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Videotheken-Sterben: Internet killed the Video Star

Video-World-Filiale in der Schönhauser Allee

Video-World-Filiale in der Schönhauser Allee

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kaufhold

„Alles für einen Euro, auch Neuheiten!“ Mit solchen oder ähnlichen Billig-Angeboten buhlen Videotheken in Deutschland derzeit um Kunden. Selbst Blockbuster-Spielfilme, die im Kino für Rekordbesucherzahlen sorgen, verkommen auf DVD zur Ramschware. Und das, obwohl die Zeitspannen immer kürzer werden, zwischen denen ein Film im Kino läuft und auf DVD erscheint.

Doch die Videotheken leiden unter einer immer stärkeren Konkurrenz: Viele Menschen laden sich Filme im Internet herunter, legal oder illegal. Obwohl beim illegalen Downloaden von Filmen schwere Strafen drohen – im Extremfall sogar Gefängnis, lassen sich offenbar immer mehr Bundesbürger dazu verführen, mal eben einen Spielfilm kostenlos herunterzuladen. Der Gefahr, die sie damit eingehen, sind sie sich offenbar nicht bewusst.

„Die Piraterie macht uns das Geschäft kaputt“, bestätigt Jörg Weinrich, Vorstand des Interessenverbandes des Video- und Medienfachhandels in Deutschland. (IVD).Mittlerweile würden in Deutschland mehr Filme illegal als legal vertrieben. „Wir brauchen deshalb unbedingt härtere Maßnahmen gegen die Piraterie.“

So könnten die legalen Anbieter zivilrechtlich gar nichts gegen die Kriminellen ausrichten, weil ihnen die rechtliche Handhabe fehle. „Hier ist der Gesetzgeber gefordert“, so Weinrich. Zudem sei es äußerst schwierig, den Betreibern überhaupt ein Vergehen nachzuweisen, denn sie argumentieren beispielsweise, dass sie die Filme nur zwischenspeichern.

Vergünstigungen reichen nicht aus

Die Videotheken setzt das enorm unter Druck. Viele suchen ihr Heil darin, ihre Ware zum absoluten Niedrigpreis anzubieten. So bietet etwa Video World, eine der größten Videotheken-Ketten in Deutschland, alle Spielfilme - auch die neuesten Blockbuster - in vielen Filialen für nur einen Euro pro Geschäftstag an. Und als wäre das noch nicht billig genug, können Kunden  im Internet auch noch Gutscheine herunterladen, mit denen Filme sogar zwei Tage lang für einen Euro ausgeliehen werden können.

Besonders groß ist in den Video-World-Filialen der Andrang meist dennoch nicht, nur Freitag- und Samstagabend herrscht hier in der Regel Hochbetrieb. In Köln tritt Video World unter dem Markennamen World of Video auf. Die meisten Filialen verlangen 1,50 Euro pro Film.

Doch auch das reicht mitunter kaum noch aus, um die Kosten zu decken. So löst zum Beispiel die World-of-Video-Filiale in der Georgstraße gerade ihre Spielfilm-Abteilung auf: "Das rechnet sich einfach nicht mehr", sagt der Betreiber.

Noch härter ist der Preiskampf in Berlin, bestätigt Video-World-Geschäftsführer Andreas Spinkler. Theoretisch könne jede Filiale die Preise selbst gestalten, „doch die Tendenz geht zu einem Euro pro Geschäftstag“, räumt er ein. Trotz dieses Niedrigpreises machten die Video-World-Läden noch Gewinne, beteuert Spinkler. „Wir bezahlen in der Regel zwischen zehn und 20 Euro für einen neuen Film, das haben wir meist schnell wieder hereingeholt. Von dem einen Euro Vermietpreis leben wir ganz gut. Wir können davon unsere Mitarbeiter bezahlen und machen noch Gewinn.“ Es sei deshalb falsch von einem Dumpingpreis zu sprechen, mit dem die Konkurrenz plattgemacht werden solle.

2,25 Euro pro Film - mit Erfolg

Fakt ist jedoch: Die Zahl der Videotheken geht in Deutschland immer weiter zurück. Denn gerade kleine Läden können mit den Billigangeboten der großen Ketten nicht mithalten. Viele mussten deshalb bereits aufgeben  – wovon die Verbliebenen zumindest kurzfristig profitieren: „In unserer Nähe haben alle anderen Videotheken bereits zugemacht. Das hat uns wieder mehr Kunden beschert“, so der Betreiber einer Videothek in Berlin-Charlottenburg. Er räumt allerdings ein, dass dieser Effekt wahrscheinlich nicht von Dauer sein wird. „Ich mache so lange weiter, wie es geht“, sagt er. „Wenn es sich irgendwann nicht mehr rechnet, dann muss ich mir aber etwas anderes überlegen.“

Es gibt allerdings einige wenige Videotheken, denen es noch richtig gut geht. Die Kette Videotown zum Beispiel nimmt in Berlin 2,25 Euro pro Film und Kalendertag – sofern es sich um Neuheiten handelt – und trotz dieses vergleichsweise hohen Preises läuft es für Videotown gut. Das  Erfolgsrezept: Das Angebot ist sehr groß und umfasst auch Spezialitäten, die zum Beispiel bei Video-World nicht zu finden sind. Und die Filialen sind dort, wo es keine Konkurrenz in der Nähe gibt.

Über die gesamte Bundesrepublik gesehen, sind die Preisunterschiede noch größer: So gibt es Gegenden in Deutschland, in denen die Videotheken mangels Konkurrenz locker drei bis vier Euro pro Film nehmen können. Anderswo wiederum verlangen einige Läden nur 80 Cent am Tag, manche sogar nur 50 Cent – meistens zur Einführung oder als Aktionspreis, aber vereinzelt auch dauerhaft.

Konkurrenzkampf durch Internet steigt

Trotz solcher Kampfpreise verschmähen immer mehr Filmliebhaber die Videotheken und laden sich die Filme lieber bequem zuhause im Internet herunter. Entweder, wie schon erwähnt, als Raubkopie zum Nulltarif, oder aber auch zunehmend ganz legal: als so genanntes Video on demand.

„Video on demand wird in Deutschland immer beliebter“, bestätigt Videotheken-Verbandschef Weinrich. Die Kosten spielen dabei für die Kunden offensichtlich kaum eine Rolle: Bei den meisten Anbietern von Video on demand, so etwa bei der Telekom-Tochter Videoload, kosten Neuheiten 3,99 Euro oder sogar 4,99 Euro für 48 Stunden.

„Diese legale Internet-Konkurrenz macht sich seit dem vergangenen Jahr spürbar für die Videotheken bemerkbar“, sagt Weinrich. „Doch damit kommen die Videotheken klar, im Gegensatz zur Piraterie ist das immerhin eine faire Konkurrenz.“

Völlig eingebrochen ist für die Videotheken das Geschäft mit Erotikfilmen. Steuerten diese vor einigen Jahren noch bis zu 25 Prozent zum Gesamtumsatz bei, sind es heute kaum noch zehn Prozent. Die Gründe liegen auf der Hand: Im Internet können legal und anonym unzählige kostenlose Pornofilmchen konsumiert werden.

Bleiben noch die Vermietung von Videospielen, die in vielen Läden ganz gut bei den Kunden ankommen sowie Snacks und  Getränke: „Manche Videotheken haben regelrecht Spätkauf-Charakter“, sagt Weinrich. Doch auch der Verkauf von Bier, Cola, Schokolade, Gummibärchen oder Chips läuft wegen der immer längeren Öffnungszeiten der Supermärkte längst nicht mehr so gut wie früher. Immerhin können sich manche Videotheken dadurch noch eine Weile über Wasser halten, die sonst schon längst hätten dichtmachen müssen. Doch auf Dauer wird dieses Zusatzgeschäft das Sterben der Videotheken wohl nicht aufhalten. Es wird dadurch nur zu einem Tod auf Raten.

 


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