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Urlaubsreisen: „Der Urlauber wird abgezockt“

Winterflüchtling: entspannt am Strand.

Winterflüchtling: entspannt am Strand.

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Getty Images/iStockphoto

Die erste große Reisewelle des Jahres rollt an. In den Osterferien suchen Bundesbürger Entspannung und Sonne am Mittelmeer oder auf den Kanarischen Inseln. Zugleich hat in den Reisebüros die Hochsaison begonnen – für die Buchung des Sommerurlaubs. Viele Reisende wissen nicht, welche Risiken sie dabei eingehen und welche Rechte sie haben. Aus Sicht des renommierten Reiserechtlers Ernst Führich hat es die EU-Kommission versäumt, klare und transparente Regelungen zum Schutz der Verbraucher zu schaffen.

Herr Professor Führich, immer mehr Verbraucher buchen ihre Urlaubsreise im Internet. Was passiert da aus rechtlicher Sicht?

Wir sehen da eine Art Flucht aus der Pauschalreise. Es ist insbesondere bei vielen kleineren Portalen im Web häufig völlig unklar, ob dem Kunden eine Pauschalreise mit umfassendem deutschem Rechtsschutz angeboten wird oder ob nur ein Flug und ein Hotelzimmer vermittelt werden. Das muss viel klarer werden. Denn bei einer Vermittlung gilt das nationale Recht des Leistungsanbieters.

Was bedeutet das?

Ein Verbraucher muss bei Beschwerden dann das Portal wegen Vermittlungsfehler oder den Anbieter direkt verklagen. Diese haben aber ihren Rechtssitz oft im Ausland. Viel Spaß dabei! Das erzeugt enorme Anwaltskosten für den Betroffenen. Deshalb stehen diese Rechte lediglich auf dem Papier. Und wenn Sie sich bei einem Portal mit Sitz in Deutschland beschweren, bekommen Sie keine Antwort. Die ignorieren Sie einfach. Sie brauchen schon einen guten Anwalt, der das Portal verklagt. Und den Anwalt muss man erstmal selbst bezahlen. Verbraucherrechte sind hier also reine Theorie.

Immerhin haben wir aber noch die Segnungen der Pauschalreise-Richtlinie. Was bringt die denn?

Gut, dass Sie das fragen. Denn bei einer Pauschalreise können Sie auch einen ausländischen Anbieter in Deutschland verklagen, wenn er hier seinen Rechtssitz hat. Der Europäische Gerichtshof hat aber auch verbindlich entschieden, dass der Verbraucher an seinem Wohnort den ausländischen Veranstalter verklagen kann, wenn seine Reise im Internet gebucht wurde. Viele Urlauber wissen auch gar nicht, dass Kunden vor Reiseantritt kostenfrei stornieren können, wenn sich Leistungen ändern. Nach Reiseende kann der Urlauber Rückzahlungen für jede Minderleistung fordern, wobei es auf die Ursache dafür nicht ankommt. Bei deutlicher Qualitätsminderung, etwa einem anderen schlechteren Hotel, gibt es zudem Schadenersatz für vertane Urlaubszeit.

Schlussfolgerung: Bestimmungen für Pauschalreisen müssen auf alles, was man im Internet buchen kann, also einzelne Flüge, Hotels und andere Komponenten übertragen werden. Oder?

Genau. Wenn die EU etwas für die Verbraucher tun will, muss sie eine allgemeine Reiserichtlinie entwickeln. Online-Portale und Reiseveranstalter müssten dann für jede Komponente, die sie anbieten, im Zweifel haften und gegen ausländische Anbieter könnte man am Wohnort vor den Kadi ziehen. Damit hätten wir schon sehr, sehr viel erreicht. Die EU hat auch schon seit 2007 angekündigt, dies umzusetzen. Geschehen ist nichts. Das ist angesichts des Booms bei Internetbuchungen ein klägliches Versagen. Es wird derzeit in Brüssel viel an Details der Fluggastrechte-Verordnung 261/2004 herumgetüfelt, aber die wichtigen Dinge der Pauschalreise bleiben liegen.

Wissen Sie, warum da nichts vorangeht?

Warum? Weil die Verbände der Reisebranche und die großen Anbieter kein Interesse haben, die Bestimmungen auszuweiten. Und diese Lobbyisten haben großen Einfluss.

Wird aus diesem Grund auch nicht gegen die grassierende Ausweitung der Anzahlungen in der Reisebranche vorgegangen?

Auch hier ist sehr viel unreguliert. Schauen Sie sich Flugbuchungen an. Das Bürgerliche Gesetzbuch sagt, dass Geld und Leistung sich entsprechen müssen. Wer heute einen Ferienflug für August bucht, muss in der Regel sofort den vollen Preis im Voraus zahlen. Das ist ein krasser Widerspruch zum Prinzip im BGB.

Die Airlines argumentieren aber, dass Vorauszahlungen nur für Billigangebote gelten. Kunden könnten auch am Tag der Abreise ihr Ticket kaufen, müssten dann aber mehr zahlen.

Da ist nach meiner Ansicht ein vorgeschobenes Argument. Denn der preisgünstige Tarif ist zum „Normaltarif“ für den Verbraucher geworden. Damit verdienen die Airlines ihr Geld. Der Kunde geht indes ein hohes Risiko ein: Geht die Airline nach der Bezahlung der Tickets pleite, ist sein Geld futsch. Wir haben keine Rechtssicherheit bei Insolvenz der Airline.

Haben wir diese Unsicherheit auch bei den Anzahlungen für Pauschalreisen?

Hier greifen unsere Pauschalreiserichtlinie und das BGB. Wird der Anbieter vor Beginn der Reise insolvent, bekommt der Kunde den gezahlten Reisepreis zurück. Bei einer Insolvenz während des Urlaubs werden die notwendigen Kosten für die Rückreise übernommen. Damit beides sichergestellt ist, müssen die Anbieter von Pauschalreisen eine Zwangsversicherung oder eine Bankgarantie dafür abschließen. Aber was die Höhe der Anzahlungen angeht, da wuchert es wild. Große Reisekonzerne verlangen 20 oder 25 Prozent. Kleine Spezialanbieter fordern auch schon einmal 30 oder 40 Prozent.

Das hört sich alles nach Wildwest-Manieren an.

Es steckt schon ein gewisses System dahinter. Reiseveranstalter rechtfertigen die Anzahlungen mit Vorausleistungen, die sie erbringen müssen, um die Reise überhaupt anbieten zu können. Diese Vorausleistungen können in der Tat sehr hoch sein, etwa bei aufwendigen Expeditionen in entlegenen Weltgegenden. Aber auch das ist alles rechtlich sehr unsicher, weil jeder Veranstalter anders kalkuliert.

Wie lässt sich da Sicherheit schaffen?

Indem wir in der neuen EU-Richtlinie eine starre Anzahlungsgrenze für Hotelbuchungen, Flüge und Pauschalreisen festschreiben – etwa von 20 Prozent. Das sollte mit festen Stornosätzen ergänzt werden. Denn auch hier entwickelt sich vieles zuungunsten der Kunden. Die Pauschalen für Stornierungen steigen immer weiter. Inzwischen werden oft 90 Prozent des Preises verlangt, wenn eine Stornierung in der letzten Woche vor Reisebeginn erfolgt. Der Kunde wird regelrecht abgezockt. Wer dagegen klagt, muss sich auf langwierige Gerichtsprozesse einlassen. Das Geld bleibt derweil beim Veranstalter, der damit seine Zahlungsfähigkeit aufbessert.

Warum lässt die Politik dies zu? Nur aus Angst vor Lobbyisten?

Wenn Sie Anzahlungsgrenzen für Flüge fordern, kommt von der Bundesregierung der Einwand, Fliegen sei nichts Nationales, da sei Brüssel gefordert. Aber in Brüssel geht nichts voran, weil Brüssel sagt, die EU ist groß, aber die Welt ist größer. Man dürfe interkontinentale Reisen nicht vergessen. Und die internationalen Verbände, wie die Luftfahrtorganisation IATA, torpedieren weltweite Regelungen.

Wie kann sich der Verbraucher schützen?

Es gibt freiwillige Insolvenzversicherungen. Das kommt aber auf dem Markt nicht an. Wenn sie einen Flug für 19,90 Euro buchen, dann hoffen Sie auf eine schöne Reise und buchen nicht noch eine Pleiteversicherung der Airline für sieben Euro dazu.

Wie würde eine funktionsfähige Regelung aussehen?

Wie bei den Pauschalreisen müssen auch die Airlines zu einer Zwangsversicherung gegen Insolvenz gebracht werden. Ich räume aber ein, dass das die Preise fürs Fliegen erhöhen wird.

Das Gespräch führte Frank-Thomas Wenzel.