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Berliner Zeitung | Vattenfall: „Wir kämpfen wie die Löwen“
24. July 2013
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Vattenfall: „Wir kämpfen wie die Löwen“

Das Vattenfall-Kraftwerk Klingenberg in Berlin-Lichtenberg ist wichtiger Fernwärme-Lieferant für den Ostteil der Stadt. Es soll modernisiert werden.

Das Vattenfall-Kraftwerk Klingenberg in Berlin-Lichtenberg ist wichtiger Fernwärme-Lieferant für den Ostteil der Stadt. Es soll modernisiert werden.

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imago stock&people

Berlin -

Hat der Energieriese Vattenfall kein Interesse mehr am Standort Deutschland? Der schwedische Staatskonzern soll wie berichtet aufgespalten werden – in eine skandinavische und eine kontinentaleuropäisch-britische Sparte. Dies könnte zehn Jahre nach der vollständigen Übernahme des Berliner Stromversorgers Bewag der Beginn des schrittweisen Rückzugs aus Deutschland sein. Diesen Schluss ziehen zumindest Energieexperten nach den jüngsten Aussagen von Vattenfall-Konzernchef Øystein Løseth. Der hatte am Dienstag verkündet, Vattenfall suche Investoren für eine Beteiligung oder die Komplettübernahme von Geschäftseinheiten in Deutschland, den Niederlanden und in Großbritannien.

Kampf ums Netz

Doch Vattenfall-Sprecher Stefan Müller gab am Mittwoch Entwarnung: „Die Ankündigung bedeutet nicht, dass wir in Deutschland unsere Zelte abbrechen“, sagte Müller der Berliner Zeitung. „Es gibt keinerlei Pläne und Entscheidungen, den Standort Deutschland aufzugeben. Das gilt ebenso für Berlin.“ Für Deutschland und Berlin hätte ein Rückzug des schwedischen Staatskonzerns erhebliche Folgen. Denn nicht nur das Deutschland-Geschäft, sondern auch die anderen europäischen Aktivitäten von Vattenfall außerhalb Skandinaviens werden von Berlin aus gesteuert.

Die Schweden hatten 2002 den größten ostdeutschen Kraftwerkskonzern Veag und den Braunkohleförderer Laubag im Land Brandenburg, sowie die Hamburgischen Electricitäts-Werke (HEW) übernommen. Später kam der Berliner Stromversorger Bewag dazu. Heute beschäftigt Vattenfall in Deutschland rund 17 700 Mitarbeiter, vor allem in der Hauptstadt, in Hamburg in den Lausitzer Braunkohletagebauen und Kraftwerken und in Pumpspeicherkraftwerken in Sachsen, Thüringen und an der Küste.

Wie der Konkurrenz machen Vattenfall die gefallenen Strompreise durch den massiven Ausbau der erneuerbaren Energien und die schwache Nachfrage in den Krisenländern Südeuropas zu schaffen. Operativ konnte der Konzern im ersten Halbjahr sein Ergebnis zwar um 3,3 Prozent auf zwei Milliarden Euro verbessern. Vattenfall nahm aber Abschreibungen auf Kraftwerke in Höhe von rund 3,5 Milliarden Euro vor.

Vattenfall will am Berliner Energienetz bleiben

Allein in Deutschland hatte Vattenfall zuvor bereits eine Milliarde Euro für den Ausstieg aus der Atomkraft abgeschrieben. In der Bundesrepublik soll der letzte Meiler bis Ende 2022 stillgelegt werden. Vattenfall hatte die Meiler Krümmel und Brunsbüttel bereits auf politischen Druck hin stillgelegt. „Wir werden uns auch von unserem Anteil am Atomkraftwerk Brokdorf trennen, das wir gemeinsam mit Eon betreiben“, sagte Müller. Damit wäre Vattenfall hierzulande komplett aus der Atomkraft raus.

„Die Zukunft ist grün, doch die Energiewende ist teuer“, so der Sprecher weiter. Dies sei der Grund, weshalb Vattenfall Verkäufe und Beteiligungen plane. In Polen zogen sich die Schweden fast komplett aus dem Stromgeschäft zurück. In Finnland trennte sich Vattenfall von den Energienetzen, in Dänemark wurde ein Heizkraftwerk verkauft. In Lippendorf in Sachsen steht ein Kraftwerksblock von Vattenfall ebenfalls zum Verkauf. Zudem hatten sich die Schweden von einigen Minderheitsbeteiligungen an Stadtwerken in Deutschland getrennt.

In diese Richtung gehe es weiter. Nicht trennen will sich Vattenfall vom Berliner Energienetz. Der Energietisch Berlin strebt eine Rekommunalisierung des Netzes an. Darüber sollen am 3. November die Berliner bei einem Volksentscheid abstimmen. „Wir werden wie die Löwen darum kämpfen, das Netz weiter betreiben zu dürfen“, sagte Müller. In den nächsten zehn Jahren will Vattenfall 1,4 Milliarden Euro in die Modernisierung des Berliner Netzes investieren.

Geplant ist zudem die Modernisierung von Kraftwerken in der Stadt. Bis 2015 sollte das Heizkraftwerk Lichterfelde durch ein modernes Gas- und Dampfturbinenkraftwerk ersetzt werden. In Marzahn-Hellersdorf will Vattenfall ein mit Gas betriebenes Heizkraftwerk bauen, ebenso in Lichtenberg, neben dem Braunkohlekraftwerk Klingenberg an der Rummelsburger Bucht. Das soll nun ein modernes Gas- und Dampfturbinenheizkraftwerk werden. Allerdings werden die Pläne vermutlich erst bis frühestens 2020, und damit erheblich später als ursprünglich geplant, verwirklicht.

Wind und Wasser im Fokus

Auch der umstrittene Braunkohleabbau in der Lausitz bleibe für Vattenfall ein wichtiges Standbein. „Wir wollen die Energiewende, aber wir brauchen vorerst weiter die Braunkohle und die Steinkohle“, sagte Müller. Denn die Kohle sorge dafür, dass der Strom bezahlbar bleibe. Zudem sei Kohlestrom auch dann verfügbar, wenn aufgrund fehlender Sonne oder lauer Winde kein Grünstrom erzeugt werden kann. Dies bleibe so, solange es keine Speicher-Möglichkeiten gebe.

Verabschiedet hat sich der Konzern nach heftigen Bürgerprotesten von Plänen, bei der Braunkohleverstromung im CCS-Verfahren Kohlendioxid auszuscheiden und unterirdisch zu verpressen. Vor allem Offshore-Windkraft und Wasserkraft hätten aus Vattenfall-Sicht Zukunft. In der Wasserkraft ist der Konzern in Deutschland heute bereits dank zahlreicher Pumpspeicherkraftwerke führend. In der Nordsee investiert Vattenfall derzeit eine Milliarde in einen riesigen Windpark – gemeinsam mit den Münchner Stadtwerken. Eine Partnerschaft, so Müller, die gerne Schule machen kann.