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Torsten Jeworrek: Als Ostdeutscher in einen Dax-Vorstand

Torsten Jeworrek ist Vorstandsvorsitzender des Rückversicherers Munich Re.

Torsten Jeworrek ist Vorstandsvorsitzender des Rückversicherers Munich Re.

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dapd

Es verändert einen Menschen, sagt Torsten Jeworrek, wenn er Dinge erlebt, die seine Vorstellungskraft übersteigen. Wenn etwas schier Unmögliches auf einmal möglich wird. In seinem Leben ist das nur ein einziges Mal passiert. Als er sein Heimatland, die DDR, verschwinden sah. „Das war für mich so jenseits des Denkbaren. Das hat meine Sicht auf Wahrscheinlichkeiten verändert“, sagt Jeworrek.

Für ihn ist das fundamental. Jeworrek ist, man kann das wohl so sagen, der Großmeister der Wahrscheinlichkeiten. Als für das Kerngeschäft verantwortlicher Vorstand der Munich Re, die früher mal Münchner Rück hieß, ist er dafür da, Risiken abzuschätzen, die auf der Menschheit lasten. Die Munich Re ist die Versicherung der Versicherer, das Sicherheitsnetz. Wenn eine Tsunami-Welle die japanische Küste verwüstet, wenn es in Chile ein Erdbeben gibt, wenn eine Ölplattform im Golf von Mexiko versinkt oder in Sachsen eine Jahrhundertflut das Land überschwemmt, dann zahlt am Ende immer auch die Munich Re. Jeworreks Geschäft ist profitabel, wenn er die Risiken richtig berechnet. Wenn seine Sicht auf die Wahrscheinlichkeiten stimmt. „Wir sind der letzte Mann, der noch steht, kurz bevor die Welt untergeht“, sagt er lächelnd.

Der letzte Mann schlurft an diesem Vormittag gemütlich über den roten Teppich, der in dem Gang vor seinem Büro in der Münchner Konzernzentrale liegt. Jeworrek ist ein runder, gemächlicher Typ, der nicht einmal versucht, besonders mächtig zu wirken. Wahrscheinlich brauchen das die besonders mächtigen Leute auch gar nicht. Er trägt einen etwas zu weiten, dunkelblauen Anzug, eine randlose Brille und einen Seitenscheitel.

Natur macht keine Angst

Wenige Stunden zuvor hat der Hurrikan „Sandy“ die amerikanische Ostküste erreicht, von bis zu fünfzig Milliarden Dollar Schaden ist die Rede. Jeworrek sagt, ihm täten die Menschen leid, die gerade um ihre Existenz kämpfen. Um sein Unternehmen macht er sich keine so großen Sorgen. „Wir beschäftigen uns damit, wenn wir unsere Zahlen haben“, sagt er. Ist er denn gar nicht aufgeregt? „Entscheidend ist, dass man die Risiken vorher richtig kalkuliert. Dann wird man bei so einem Unglück auch nicht nervös.“ Er hat Experten, die Windfelder und Hurrikan-Modelle mit Daten über den Immobilienbestand an der amerikanischen Ostküste so verknüpfen können, dass mögliche Schäden präzise vorhergesagt werden können. „Die Natur macht uns keine Angst. Wir haben die größte Geo-Datenbank der Welt. Viel schwerer ist es, Schäden vorherzusehen, die von Menschen verursacht werden.“

Einige Tage später weiß man, dass „Sandy“ die Munich Re einen mittleren dreistelligen Millionen-Betrag kosten wird. Der Gewinn des Unternehmens steigt in den ersten neun Monaten des Jahres auf 2,7 Milliarden Euro.

Durch ein Fenster im Gang zeigt Jeworrek auf den Hof des mächtigen Jugendstil-Palastes, in dem das Unternehmen residiert. Ein Baugerüst ist zu sehen. Im August wurde in der Gegend eine Fliegerbombe von Spezialisten zur Explosion gebracht. Ein zwanzig Zentimeter langer Metallsplitter flog damals völlig überraschend aus der Sprenggrube hoch durch die Luft und landete genau 660 Meter weit entfernt in der Hoffassade der Munich Re. „Ständig passieren solche unwahrscheinlichen Dinge“, sagt Jeworrek. Sein Job ist es nicht, so einen Zwischenfall vorauszusehen. Er muss nur wissen, mit welcher Wahrscheinlichkeit die unwahrscheinlichen Dinge passieren. Daraus ergibt sich dann zum Beispiel, wie viel man 2012 für eine Gebäudeversicherung bezahlen muss, die Bombenschäden in der Münchner Innenstadt abdeckt.

Im letzten Bericht zum Stand der deutschen Einheit wird Torsten Jeworrek wieder mal erwähnt. Nicht namentlich, aber im Rahmen einer statistischen Erhebung. In der Spalte „Ostdeutsche, die im Vorstand eines Dax-Konzerns sitzen“ steht seit neun Jahren die Ziffer eins. Vor neun Jahren wurde Jeworrek in den Vorstand der Münchner Rück berufen, davor stand in der Dax-Spalte die Ziffer null. Jeworrek ist offenbar der einzige Ostdeutsche, der es seit dem Mauerfall in einen der dreißig Dax-Vorstände geschafft hat. Er ist ein Exot, ein Ausrutscher in der Wiedervereinigungs-Statistik.

„Sind sie sicher?“

Er selbst ist überrascht, dass er wirklich der einzige Ostler sein soll, der es hier im Westen so weit gebracht hat. „Sind sie sicher?“, fragt er und lächelt in sich hinein. Es ist alles schon so weit weg. Die DDR, der Mauerfall, sein erstes Leben. Er neigt den Kopf ein wenig zur Seite, seine Augen glänzen, und er beginnt zu erzählen, immer schneller, immer freudiger. Das verschwundene Land macht ihn lebendig.

Jeworrek stammt aus Oschersleben, einer Kleinstadt in der Nähe von Magdeburg. Die Mutter hat ein kleines Modegeschäft, der Vater ist Bauingenieur. Er achtet früh darauf, dass aus dem Jungen mal was wird. Der Junge ist im Tennisverein, spielt Klavier und Orgel in einem Akkordeonorchester. In der Schule ist er immer der Klassenbeste, ohne besonders viel dafür tun zu müssen.

Die Eltern reden offen mit ihm über die Probleme, die es gibt. Sie bringen ihm bei, wie man aufrecht bleiben kann und trotzdem nichts riskieren muss. Die Geschwister der Großeltern sind alle im Westen und kommen regelmäßig zu Besuch. Bis zur Grenze sind es gerade mal zwanzig Kilometer. Mit vierzehn verkündet Torsten Jeworrek beim Abendessen, dass er irgendwann in den Westen gehen wird. Aber das ist erst mal nur so eine Idee.

Er studiert Mathematik, das ist praktisch, weil es unpolitisch ist. Er schlängelt sich durch an der Universität, versucht möglichst wenig anzuecken. Trotzdem spürt er die geistige Enge, die an der Hochschule herrscht. Er kann sich nicht immer in der Mathematik verkriechen, die Idiotie und die Lügen ausblenden. Manchmal muss er auch reagieren. Wenn zum Beispiel die Studenten im Sommer auf einer Baustelle in Berlin-Marzahn arbeiten sollen, es aber nichts zum Arbeiten gibt, dann fährt er eben als Einziger wieder nach Hause, was ihm Ärger einbringt. Aber er kann nicht anders, Jeworrek liebt das Klare, Logische, Effiziente. Schon deshalb entfernt er sich innerlich immer mehr von diesem Land. „Ich kann heute besser sehen, wie ich mich langsam verabschiedet habe“, sagt er.

Palast am Englischen Garten

Andererseits fällt es ihm schwer, sich heute in sein altes Leben einzufühlen. Was kann der Munich-Re-Vorstand Torsten Jeworrek, der jetzt in diesem Palast am Englischen Garten residiert und Milliarden Euros durch die Welt schiebt, noch von dem jungen Hochschulassistenten wissen, der er vor 23 Jahren war? Er blickt kurz auf, überlegt, schweigt.

Im August 1989 ist Jeworrek 28 Jahre alt. Er sitzt mit seiner Frau und dem kleinen Sohn in einem Wohnwagen am Balaton in Ungarn. Eines Abends macht unter den DDR-Touristen auf dem Campingplatz das Gerücht die Runde, die Ungarn hätten die Grenze zu Österreich geöffnet. Am nächsten Morgen wacht Jeworrek auf und sieht die ersten verlassenen Zelte. Bald sieht der Campingplatz aus wie ein Geisterdorf, und mit jeder DDR-Urlauberfamilie, die den Balaton Richtung österreichische Grenze erlässt, wird auch für die Jeworreks die Frage größer, was sie denn nun selbst tun wollen.

„Komm, wir gehen auch“, sagt Torsten Jeworrek irgendwann zu seiner Frau. Doch als sie sich ans Packen machen, denkt er noch mal nach. Ist es wirklich klug, so unvorbereitet zu flüchten? Wie sollen sie im Westen einen Job finden, ohne ihre Zeugnisse? Schließlich siegt die Vernunft. Sie fahren zurück nach Oschersleben, wollen erst alles vorbereiten und dann noch einmal nach Ungarn fahren. Zu der zweiten Reise wird es nicht mehr kommen, weil auf einmal auch in Oschersleben die Grenze fällt.

Jeworrek schläft in der Nacht, in der in Berlin die Menschen auf der Mauer tanzen. Er kriegt es erst am nächsten Morgen mit, geht zur Polizei und lässt sich einen Pass ausstellen. Am 11. November steigen sie in ihren Lada und wollen in Helmstedt über die Grenze. Aber die Autobahn ist überfüllt, fast jeder DDR-Bürger will an diesem ersten Wochenende nach dem Mauerfall in den Westen. Nach drei Stunden im Stau kehren sie nach Hause zurück. Am Sonntagmorgen um fünf versuchen sie es erneut, diesmal klappt es.

Bald muss er nicht mehr bis Helmstedt fahren, ganz in der Nähe von Oschersleben wird ein Grenzübergang eröffnet. Die DDR-Grenzer sitzen vor einer Zaunlücke in einem Campinganhänger. Jeden Sonnabend läuft Jeworrek rüber in den Westen. Dort steht ein Kiosk, an dem er Zeitungen mit Stellenangeboten kaufen kann. Er schreibt etwa zwanzig Briefe, an alle möglichen Unternehmen. Mathematiker aus dem Osten will im Westen neu anfangen. Er wird zu Gesprächen eingeladen, fährt mit seiner Frau zwischen Stuttgart, Hamburg und Nürnberg umher, auf der Suche nach der Zukunft.

Am 20. Dezember 1989 hat Torsten Jeworrek um 14.15 Uhr ein Vorstellungsgespräch bei der Münchner Rück. Wie immer ist seine Frau dabei. Sie stehen mit ihrem Lada im Weihnachtsstau, und sie liest ihm vor, was im DDR-Ökonomie-Lexikon über den Begriff Rückversicherung geschrieben steht: „Im kapitalistischen System versichern die Rückversicherer die Versicherer.“

Kurz vor dem Termin kommen sie in München an, Jeworrek parkt seinen Lada schnell auf dem Bürgersteig vor dem riesigen gelben Palast mit den grauen Säulen, die von der Stärke und Solidität des berühmten Unternehmens künden.
Er hat gar keine Zeit dafür, beeindruckt zu sein, stolpert verschwitzt und außer Atem in seinen Vorstellungstermin – und wird genommen. Die einzige inhaltliche Frage lautete, was er denn vom Rückversicherungs-Geschäft wisse. Jeworrek zitiert den Satz aus dem DDR-Lexikon. „Nur das mit dem kapitalistischen System habe ich lieber weggelassen“, sagt er.

Der Analytiker

Die große Karriere, die er dann begann, hatte vielleicht auch damit zu tun, dass er gar nicht unbedingt Karriere machen wollte. Aufstieg um jeden Preis sei nie das Ziel gewesen, sagt Jeworrek. Eher fand er es peinlich, mit welchem Überehrgeiz manche Kollegen daherkamen. Er war auch nicht besonders beeindruckt von seinem neuen Leben im Westen. Bei der Münchner Rück fielen ihm vor allem der riesige Administrationsaufwand und die wenigen Freiheiten der Mitarbeiter auf. Das klingt so, als hätte er die DDR mit nach München genommen.

Jeworrek gilt in München bald als genialer Analyst, der in der Lage ist, komplexeste Sachverhalte zu durchdringen und beherrschbar zu machen. „Er ist furchtlos und besonnen zugleich“, sagt einer seiner ehemaligen Förderer. Die Chefs schätzen sein Urteil, seine Klarheit.

Sein erstes Beförderungsangebot lehnt Jeworrek allerdings ab. Er will nicht den Standort in Warschau aufbauen. Wahrscheinlich dachten sie, er würde sich da wohl fühlen, weil er doch auch aus dem Osten kommt.

Später spielt seine Herkunft dann keine Rolle mehr. Es interessiert einfach niemanden. Nur er selbst kokettiert manchmal mit seiner Vergangenheit, wenn er den Vorstandskollegen beim gemütlichen Kamingespräch von der ostdeutschen FKK-Bewegung oder dem Lindenberg-Konzert in Ostberlin erzählt. „Ich hatte immer eine gute Story auf Lager“, sagt Jeworrek. Das ist es, was am Ende von der DDR geblieben ist. Vor allem die Amerikaner sind von seinen Geschichten beeindruckt. Sie finden es toll, dass ihnen da ein ehemaliger Kommunist gegenüber sitzt, der heute dem Kapitalismus das Sicherheitsnetz aufspannt.

Große Durchlässigkeit im deutschen Top-Management

Und wie erklärt er sich nun, dass es weit und breit keinen anderen Ostdeutschen gibt, der in die Welt der deutschen Wirtschaftslenker angekommen ist? Jeworrek sitzt in seinem Büro, blickt auf ein Bild von Sigmar Polke, das abstrakt versteckt zwei Frauen in Strapsen zeigt, und schüttelt den Kopf. „Es gibt keine Erklärung dafür“, sagt er. Jeworrek spricht von einer großen Durchlässigkeit im deutschen Top-Management. Soziale, regionale oder familiäre Gründe spielen seiner Meinung nach keine Rolle, wenn es um die Besetzung eines Vorstandspostens geht. „Es kann nur Zufall sein. Aber vielleicht ist ihre Frage auch ganz falsch gestellt“, sagt er schließlich. „Weil Ostdeutschland gar keine eigene Bezugsgröße mehr darstellt.“ Genau so könnte man fragen, wie viele Norddeutsche eigentlich in Dax-Vorständen sitzen.

Ein paar Tage später steht Torsten Jeworrek im Weltsaal des Auswärtigen Amtes in Berlin am Rednerpult. Auf einem Videoschirm ist eine schimmernde Weltkugel zu sehen. Jeworrek spricht vor ein paar hundert Unternehmern und Politikern über die Zukunft der Energiegewinnung. Es geht um das Projekt Desertec, mit dem gigantische Mengen an Wind- und Solarstrom aus der Sahara nach Europa gebracht werden sollen. Die Munich Re ist einer der Wegbereiter dieser in jeder Hinsicht bahnbrechenden Idee. „Manche können sich heute noch nicht vorstellen, dass so etwas möglich sein soll“, sagt Jeworrek. „Aber ich glaube ganz fest daran.“ Die Leute applaudieren. Jeworrek, der letzte Mann aus Oschersleben, lächelt. Er hat die DDR-Grenze fallen sehen, jetzt erobert er die Sahara, lässt die Kontinente näher rücken. Wahrscheinlich ist auch das für ihn am Ende nur noch eine Frage der Wahrscheinlichkeit.