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Berliner Zeitung | Was der Deal für die Kunden bedeutet: Sigmar Gabriel billigt Fusion von Kaiser's Tengelmann und Edeka
12. January 2016
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Was der Deal für die Kunden bedeutet: Sigmar Gabriel billigt Fusion von Kaiser's Tengelmann und Edeka

Mit der Ministererlaubnis von Sigmar Gabriel könnte Edeka Kaiser's Tengelmann übernehmen.

Mit der Ministererlaubnis von Sigmar Gabriel könnte Edeka Kaiser's Tengelmann übernehmen.

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dpa

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) will die Übernahme der Lebensmittelkette Kaiser’s-Tengelmann durch den Giganten Edeka durchwinken – obwohl Kartellamt und Monopolkommission den Deal verbieten wollen. Wir erläutern, was dies auch die Kunden bedeutet.

Was hat Gabriel genau entschieden?

Medienberichten zufolge will der Minister die Übernahme von Kaiser‘s-Tengelmann mit seinen 450 Filialen und rund 16.000 Beschäftigten durch Edeka unter Auflagen genehmigen. Details sollen im Lauf des Tages bekannt gegeben werden.

Was ist an dem Deal so brisant?

In der Lebensmittelbranche hat sich in den vergangenen Jahren die Marktmacht massiv konzentriert. Zu den beiden großen Discountern Lidl und Aldi kommen Rewe und Edeka. Sie dominieren das Geschäft mit Supermärkten, die komplette Sortimente offerieren. Beide Unternehmen haben sich Deutschland mehr oder weniger aufgeteilt. In Berlin etwa ist Edeka stark, im Rheinland oder in Hessen gibt es Rewe-Filialen in großer Zahl. Unbestritten ist, dass durch die Übernahme von Kaiser‘s der Wettbewerb eingeschränkt wird, und zwar in Berlin und Umgebung, in München und Oberbayern sowie in Nordrhein-Westfalen.

Wie könnten die Auflagen aussehen?

Beobachter erwarten angesichts der möglichen massiven Wettbewerbsbeschränkungen harte Auflagen. Vieles spricht dafür, dass Edeka gezwungen werden soll, in besonders kritischen Regionen eigene Filialen an Konkurrenten abzugeben, um wieder mehr Konkurrenzkampf zu erzeugen.

Wieso kommt überhaupt das Wirtschaftsministerium noch ins Spiel?

Das Kartellamt hat als zuständige Behörde den Deal schon im Frühjahr 2015 untersagt. Im Sommer schloss sich die Monopolkommission, die das Ministerium berät, dieser Position an. Edeka und der Tengelmann-Konzern beantragten aber eine sogenannte Ministererlaubnis. In diesem Verfahren wird nicht nur auf den Wettbewerb geschaut, auch mögliche positive Auswirkungen auf das Gemeinwohl müssen dabei in den Blick genommen werden.

Welche Aspekte von Gemeinwohl spielen eine Rolle?

Die Manager der beiden Unternehmen haben immer wieder betont, dass die 16000 Arbeitsplätze bei Kaiser’s nur durch die Übernahme gerettet werden können. Edeka hat denn auch eine Job-Garantie ausgesprochen. Allerdings ist diese zeitlich befristet.

Es drohen also doch Arbeitsplatzverluste?

Genau darauf hat die Monopolkommission hingewiesen. Die Job-Garantien seien nicht „mit ausreichender Sicherheit erwiesen“, heißt es im Gutachten des Gremiums. Vielmehr diene die Fusion gerade dazu, Kosten zu drücken und vieles effizienter zu machen, was auch den Abbau von Arbeitsplätzen nach sich ziehe – schließlich wirtschaftet Kaiser’s seit Jahren defizitär. Nach Angaben von Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub ist im vorigen Jahr ein Verlust entstanden, der noch deutlich über dem Wert von 2014 liegt, als 40 Millionen Miese gemacht wurden. Das Unternehmen verbrennt also pro Tag mindestens 100000 Euro. Es könnte darauf hinauslaufen, dass für drei oder vier Jahre Stellen erhalten werden, dass danach aber umso heftiger Arbeitsplätze abgebaut werden.

Was bedeutet die Fusion für die Kundschaft?

Zunächst dürfte nur wenig spürbar werden. Die Kaiser’s-Standorte werden bestehen bleiben. Spannend wird, wie sich mittelfristig die Sortimente entwickeln. Eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hat ergeben, dass nach Zusammenschlüssen in den Niederlanden in bestimmten Regionen die Vielfalt des Angebots bei bestimmten Produktgruppen wie etwa Reinigungsmittel oder Wurstwaren oder Konserven abnahm – es werden weniger Hersteller für einen Artikel offeriert. Eine Auswirkung auf Preise wurde nicht festgestellt. Das ist plausibel, weil auch der Edeka-Gruppe Lidl und Aldi allenthalben im Nacken sitzen.

Was wäre die Alternative zu einer Fusion?

Haub hat mehrfach davor gewarnt, dass als Alternative nur eine Zerschlagung von Kaiser‘s denkbar ist. Wobei dies nicht unbedingt das Schlechteste sein muss, denn auch so könnten relativ viele – wenn auch nicht alle - Arbeitsplätze in den Märkten gerettet werden. Mehrere Lebensmittelhändler haben bereits den Finger für Kaiser’s-Filialen gehoben. Dazu zählt die Schweizer Migros-Gruppe, die Standorte in Süddeutschland übernehmen will, um mit ihrer Tegut-Gruppe zu expandieren, die bislang vor allem in Hessen aktiv ist. Auch Rewe, die Nummer drei der Lebensmittelhändler, hat sich gemeldet. Hier könnte es sogar eine Belebung des Wettbewerbs geben, sofern sich Rewe Standorte schnappt, die in Regionen liegen, wo Edeka stark ist.