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Tip-Verlag lagert Zustellung aus: 55.000 Zusteller verlieren ihren Job

Der Handelskonzern lagert Arbeiten aus, um Kosten zu sparen.

Der Handelskonzern lagert Arbeiten aus, um Kosten zu sparen.

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dpa/Andreas Gebert

Die Gewerkschaft Verdi spricht von der „wahrscheinlich größten Massenentlassung in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“: Der Tip Werbeverlag, der zur Kaufland-Gruppe gehört, entlässt bundesweit rund 55.000 Zusteller, die bisher den Kaufland-Werbeprospekt „Tip der Woche“ verteilen. Ab November sollen mehrere externe Dienstleister die Arbeit übernehmen. Wie viele Zusteller in Berlin betroffen sind, wollte das Unternehmen auf Anfrage nicht sagen.

Bei den Zustellern handelt es sich um geringfügig Beschäftigte: Erwachsene, Schüler, Studenten, Rentner, die mit ihrem Minijob maximal 450 Euro im Monat verdienen dürfen. Für viele dieser Menschen sei das Prospekte-Austragen die einzige Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen, vermutet Verdi. Die Minijobber seien ohne Vorwarnung entlassen worden, sagte die Verdi-Chefin von Baden-Württemberg, Leni Breymaier. „Nicht, weil der Konzern wirtschaftlich gefährdet wäre, sondern um Profite weiter zu erhöhen.“

Gesetzlicher Mindestlohn soll kein Grund sein

Kaufland selbst, das seinen Sitz im baden-württembergischen Neckarsulm hat, nannte als Grund für die Entlassungen die komplexe Organisation der Austräger, deren Zahl mit der Expansion von Kaufland gestiegen sei. Bereits jetzt würden rund 40 Prozent der Werbeprospekte von externen Dienstleistern zugestellt. Insgesamt werden demnach wöchentlich 20 Millionen Exemplare verteilt.

Gewerkschafter spekulierten am Donnerstag, ob sich Kaufland auch wegen des gesetzlichen Mindestlohns von den Beschäftigten trennt, obwohl für Zusteller eine Ausnahme-Regelung gilt. Sie haben erst ab 2017 Anspruch auf 8,50 Euro pro Stunde. Im kommenden Jahr müssen sie lediglich 6,38 Euro erhalten. Eine Kaufland-Sprecherin wies diese Vermutung zurück: „Diese Entscheidung steht in keinem Zusammenhang mit dem gesetzlichen Mindestlohn.“ Die meisten Austräger seien Jugendliche, für die der Mindestlohn gar nicht gelte.

Verdi biete den Zustellern, die Mitglied der Gewerkschaft seien, Rechtsschutz, sagte die baden-württembergische Verdi-Funktionärin Marianne Kugler-Wendt der Berliner Zeitung. Dabei gehe es zum Beispiel darum, ob das Unternehmen den Menschen eine andere Beschäftigung anbieten müsse. Schließlich existiere der Verlag weiterhin. Zudem prüfe die Gewerkschaft, ob die externen Dienstleister, die künftig die Prospekte verteilen, zumindest einen Teil der Beschäftigten übernehmen müssen. Das Management des Tip Werbeverlags erklärte: Bisherige Austräger könnten sich bei den künftigen Dienstleistern bewerben. Das ist allerdings eine Selbstverständlichkeit.

Kein Interessensausgleich

Neben den 55 000 Austrägern bekommen 100 Mitarbeiter an den Standorten Dortmund, Hamburg, Leipzig und Dallgow bei Berlin die Kündigung. Einen Interessenausgleich zahlt der Verlag nach eigenen Angaben nicht. Anders als bei Kaufland gibt es beim Tip Werbeverlag keinen Betriebsrat.

Die am Verlagssitz in Heilbronn sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, die unter anderem als Personalsachbearbeiter für die Austräger tätig sind, sollen laut Verdi alternative Stellenangebote erhalten. Einige dieser Mitarbeiter seien auch in Bereichen tätig, die weiterhin im Verlag benötigt würden. (mit dpa)


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