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Welthandel stockt: Experten sehen ein Ende der Globalisierung

Das rund 400 Meter lange Containerschiff «CSCL Indian Ocean» liegt auf der Elbe bei Stade auf Grund.

Das rund 400 Meter lange Containerschiff «CSCL Indian Ocean» liegt auf der Elbe bei Stade auf Grund.

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dpa

Berlin -

Hakas nennen die Maori, die Ureinwohner Neuseelands, ihren traditionellen Begrüßungstanz, mit dem sie Besucher einschüchtern. Am Donnerstag führten ihn überall im Land Demonstranten auf, um gegen das größte Freihandelsabkommen der Welt, die Transpazifische Partnerschaft (TPP), zu protestieren. Zwölf Regierungen unterzeichneten die Verträge, die einen Handelsblock am Pazifik schaffen soll.

Fast 19 000 Container kann das riesige Schiff CSL Indian Ocean über die Weltmeere transportieren. Bis zu 16 Meter ragt sein Bauch unter die Meeresoberfläche. Bei der Anfahrt auf den Hamburger Hafen, den wichtigsten Umschlagsplatz für das Exportland Deutschland, wurde das zu viel. Vermutlich wegen eines Ruderschadens blieb der chinesische Superfrachter in der Fahrrinne stecken.

Zwei Szenen, die ein Phänomen illustrieren, das mit wachsender Intensität die Gemüter der Fachleute bewegt: Die Globalisierung scheint ins Stocken zu geraten. Sie verliert politisch an Rückhalt und ökonomisch an Kraft und Dynamik. Etwas so Grundlegendes verändert sich in der Weltwirtschaft, dass Thomas Straubhaar, langjähriger Präsident des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts, von einer „Zeitenwende“ spricht. „Es gibt eine deutliche Verlangsamung der Globalisierung“, sagt Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank.

Nationalismus und Protektionismus

Wichtigstes Indiz dafür ist der nachlassende Schwung im Welthandel. Jahrzehntelang boomte der Warenverkehr rund um die Erde. Vor allem seit China mit seinem riesigen Herr an billigen Arbeitskräften Mitte der 1980er Jahre in den Weltmarkt eintrat, wuchs der Austausch rasant. Mit global aufgestellten Wertschöpfungsketten holten sich die Autokonzerne noch die letzte Schraube von der Fabrik, die am günstigsten produzierte. Die Erde schrumpfte, weil Transport kaum noch etwas kostete und das Internet die entferntesten Standorte miteinander verband. Doch seit einigen Jahren wächst der Welthandel langsamer, zuletzt könnte er sogar weniger zugelegt haben als die Weltwirtschaft insgesamt. Hätte er sich nach dem historischen Muster weiterentwickelt, müsste sein Volumen schon 2014 ein Fünftel höher gelegen haben.

Dies stellten Weltbank und Internationaler Währungsfonds (IWF) schon Anfang 2015 fest und fragten besorgt: „ Welche Kräfte bewirken die Abschwächung des globalen Handels?“ Ihre Antwort: Die maue Konjunktur spielt eine Rolle, kann das Ausmaß aber nicht komplett erklären. Natürlich, mit der Finanzkrise brachen die reichen Volkswirtschaften ein. Ihre zahlungskräftigen Verbraucher, Unternehmen und Regierungen kaufen noch immer über zwei Drittel aller international gehandelten Waren und Dienstleistungen ein. Kaum aber hatten sich die USA und ganz wenig Europa von der Krise erholt, gerieten die Schwellenländer in Schwierigkeiten, allen voran China und Brasilien. All das bremst. Aber es muss mehr dahinter liegen, wenn eine mächtige Kraft wie die Globalisierung derart an Tempo verliert. Als einen Grund führen Weltbank und IWF politische Probleme an, den wachsenden Nationalismus oder Protektionismus.

Näher am Kunden produizieren

Seit Jahrzehnten bekommt die Welthandelsorganisation WTO kein globales Handelsabkommen hin. In vielen Ländern lehnen die Menschen weitere Öffnungen der Märkte ab, weil die bisherige Globalisierung ihre Hoffnungen nicht erfüllt hat. Also versuchen die Regierungen, mit regionalen Verträgen wie dem TTP oder auch dem europäisch-amerikanischen Vertrag TTIP wenigstens in begrenztem Maß Barrieren abzubauen. Doch der Liberalisierungs-Schwung ist dahin. Und die vielen politischen und militärischen Konflikte haben die Perspektiven kaum verbessert.

Kriege, Terror und Krisen hemmen Unternehmen und Investoren. Mindestens so nachhaltig aber dürften die ökonomischen Veränderungen sein. Ein neues Muster im globalen Handel beobachten IWF und Weltbank. In ihrer Studie weisen sie auf Verschiebungen vor allem bei den Ex-und Importen zwischen den Giganten USA und China hin. Die Wertschöpfungsketten bekommen eine andere Gestalt, weil auch in der Volksrepublik die Löhne und damit die Kosten steigen. Das Schwellenland stellt sein Geschäftsmodell um, weg von Investitionen und Massenproduktion hin zu höherwertiger Fertigung. Viele Teile, die die Chinesen lange aus dem Ausland beziehen mussten, stellen sie nun selber her. Inzwischen benötigen ihre im Export tätigen Fabriken laut IWF und Weltbank die Hälfte weniger Importe für ihre Produktion als noch in den 1990er Jahren. Und so schrumpft der Basar mit dem Hin und her von vielen Einzelkomponenten.

Hinzu kommt eine zweite mächtige Kraft – die Digitalisierung, wie der Ökonom Straubhaar betont. „Die Globalisierung, wie sie früher gefeiert haben, mit Containern, Schiffen und Häfen, wird immer weniger relevant“, lautet seine Diagnose. Es mache auf Dauer keinen Sinn, Standardgüter zentral herzustellen und sie dann um die halbe Welt zu schiffen. „Künftig wird wieder mehr vor Ort produziert, näher am Kunden.“ Beispielhaft dafür steht der 3D-Drucker, mit dem sich in ganz anderer Dimension Waren überall auf der Welt fertigen lassen. Wie diese technischen Innovationen die Gewichte in der Weltwirtschaft verschieben, ist nicht absehbar. Und doch wird mit der zunehmenden Digitalisierung deutlicher, dass wir uns von der alten, gewohnten, vertrauten Globalisierung verabschieden müssen. Wenn ein Mausklick reicht, um Wissen und Fertigkeiten über alle Grenzen hinweg zu verschicken, verliert der klassische Güterhandel an Bedeutung. Mit den neuen Techniken und Wertschöpfungsketten wandelt auch die Globalisierung ihren Charakter. Sie bekommt ein neues Gesicht.