vennenbernd

Für Berthold Beitz wäre es an der Zeit, die Dinge zu regeln. Er ist 99 Jahre alt. Bei Empfängen schlurft er über die edlen Steinböden, der dunkle Zweireiher schlackert, die Stimme lahmt ein wenig. Aber er ist immer hellwach.

Der zunächst langsame Abstieg von ThyssenKrupp hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch beschleunigt. Korruption, schwerste Managementfehler, unklare Verhältnisse: Der 99-jährige Beitz muss am Ende womöglich mit ansehen, wie sein Lebenswerk zerrinnt – und er die Verantwortung dafür trägt.

Seit 60 Jahren ist Beitz die Schlüsselfigur des Krupp-Konzerns. 1952 lernte er Alfried Krupp von Bohlen und Halbach kennen und half dem verurteilten Kriegsverbrecher, den Konzern zu modernisieren. Als Generalbevollmächtigter führte er ihn durch tiefe Krisen.

Beitz wurde früh zum Erbverwalter. 1968, nach dem Tod von Alfried Krupp, der ihn zum Kronprinzen gemacht hatte, überführte er die Familienanteile in die Krupp-Stiftung, die er seitdem leitet. Ihr Geld erhält die Stiftung vom Konzern: Sie hält gut 25 Prozent an ThyssenKrupp. Beitz kontrolliert den Konzern damit faktisch immer noch.

Und so muss auch er verantwortlich gemacht werden für die schweren Fehler der vergangenen Jahre. Mitte der 80er-Jahre verhilft er Gerhard Cromme zum Aufstieg bei Krupp, der zunächst im Husarenritt 1992 die feindliche Übernahme des Konkurrenten Hoesch organisiert. 1999 schließlich fusioniert Krupp mit Thyssen, Cromme ist zunächst Vorstandschef, ab 2001 und bis heute Aufsichtsratsvorsitzender.

Teure Stahlwerke in USA und Brasilien

Zunächst scheint der neue Konzern auf einem guten Weg zu sein: Der Wandel von einem Stahl- zu einem modernen Industriekonzern mit Schwerpunkten im Anlagen- und Aufzugsbau und der Rüstung schreitet voran. Doch in den Jahren unter Cromme gerät der Konzern langsam, aber sicher außer Kontrolle. Der Konzern fängt an zu faulen, Korruption und krasse Managementfehler halten Einzug.

2007 wird ThyssenKrupp als Anführer eines Aufzug- und Rolltreppenkartells von der EU zu einer beispiellosen Geldstrafe von fast einer halben Milliarde Euro verurteilt. Kürzlich kam heraus: ThyssenKrupp war auch maßgebliches Mitglied der sogenannten Schienenfreunde, einem Kartell, das auf Kosten der Deutschen Bahn hohe Gewinne einfuhr. Eine Verurteilung steht noch aus.

Noch viel kostspieliger war die Entscheidung der Konzernführung, Stahlwerke in den USA und in Brasilien zu bauen. Auf dem Papier geht die Rechnung so wunderbar auf: Deutsches Know-how wird durch den Konzern ins Ausland gebracht, wo der Absatz wächst, Energie und Rohstoffe billig sind und die Arbeitskräfte auch. Doch das erweist sich als fatale Fehlkalkulation.

Umweltauflagen machen in Brasilien zu schaffen, die Kokerei, das Herz eines Stahlwerks, wird, um ein paar Euro zu sparen, in China bestellt – und ist von katastrophaler Qualität. Der Absatz verfehlt die Erwartungen, während die Baukosten explodieren: Zwölf Milliarden Euro sind es bis heute. Der Wert wird auf eine bis drei Milliarden Euro taxiert. Zum Vergleich: ThyssenKrupp ist an der Börse nur noch rund acht Milliarden Euro wert.

Verliert ThyssenKrupp weiter schnell Geld, muss womöglich schon bald Kapital von außen beschafft werden – die Stiftung verlöre ihre Schlüsselstellung. Konzerninsider lassen die Ausrede, es gehe um einzelne Fehlentwicklungen, nicht gelten. Sie sagen: ThyssenKrupps Unternehmenskultur ist verrottet. Der Führungsstil in den oberen Etagen sei in den vergangenen Jahren vor allem von Egomanie und Selbstherrlichkeit geprägt gewesen. „Da ging es nur um den eigenen Vorteil und das eigene Fortkommen, nie um die Firma“, berichtet ein Kenner.

Ein wesentlicher Grund für das Desaster in Brasilien sei die Ignoranz bei der Planung gewesen. Man habe sich nicht dafür interessiert, wie Mitarbeiter vor Ort das Vorhaben beurteilen. Man habe geglaubt, das man den Bau des Stahlwerks aus der Ferne planen könne.

Werner Abelshauser, einer der renommiertesten Wirtschaftshistoriker des Landes, hat sich immer wieder mit ThyssenKrupp beschäftigt. Er sagt: „Der Konzern befindet sich in einer Identitätskrise.“ Eigentlich gebe es ein funktionierendes Geschäftsmodell. Damit kann man als deutsches Unternehmen erfolgreich sein. Aber der Konzern fühlt sich seiner Rolle als Stahlproduzent historisch verpflichtet und wollte das Geschäft mit Investitionen im Ausland retten. Die Schwierigkeiten wurden unterschätzt.

Hat Beitz auf völlig ungeeignete Männer gesetzt – und womöglich selbst dem Verfall der Sitten Vorschub geleistet? Jürgen Claassen, im ThyssenKrupp-Vorstand zuständig für Kommunikation und – ausgerechnet – gute Unternehmensführung, gilt als Vertrauter von Beitz. Wegen überteuerter Dienstreisen muss er zum Jahresende den Konzern verlassen. Er soll Journalisten mit völlig überzogenen Luxus-Pressereisen belohnt haben, um die Berichterstattung zu beeinflussen. Und andersherum berichten Reporter, dass mit Drohungen und Anrufen in den Chefredaktionen reagiert wurde, wenn kritische Berichte über ThyssenKrupp erschienen.

Kritik wird abgewürgt

In einem Klima, das Kritik abwürgt, gibt es dann irgendwann niemanden mehr, der sich traut, Fehlentwicklungen anzusprechen. Heinrich Hiesinger, seit knapp zwei Jahren Vorstandsvorsitzender von ThyssenKrupp, rechnete am Dienstag indirekt mit Cromme und Beitz ab. „Ich werde hier nichts beschönigen, denn es ist offensichtlich, dass in der Vergangenheit sehr viel schiefgelaufen ist“, sagte Hiesinger.“

Es habe bisher ein Führungsverständnis gegeben, in dem Seilschaften und blinde Loyalität oft wichtiger gewesen seien als unternehmerischer Erfolg. Fehlentwicklungen seien lieber verschwiegen als korrigiert worden. Und er kündigte an: „Wir etablieren konsequent eine neue Führungskultur, die auf Ehrlichkeit, Transparenz und Leistungsorientierung basiert.“

Architektur der Macht: Die Hauptverwaltung des Konzerns steht in Essen.
Architektur der Macht: Die Hauptverwaltung des Konzerns steht in Essen.
Foto: AFP

Das hieße letztlich auch, Gerhard Cromme zu entfernen – als Aufsichtsratschef, aber auch als Erbe von Beitz. Bei der 200-Jahr-Feier von Krupp vor einem Jahr hatte Beitz in der Villa Hügel noch betont, Cromme fühle sich wie er verpflichtet, „den Namen Krupp hochzuhalten.“ Er soll, so der Plan, von Beitz den Chefposten der Krupp-Stiftung übernehmen.

Zweifel sind angebracht, ob das eine gute Idee ist. Der 69-Jährige Cromme ist zwar juristisch nicht belangt worden, hat aber seine Glaubwürdigkeit völlig verloren. Cromme inszenierte sich stets als Saubermann. Vor zehn Jahren arbeitete er im Auftrag der Bundesregierung den Kodex für gute Unternehmensführung aus. Bei Siemens griff er als Aufsichtsratschef nach dem Schmiergeldskandal übertrieben hart durch. Gleichzeitig geriet aber ThyssenKrupp außer Kontrolle, während er Aufsichtsratschef war. Zuletzt machten Gerüchte die Runde, Berthold Beitz könne auch seine Tochter Susanne Henle, 65, zur Nachfolgerin aufbauen.

Dynastisch geregelte Nachfolge

Andererseits gehen Unternehmensinsider davon aus, dass Crommes Position fast unangreifbar ist und er deshalb nicht zurücktreten wird. „Da ist alles schon dynastisch geregelt“, heißt es. Längst sei beschlossen, dass Cromme Berthold Beitz nachfolgt. Das hieße: Beitz verzichtet auf einen glaubwürdigen Neuanfang, schwächt damit Hiesinger und leistet den alten Seilschaften Unterstützung. Unternehmensinsider sind skeptisch, ob es Heinrich Hiesinger gelingt, den Konzern umzukrempeln. Hiesinger hat seinen Job im Frühjahr 2011 antreten, vorher war er bei Siemens. „Er hat bislang kaum Verbündete im Konzern. Doch genau darauf kommt es bei ThyssenKrupp viel stärker als in anderen Unternehmen an.

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Für einen Abgesang ist es viel zu früh, sagt der Historiker Abelshauser. Ein deutsches Unternehmen dieser Tradition habe große Reserven, die jetzt mobilisiert würden. Bleibe es bei den Problemen mit den Stahlwerken in Amerika und kehre der Konzern wieder auf den Erfolgspfad zurück, sei es nicht viel mehr als eine Delle gewesen. Kämen bei der anstehenden Selbstinspektion des Konzerns allerdings allzu viele Probleme zum Vorschein, könne es eng werden.

Es sind folgenschwere Entscheidungen, die Berthold Beitz in diesen Tagen in den weiten Hallen der Villa Hügel treffen muss.

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